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"Winterzirkus" - Eine wahre Weihnachtsgeschichte aus Hamburg Duvenstedt

Frau Harms fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut.
Notgedrungen und unlustig räumte sie ihren Geschirrspüler aus.
Weihnachtsstimmung kam auch heute, ein Tag vor Heiligabend, nicht auf.
Die Gedanken waren bei ihrer Tochter, die heute morgen in die Klinik gegangen war.
Sie war bereits zehn Tage über den errechneten Termin und sie befürchteten, dass eine
Geburtseinleitung erfolgen müsste.
Aus dem Augenwinkel meinte sie, eine Gestalt mit einem großen Hund gesehen zu haben.
Gleich danach klingelte es. Bevor sie die Haustür erreichte, hatte ihr Mann sie bereits geöffnet und sagte lachend: "Wollen Sie uns Ihr Tier verkaufen?"
Der vermeintliche Hund war ein Esel. Eine junge Frau mit Pelzmütze, Lederjacke und langschäftigen Stiefeln hielt ihn an einer kurzen Hanfleine.
Die Frau lächelte und antwortete: "Nein, der ist unverkäuflich! Den brauchen wir für unsere Existenz. Ich sammle für unseren Zirkus im Winterquartier."
"Ständig wird bei uns an der Tür geklingelt!", herrschte Frau Harms sie an. "Leute, die uns Weihnachtskarten andrehen oder Spenden sammeln wollen. Gestern hat uns jemand aus dem Mittagsschlaf gerissen, weil er uns einen Tannenbaum verkaufen wollte. Dabei haben wir selber welche im Garten!"
Die Frau schien ziemlich entmutigt und antworte leise: "Entschuldigung, dass konnte ich ja nicht wissen!"
Herr Harms lachte und sagte beschwichtigend: "Natürlich konnten Sie das nicht! - Wo sind Sie denn untergekommen?"
"Beim Bauer Krull."
"Ach da, das ist ja in der Nähe, an der Grenze zu Duvenstedt. Und wann und wo geht es wieder los?"
"Da jetzt überall Weihnachtsmärkte sind, erst Mitte Januar auf der Wiese hinter dem Marktplatz."
Sie hatte die Leine inzwischen losgelassen, und der Esel stand regungslos neben ihr.
Es war ein schönes Tier. Vorne war er grau und fast in der Mitte bis zum Schwanz ging das Fell in ein dunkles Braun über. Herr Harms strich genau bei diesem farblichen Übergang über den Rücken des Tieres und fragte: "Wie heißt er denn?"
"Flecki."
Herr Harms schmunzelte. "Ja, wie denn sonst! - Und wie heißen Sie?"
"Ich?"
"Nein, nicht Sie persönlich! Ihre Zirkustruppe, die haben doch alle einen Namen so wie Busch, Renz oder Sarasani."
"Wir sind nur ein kleiner Familienbetrieb. Über dem Zelt steht nur einfach 'Zirkus'."
"Und was haben Sie zu bieten?"
"Wir haben Jongleure, einen Feuerschlucker und einen Clown. Die Hauptattraktion ist aber Flecki mit seinen Kollegen." Sie klopfte dem Esel auf das Hinterteil, dass er zusammenzuckte. "Wir spielen die 'Bremer Stadtmusikanten'. Meine beiden Töchter und die drei Söhne meiner Schwester trommeln ganz leise in der abgedunkelten Manege. Als erstes läuft Flecki herein, machte einige Bocksprünge und stellt sich vor den Kindern auf. Danach kommt der schwarze Hund, der auf ihn raufspringt. Die gelbe Perserkatze hat auch keine Schwierigkeit, mit einem Sprung auf dem Hund zu landen und bleibt mit krummem Buckel ruhig sitzen. Das Trommeln der Kinder ist inzwischen immer lauter geworden, und mit einem wahren Trommelwirbel - bei dem das Licht langsam hochgedimmt wird - flattert der Hahn nach oben, reckt den Kamm und schreit lauthals kikeriki."
