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Pater Dr. Max Joseph Größer - Auswandererseelsorger und Opfer des Nationalsozialismus

Pater Max Größer SAC
 
Grab von Max Größer auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf am 19. 03. 2010 anlässlich seines 70. Todestages
Hamburg: Raphaels-Werk | Heute kennt fast keiner mehr Max Joseph Größer. Der langjährige Mitarbeiter und vierte Generalsekretär des St. Raphaels-Vereins, heute Raphaels-Werk, war aber eine der interessantesten, einsatzfreudigsten und bedeutendsten Gestalten des deutschen Sozialkatholizismus während der Zeit der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Herrschaft. Im Engagement für auswanderungswillige Juden wurde er auch ein Opfer dieses Terrorregimes. Größer wurde ins deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen.

Zum 140jährigen Jubiläum des Raphaels-Werkes wurde ein Stolperstein in der Adenauerallee 41 in Hamburg zu seiner Erinnerung und Ehrung verlegt.

Größers Leben stand im Dienst der Auswanderer und der Auslandsdeutschen. Im 19. Jahrhundert war die Zahl der Auswanderer sprunghaft gestiegen. Sie waren vor dem Start der Auswanderung, bei der Schiffsüberfahrt nach Übersee und im Zielland zahlreichen Risiken ausgesetzt. Zu ihrem Schutz hatte der Limburger Kaufmann Peter Paul Cahensly den St. Raphaels-Verein 1871 gegründet. Pallottinerpatres aus Limburg übernahmen 1920 das Generalsekretariat, das zu dieser Zeit nach Hamburg, einem der Brennpunkte der Auswanderung verlegt wurde. Seit dieser schwierigen Nachkriegszeit war Größer für die Auswanderer engagiert.

Kindheit, Ausbildung und erste Berufstätigkeit

Max Joseph Größer war am 15. August 1887 in Hannover geboren. Aufgewachsen war er im Waisenhaus der Vinzentinerinnen in Hannover-Döhren. Schon 1901 trat er bei der Gesellschaft vom Katholischen Apostolat (Societas Apostolatus Catholici, Abkürzung) in Limburg ein. Da diese Gesellschaft 1835 von Vincenzo Pallotti gegründet wurde, werden die Angehörige dieser Gesellschaft im Volksmund kurz Pallottiner genannt.

Größer besuchte die Schulen der Pallottiner in Vallendar und Ehrenbreitstein. Dort schon wurde seine wissenschaftliche, musikalische und sonstige besondere Begabung entdeckt und sein großer Arbeitseifer wahrgenommen. 1905 begann er das Noviziat in Limburg. Am 9. Juli 1911 wurde er zum Priester geweiht. Nach weiterem Studium an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster übernahm er an der Theologisch-Philosophischen Hochschule seines Ordens in Limburg Vorlesungen über das Neue Testament und in Missionswissenschaft. Ferner übertrug ihm der Orden die Schriftverwaltung der Ordenszeitschrift „Stern der Heiden“. Gleichzeitig veröffentlichte er wissenschaftliche Beiträge in der von dem Münsteraner Missionswissenschaftler Joseph Schmidlin herausgegebenen „Zeitschrift für Missionswissenschaft“.

Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis Ende 1915 war er Feldgeistlicher an der West- und Ostfront. Beim Sekretariat Sozialer Studentenarbeit, das der Studentenseelsorger, Begründer der studentischen Sozialarbeit und Großstadtapostel Carl Sonnenschein aufgebaut hatte, veröffentlichte Größer 1918 die Schrift „Weltpolitik im Reiche Gottes“. Hier bekundete er bereits die Weite und Offenheit seines sozialen Engagements.

1921 promovierte er in der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg über das völkerkundliche Thema „Die ideellen Grundlagen bei den Todes- und Begräbnisbräuchen der Bantuneger“. In seinen missionswissenschaftlichen und völkerkundlichen Arbeiten sprach er sich gegen das damals verbreitete Vorurteil der angeborenen Inferiorität afrikanischer Völker aus und hob die Notwendigkeit der Bildung und die Chancen der Volkserziehung in den Missionen hervor.

