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Dort hinten auf der Wiese - Erinnerungen

Dort hinten auf der Wiese

Da ich nur den Nachmittagszug nehmen konnte, blieb es nicht aus, dass ich gewohnheitsmäßig einnickte, wie immer zwischen drei und vier Uhr. Doch kaum war ich eingebrummelt, da strich mir eine Hand durch das Gesicht, sanft, aber bestimmt. Diese Hand gehörte zu einem Körper, der sich in einen lachenden frischen Mund auflöste. Der Mund bewegte sich wie Wellen.
„Komm mit, ich liebe dich“, rauschte es aus ihm heraus. Und eh ich mich versah, hatte mich die Hand durch die Abteiltür gezogen.
„Wir gehen auf die Wiese“, hörte ich. Und die andere Hand griff die Notbremse und stoppte den Zug.
Auf der Wiese hatte ich dann sogar vergessen, dass ich meine Koffer vergessen hatte.
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„Wollten Sie nicht in Bernbach aussteigen?“, fragte mich der Schaffner, nachdem er mich so kräftig wachgerüttelt hatte, dass mir meine Lesebrille von der Nase gerutscht war und nur noch mit einem Bügel am linken Ohr hing. Ich nickte verschlafen und verstört.
„Na, denn mal rasch“, drängte der Schaffner, „ wir haben nur eine Minute Aufenthalt!“
Unversehens fand ich mich auf dem Bahnsteig wieder, suchte mich zu erinnern und zu orientieren und ging dorthin, wo ich meinte, dass es richtig sei. Glücklicherweise hatte ich nicht wie üblich in überraschenden Situationen meinen Stock liegen gelassen, denn der Weg war doch beschwerlicher, als ich es gedacht hatte. Bei einem Burschen vergewisserte ich mich, dass ich die richtige Richtung eingeschlagen hatte.
Der Tisch vor dem Häuschen war schon gedeckt. Auf einer karierten Tischdecke stand ein brauner Topfkuchen, an dem nicht mit Eiern gespart schien und auf einem Stövchen mit einem Talglicht wartete eine dickbauchige Kaffeekanne.
Die Tür öffnete sich, und es erschien darin eine Frau, die sich hastig die Schürze abband, als sie mich sah.
„Du lieber Himmel! Sie sind ja schon da!“, rief sie wie ertappt.
Ich nahm meinen Hut ab, murmelte etwas Verlegenes und vergewisserte mich ein weiteres Mal, indem ich einen diskreten Blick in meinen Hut warf, in den ich das Foto und die Heiratsanzeige geklebt hatte.
Der Frau ergriff mich am Arm, nachdem sie den Dutt gerichtet hatte und führte mich zum Tisch, um mich behutsam in den Stuhl zu setzen. Ein wenig unbedacht und unwirsch nörgelte ich: „Sie brauchen sich nicht zu bemühen, ich bin noch ziemlich rüstig.“
Sie lächelte nur wie eine Woge und belud den Teller vor mir mit Kuchen. Ich mümmelte so gut es ging ein kleines Stück mit dem neuen Gebiss, nachdem ich es vorher in dem Kaffee weich geweicht hatte und betrachtete die Frau.
Sie sah mir gerade in die Augen und durch mich hindurch. Das tat sie so beharrlich, dass ich mich schließlich umdrehte, nichts Aufregendes entdeckte und mich fragend zu ihr zurückwandte. Da stand sie auf, nahm mich an die Hand, zog mich aus dem Gartenstuhl und schob mich, obwohl ich mich zeternd sträubte, hinter das kleine Haus, strich mir dort mit der Hand über die grauen Stoppeln in meinem Gesicht und sagte:
„Erinnerst du dich noch? Wir damals dort hinten auf der Wiese?“
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