"Donnerwetter!", entfuhr es Herrn Harms. Er griff dem Esel in die Mähne und sagte: "Du bist ja ein richiger Star! Da kann ich ja gar nicht anders, als dir einen Leckerli zu besorgen." Er ging ins Haus. Frau Harms sagte: "Ich hab das vorhin nicht so gemeint!"
Die Frau winkte ab. "Das bin ich gewohnt!"
Herr Harms kam zurück und hielt dem Esel eine Möhre hin, die er sofort zerkaute.
Er öffnete sein Portemonnai und fragte: "Wo haben Sie die Sammelbüchse?"
"Wir nehmen das Geld so an", antwortete sie. "Mit diesen Sammelbüchsen haben wir schlechte Erfahrungen gemacht. Die meisten stecken da nur Münzen rein, manchmal nur zehn Cent."
"Ich verstehe!" Er entnahm einen Zwanzig-Euro-Schein und drückte ihn ihr in die Hand.
"Oh, vielen Dank! Und frohe Weihnachten!" Sie nahm Flecki  an die Leine und ging.
Sie schauten ihnen hinterher. Kurz vor der Gartenpforte blieb der Esel stehen und bedankte sich mit einem großen Haufen. Die Frau hatte noch versucht, ihn nach draußen zu ziehen, aber Esel sind ja bekanntlich stur.
"Nun auch noch diese Schweinerei!", schimpfte Frau Harms.
Ihr Mann lachte. "Man sagt doch, Scheiße bringt Glück!"
"Ja, dann mach das man gleich wieder sauber!"
Als er zurückkam, war sie mit der Arbeit in der Küche fertig und hatte ein paar Äpfel zerschnitten. "Wo bist du damit abgeblieben?"
"Na, wo schon? Auf unserem Komposthaufen. Das ist doch bester Dünger!"
Jetzt lachte sie zum ersten Mal. "Ein dressierter Zirkusesel, den man nicht mal davon abhalten kann, bei großzügigen Leuten seine Hinterlassenschaft im Vorgarten abzuladen!"
Er blieb ganz ernst und fragte: "Bist du so sicher? Der hat ja noch nicht mal ein vernünftiges Halsband! Du hast doch selbst diesen Strick von Wäscheleine gesehen!"
Er nahm sich ein Stück Apfel und ergänzte: "Bauer Krull züchtet doch Esel und die Wiese hinter dem Markt hat schon seit Wochen einen Bauzaun!"
"Du meinst sie hat uns belogen und sich diesen Esel nur ausgeliehen?"
"Ja."
"Und dann hast du ihr trotzdem zwanzig Euro gegeben, nachdem sie vorher diese Masche mit der Spendendose und den kleinen Münzen abgezogen hat?!"
"Ja, weil da großer Mut zugehört! Außerdem hatte sie viel Phantasie! Diese Schilderung mit den Bremer Stadtmusikanten war doch wirklich gut gelungen und fast überzeugend!"
Frau Harms schwieg. Er kaute nachdenklich an dem Apfel und sagte dann: "Mir ging noch etwas anderes durch den Kopf: Der Esel war doch damals in Bethlehem dabei. Vielleicht war das irgendein Zeichen?!"
Seine Frau schüttelte lächelnd den Kopf. "Du hast auch so eine blühende Phantasie wie diese Zirkusprinzessin!"
Abends rief ihr Schwiegersohn an und Frau Harms sagte anschließend strahlend zu ihrem Mann: "Herzlichen Glückwunsch zum Großvater! Susanne hat heute Mittag ein Mädchen entbunden. Es war eine ganz normale Geburt ohne Komplikation."
Herr Harms lächelte glücklich und erleichtert und meinte: "Von wegen Phantasie! Dann waren die zwanzig Euro doch gut angelegt!"





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