Im Dienst der Auswandererfürsorge und Auswandererseelsorge

1921 übernahm Max Joseph Größer zusammen mit dem 14 Jahre älteren Pallottinerpater Georg Timpe, der zunächst das Amt des Generalsekretärs bekleidete, die ihn prägende Berufsaufgabe der sozialen Arbeit für die Auswanderer. Der Auswandererfürsorge, Auswandererseelsorge und Auswandererberatung galt fortan seine ganze Sorge und sein Einsatz. Die Arbeit musste nach dem Ersten Weltkrieg neu aufgebaut und organisiert werden. Dazu wurde das Generalsekretariat von Freiburg in die Welt- und Hafenstadt Hamburg, dem Zentrum der Auswanderung, verlegt. Die Beratungstätigkeit für Auswanderungswillige wurde intensiviert. Dies war erforderlich geworden, da die traditionellen Einwanderungsländer wie USA, Kanada, Australien wie auch Lateinamerikas die Einwanderung begrenzten und durch Festsetzung einer jährlichen Einwandererquote und Einführung des Visumzwanges regulierten. Auswanderungswillige mussten vor überzogenen Erwartungen und übereilten Schritten gewarnt werden. Der Aufgabe einer durchdachten und kompetenten Auswandererfürsorge und Auswandererseelsorge widmete sich Größer konkret vor Ort, aber auch bei Konferenzen im In- und Ausland. Er vertrat z. B. den St. Raphaels-Verein auf der internationalen Konferenz für Auswandererwesen am 1. August 1922 in Luxemburg, an der Vertreter aus 15 Nationen teilnahmen. Es galt die während des Ersten Weltkrieges zusammengebrochene Kooperation der verschiedenen europäischen Organisationen im Dienste der auswandernden Menschen wiederzubeleben.

Leiter des katholischen Auslandssekretariats

Max Größer wurde der Aufbau des katholischen Auslandssekretariats, der wissenschaftlichen Informations- und Archivstelle für das katholische Deutschtum im Ausland anvertraut. Diese Aufgabe hat er zunächst in Hamburg beim Generalsekretariat des St. Raphaels-Vereins, ab 1927 beim „Reichsverband für das katholische Deutschtum im Ausland“ in Berlin wahrgenommen. Er baute eine Fachbibliothek von 10 000 Bänden über das Auslandsdeutschtum auf und verfasste zahlreiche Bücher und Artikel zur deutschen Kultur im Ausland. Zusammen mit Georg Timpe begründete er 1924 die Zeitschrift „Die Getreuen. Zeitschrift für die Katholiken deutscher Zunge in aller Welt“. Diese Zeitschrift fand nicht allein in Deutschland, sondern auch in Übersee Verbreitung. Mit ihr wurde Kontakt zu zahlreichen Ausgewanderten gehalten, sie war Vermittlerin zwischen der Heimat und der Fremde. Größer publizierte zudem im "Jahrbuch für die katholischen Auslandsdeutschen" und weiterhin in Missionszeitschriften. Er plädierte für die Übernationalität der Mission - in dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit.

Vom März 1924 bis Januar 1925 unternahm Größer eine Studienreise in die Vereinigten Staaten und nach Kanada und besuchte dabei viele kirchliche und staatliche Behörden, um dort das Interesse an den Auswanderern zu beleben. Er erkundete vor allem die Auswanderungsmöglichkeiten für Landwirte. Auf der ersten großen Raphaelstagung im Mai 1925 in Hamburg referierte Größer über seine neuesten Erfahrungen mit den landwirtschaftlichen Möglichkeiten in Kanada und den Vereinigten Staaten. Auch zu Brasilien nahm er Kontakte auf und war hilfreich bei der Besiedlung der Kolonien Terra Nova und Rolandia in Südbrasilien. Größer war maßgeblich an der Gründung der „Gesellschaft für Siedlung im Auslande“ 1931 in Berlin beteiligt.

