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Wenn Weihnachten wird

Zack! Plötzlich war es dunkel. Zappenduster. Das kleine Mädchen erschrak fürchterlich. Gerade noch hatte es gedankenverloren mit den Schaumbergen in der alten emaillierten Badewanne gespielt. Und jetzt war es stockdunkel um sie herum.
„Mama? Mama!“ Nichts geschah.
Das Licht blieb aus, die Badezimmertüre zu. Ob wieder einmal eine der Sicherungen durchgebrannt war? Das passierte schließlich öfter in der große alten Wohnung, die zwar Stuck an der Decke, aber dafür keine Heizung hatte. Warten. Es kam ihr vor wie eine kleine Ewigkeit. Hoffentlich ging das Licht bald wieder an. Eigentlich ging das mit den Sicherungen immer schnell. Wenn das doch immer so leicht wäre.
Etwa bei den Sicherungen, die ihrem Vater oft genug herausflogen.
Das Mädchen begann, nachzudenken. Heute an Heiligabend war es besonders schlimm. Bereits am frühen Morgen hatte sie die scheltende Stimme ihres Vaters geweckt. „ Beeil dich mal. Die Wohnung sieht aus wie Sau, der Baum steht noch nicht. Was machst du eigentlich die ganze Zeit?“ Ihre Mutter war stumm geblieben. Wie stets, wenn er es nicht allzu arg trieb. Den ganzen Tag war er am Meckern. Als ginge ihn all das gar nichts an, saß er mit geöffneter Bierflasche und Zigarette da. Kommandierte sie herum, sobald sie von ihrer Arbeit in der Fabrik nach Hause kam. Essen machen, putzen, die Tiere versorgen. Und nichts, gar nichts war ihm gut genug. Wie sie das hasste!
Noch schlimmer war es, wenn er seine Zechkumpane einlud. Gartennachbarn und Gestalten aus dem Obdachlosenheim saßen dann herum, qualmten und tranken und fanden kein Ende. Laut und immer lauter, immer gehässiger wurden ihre Litaneien. Alle halbe Stunde unterbrach der Westminsterschlag der großen Standuhr das Palaver. Dazu kam das Gedudel des Kassettenrecorders. Hoch auf dem gelben Wagen, Im Frühtau zu Berge, Ave Maris Stella in Endlosschleife. An Schlafen war da nicht zu denken- weder für sie noch für ihre Mutter. Dabei hätte die die Ruhe nach dem anstrengenden Arbeitstag wirklich nötig gehabt. Schließlich musste sie bereits um kurz nach drei in der Frühe aufstehen, um kilometerweit bei Wind und Wetter mit dem Rad zur Arbeit zu fahren.
„Mama? Mama, was ist los?“ Erneut rief das Mädchen, erneut blieb es stumm um sie.
Langsam wurde ihr unheimlich zu Mute. Schließlich blieb es oft genug nicht beim Schelten und Beschimpfen, bei Drohen und Erniedrigen. Dann rutschte ihm die Hand aus.
Wie oft hatte sie ihre Mutter mit Tränen in den Augen im Badezimmer stehen sehen, voller neuer blauer Flecke. Im vergangenen Jahr hatte er aus heiterem Himmel mit einem Buch nach ihr geworfen- dem Märchenbuch, das sie eben als Geschenk bekommen hatte. Ob er sie auch jetzt gerade schlug, ihr die Schuld gab für den Stromausfall? Dem Mädchen kroch die Panik den Rücken hoch. „Mama, komm doch“, wimmerte sie.
Da ging die Tür auf.
Vor ihr stand ihre Mutter, mit einer brennenden Kerze und einem Bademantel in der Hand.
„Die haben uns den Strom ausgedreht“, sagte sie und sah dabei unendlich müde aus. „Aber ich habe bereits telefoniert. In einer Stunde kommt jemand vorbei und wenn er das Geld hat, kriegen wir wieder Strom. Und jetzt komm erst mal aus der Wanne, in Ordnung, mein Schatz?“
Ein Gefühl von unbeschreiblichem Glück durchflutete die Kleine, als sie sich an ihre Mutter schmiegte. Ihr war nichts geschehen. Es war Weihnachten, genau jetzt.
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