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Feigling und Feigeline Teil 2

Feigling und Feigeline

„Dann können wir ja mal zusammen klettern“, sagte er, „aber du musst dich dann darauf gefasst machen, dass ich immer als Erster oben bin.“
„Dann musst du dich aber darauf gefasst machen, dass ich dann als Erste wieder unten bin!“, gab sie ihm mit einer gewissen Kälte zurück, erschrak sich aber, als sie plötzlich bemerkte, dass sich seine Schultern bis zu seinen Ohren hochgezogen hatten wie um sich gegen einen scharfen Wind zu schützen. „Oh, entschuldige“, sprach sie etwas kleinlaut weiter, „ich wollte dich nicht kränken, ich war nur etwas ärgerlich, weil du so angegeben hast!“
„Ich bin nicht gekränkt“, rief er jetzt zu ihr hinüber an das andere Ufer. „Ich habe dich ja gar nicht richtig verstanden. Komm doch zu mir, dann brauchen wir nicht so zu schreien.“
Seine Schultern glitten wieder hinunter und er spürte mit einem Mal ein inneres grinsen Grinsen, eine innere Genugtuung, als er ihm bewusst wurde, dass sich zwischen ihnen ein Graben befand, den sie sich offenbar nicht zu überspringen getraute und er fühle in sich seine Eltern und die Polizei und seine Kumpels vom See, die sich alle an ihn nicht mehr erinnerten, weil sie ihn als Feigling aus ihrer Erinnerung gelöscht hatten. Und hätte er sich nicht die Augen gerieben, wäre sie für ihn wohl auch verloren gegangen.
„Du weißt, dass ich nicht über den Graben springen kann. Weil ich es einfach nicht kann! Also.lass mich in Ruhe!“ Danach drehte sie sich um, machte aber keine Anstalten zu gehen.
„Ich habe übrigens gar keine Angst von den Bäumen zu springen. Ich bin sogar schon einmal vom Eiffelturm gesprungen. Und meinen Eltern habe ich erzählt, dass ich hinunter geflogen wäre, weil sie mir das mit dem Springen sowieso nicht geglaubt hätten.“
„Und das mit dem Fliegen, das glauben sie dir?“, fragte sie wie jemand den man für dumm verkaufen will, wobei sie den Kopf über die eine Schulter gedreht hatte.
„Meine Eltern glauben ...glaubten mir alles, nur nicht, dass ich von etwas herunter springen würde.“
„Und warum springst du dann nicht von dem Baum am See?“ Sie hatte den Kopf jetzt über die andere Schulter gedreht.
„Weil ich nicht schwimmen kann!“ Das saß. Jedenfalls für einen Moment. Sie brauchte diesen Moment, um sich langsam wieder zu ihm zurück zu drehen.
„Aha!“, ließ sie sich vernehmen. Etwas anderes war ihr so auf die Schnelle nicht einfallen.
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