Größer galt als anerkannte Autorität in der Auswandererfürsorge. Er vertrat den St. Raphaels-Verein und das Auslands-Sekretariat auf den Katholikentagen. Seine vielseitige Kompetenz war so gefragt, dass er auch die Reichsregierung in Auswanderungsfragen beriet. Wissenschaftlich hat er mit dem einflussreichen Reichstagsabgeordneten, Kirchenhistoriker und Wissenschaftspolitiker Prälat Georg Schreiber und dem Missionswissenschaftler Joseph Schmidlin zusammengearbeitet.

Generalsekretär beim St. Raphaels-Verein

Am 10. Oktober 1930 übernahm Max Joseph Größer als Nachfolger des Pallottinerpaters Georg Timpe die Aufgabe des Generalsekretärs beim St. Raphaels-Verein in Hamburg, wo er schon Jahre zuvor als Seelsorger in den Auswanderungshallen der HAPAG tätig gewesen war. Die Amtsübernahme fiel in die schwierige Zeit der Weltwirtschaftskrise und dann in die Umbruchszeit der nationalsozialistischen Herrschaft, die Größer und den Raphaelsverein vor besondere Herausforderungen stellten.

Im Juni 1931 konnte der St. Raphaels-Verein noch sein 60jähriges Jubiläum in Stuttgart begehen. Im Programm kommt Größers Organisationstalent zum Ausdruck. Bischof Wilhelm Berning, der seit 1921 Präsident des Vereins war, hielt den Festvortrag „Der St. Raphaelsverein in der Vergangenheit und vor den Problemen der Gegenwart“- ein damals sehr aktuelles Thema. Der Verein konnte darauf hinweisen, dass er in den vergangenen 60 Jahren mehr als zweieinhalb Millionen Auswanderer der verschiedensten Nationen betreut hat. Das war die letzte größere frei gestaltete öffentliche Veranstaltung des St. Raphaels-Vereins vor der nationalsozialistischen Machtübernahme.

Noch im gleichen Jahr gab Größer im eigenen Raphaelsverlag eine wichtige Informationsbroschüre „Raphaelsdienst“ heraus. Diese Publikation hatte die Vergangenheit wie die Probleme der Auswanderung in der damaligen Gegenwart im Blick.

In der Zeit der hohen Arbeitslosigkeit stieg die Zahl der Auswanderungs-beratungen. Die Nachfrage nach Auswanderungschancen war sehr groß. Der St. Raphaels-Verein wandte sich verstärkt den Fragen der Auslandssiedlung zu. In den Südstaaten Brasiliens, in Argentinien und Paraguay sah er Möglichkeiten, Auswanderungswillige mit verhältnismäßig geringen Kosten anzusiedeln. Diese Ansiedlung kam in erster Linie für junge Landwirte in Frage, die entschlossen waren zu harter entsagungsvoller Arbeit und die auch bereit waren, auf manche Annehmlichkeit des Lebens Verzicht leisten zu können. Dafür wäre ihnen aber auch der Unterhalt gesichert. Die Kolonie Terra Nova in Südbrasilien wurde als Mustersiedlung hervorgehoben.

„Sonderhilfswerk“ und „Hilfsausschuß für katholische Nichtarier“

Einschneidend waren die Veränderungen für den St. Raphaels-Verein durch die nationalsozialistische Herrschaft. Zahlreiche Juden drängten aufgrund der ständig zunehmenden Diskriminierungen, Entrechtung und Verfolgung ins Ausland. Die Ausnahmegesetzgebung gegen die deutschen Juden, die zur Entlassung zahlreicher Juden aus ihren Stellungen führte, setzte bereits im April 1933 ein. Deshalb schuf schon 1933 der St. Raphaels-Verein unter Größers Leitung ein „Sonderhilfswerk“ zugunsten der Personen, die aus politischen Gründen ihren Beruf verloren hatten und auszuwandern gedachten. Dabei vermied der Verein, der der 1924 errichteten Reichsstelle für das Auswanderungswesen unterstand, alles, was dem Regime ein Eingriffsrecht gegeben hätte. Größer hat die Fürsorgearbeit für die katholischen „Nicht-Arier“, wie es damals hieß, „als selbstverständliche Pflicht in den Aufgabenkreis des St. Raphaels-Vereins zielbewusst und systematisch eingebaut“. (Wilhelm Nathem: Die Fürsorgearbeit des St. Raphaels-Vereins für die katholischen Nichtarier. Dezember 1945, S. 2. Archiv des Erzbistums Hamburg).

Um das „Sonderhilfswerk“ bei den deutschen Bischöfen bekanntzumachen und ihre ideelle und finanzielle Unterstützung zu erbitten, trat Größer im Februar 1934 eine Rundreise durch Deutschland an. Bei dieser Gelegenheit erbat er für seine geplanten Reisen ins Ausland mit dem Ziel, arbeitslos gewordenen katholischen Juden die Ausreise zu ermöglichen, von Kardinal Bertram ein Empfehlungsschreiben, das zur vollen Zufriedenheit des Vorstands des St. Raphaels-Vereins ausfiel. Während dieser Rundreise besuchte Größer auch den größten Teil der Beratungsstellen im Deutschen Reich, ferner die meisten Priesterseminare, in denen er Vorträge über die Raphaelsarbeit hielt. Von den Beratungsstellen, die meist bei den Caritasverbänden angesiedelt waren, trugen die Hauptlast die in Berlin, Breslau, Oppeln, Köln, Frankfurt und München, weil dort besonders viele „Nichtarier“ und „Mischlinge“ wohnten.

1935 gründete der St. Raphaels-Verein zusammen mit dem Deutschen Caritasverband einen „Hilfsausschuß für katholische Nichtarier“. Der „Hilfsausschuß“ sollte als Dachorganisation des „Sonderhilfswerkes“ und des caritaseigenen „Caritas-Notwerks“ tätig sein. Er sollte die Ausbildung von jüdischen Jugendlichen und die Umschulung von Erwachsenen vorbereiten. Diese Maßnahme wurde geplant, um die Auswanderungswilligen in Berufen zu schulen, die im Ausland gefragt waren, um sie also auf die Bedürfnisse der ausländischen Arbeitsmärkte vorzubereiten. Umschulungskurse in katholischer Trägerschaft kamen aber wegen zahlreicher Schwierigkeiten der Klöster, die solche zunächst planten, nicht zustande. Der Hilfsausschuß riet deshalb Ratsuchenden, sich an Umschulungskursen auf geschäftlicher Basis zu beteiligen. Größer klagte: „Gewiß stehen wir auf katholischer Seite hier weit zurück vor den Juden, die außerordentlich konsequent und erfolgreich solche Umschulungskurse für männliche und weibliche Auswanderungswillige durchführen.“ (Bericht Größers vom August 1938. In: Ludwig Volk (Bearb.), Akten deutscher Bischöfe 1933-1945, BD. IV, S. 486).

Der St. Raphaels-Verein arbeitete eng zusammen mit der „Vereinigung deutscher Juden“, der grundsätzlich auch alle christlichen Nichtarier beitreten und Mitgliederbeiträge zahlen mussten, und dem „Hilfsverein deutscher Juden“. Aus den Beiträgen der „Vereinigung“ wurden von Juli 1939 an auch monatliche Zahlungen zu den Verwaltungskosten des St. Raphaels-Vereins erbracht. Ferner kooperierte er mit dem Büro Pfarrer Grüber, das sich um die protestantischen Juden sorgte. Diese Zusammenarbeit geschah erstaunlicherweise mit Billigung der Regierungsstellen in Berlin, d. h. der Reichsstelle für Auswanderungswesen und des Auswärtigen Amtes. Trotzdem gerieten Größer und der St. Raphaels-Verein bald in arge Bedrängnis, wovon noch die Rede sein wird. Das nationalsozialistische Regime war an Scheinlegitimation interessiert, die für die handelnden Menschen dieser Zeit schwer durchschaubar war.

Zur Rettung katholischer Juden unternahm Generalsekretär Max Größer zahlreiche Auslandsreisen nach Brasilien (1933), nach USA und Canada (1937), in die westeuropäischen Länder Belgien, Niederlande, Spanien (1934) Frankreich (1934 und 1935), Großbritannien (1936), um die Einreise von Schützlingen des „Sonderhilfswerks“ und des „Hilfsausschusses“ zu bewirken und in die Wege zu leiten oder wenigstens Durchgangsmöglichkeiten für Überseeauswanderung zu schaffen. Aber die meisten europäischen Länder sperrten sich gegen jüdische Einwanderer. Deshalb hielt Größer ein amerikanisches Hilfswerk für „nicht-arische“ Katholiken für dringend notwendig. Bei seiner Reise im März/April 1937 nach den USA verhandelte er mit amerikanischen Bischöfen mit dem Ziel eines „Committee for Catholic Refugees from Germany“, das auf der Bischofskonferenz zu Washington für die USA im selben Jahr Wirklichkeit wurde. Dieses Hilfskomitee sollte Darlehen gewähren, Einwanderungsgenehmigungen und Arbeitsplätze beschaffen und die gesellschaftliche und religiöse Integration der Flüchtlinge fördern. Größer war mit der tatsächlich geleisteten Arbeit dieses Hilfswerk nicht sehr zufrieden, wie aus einem streng vertraulichen Bericht hervorgeht: „Das in USA begründete Hilfswerk hat die Anlaufzeit des ersten Jahres wohl mit Nutzen durchlaufen, doch scheint weder die Zahl des Personals, noch die Art der Arbeitsmethoden, noch die Resonanz der Arbeit bei den amerikanischen Katholiken zuzureichen ... Es ist nicht weiter verwunderlich, daß in den Kreisen der christlichen Nichtarier große Enttäuschung und teilweise Not herrscht ... Die christlichen Nichtarier können vor allem schwer begreifen, daß in den verschiedenen Einwanderungsländern die jüdischen Hilfskomitees finanzielle Hilfen und Kredite sammeln und zur Verfügung stellen, daß auf katholischer Seite hier aber ungefähr überall nur Beratung und guter Wille zur Stellenvermittlung vorhanden ist, und daß selbst in den U.S.A. eigentliche Kredithilfe mangels Mittel noch nicht besteht.“ In einem weiteren Bericht vom August 1938 an Kardinal Faulhaber in München, schreibt Größer: Die Erwartungen, die an das amerikanische Hilfswerk gestellt wurden, „konnten leider nicht erfüllt werden, weil die Hauptaufgabe, die Deutschland von demselben erwartete, die Besorgung von sogenannten Freundesbürgschaften in den Vereinigten Staaten anscheinend außerordentlichen Hemmungen begegnet.“ (Bericht Größers, ebd., S. 486).

Die Nachfrage der zur Auswanderung strebenden Juden nahm im Laufe der nationalsozialistischen Herrschaft immer mehr zu, da das Regime sich für immer mehr Berufsgruppen Schikanen und Entzug von Rechten ausdachte. So waren die Beratungsstellen des St. Raphaels-Vereins dem Ansturm der Ratsuchenden bei geringem Personalbestand kaum gewachsen. Allein zwischen August 1937 und August 1938, also noch vor der schrecklichen „Kristallnacht“ im November 1938, standen 2000 katholische „Nichtarier“ und „Mischlinge“ mit dem Generalsekretariat und den Beratungsstellen in Verbindung. 30 000 Beratungen wurden in einem einzigen Jahr gezählt. Größer schrieb in einem Bericht an Kardinal Faulhaber: „Seit einem halben Jahr sind zu den rund 1000 Personen, die ihre ganze Hilfe von uns erwarten, infolge der Arisierungsbestrebungen der Geschäfte ... etwa 700 Personen neu an uns herangetreten. Während bis Ende des verflossenen Jahres die freien Berufe durchaus im Vordergrund standen, ist nunmehr der Kaufmann und kaufmännische Vertreter der Hauptauswanderungskandidat. ... Außerdem meldeten sich in neuester Zeit viele nichtarische Ärzte, nach dem durch die soeben verkündigte 4. Verordnung zum Reichsbürgergesetz die Juden aus der Ärzteschaft ausgeschaltet werden.“ Der Auswanderungsnachfrage stand gegenüber die Absperrung der meisten Länder, die Verweigerung der Pässe, die Erschwerung der Besuchsreisen ins Ausland. Nahezu verzweifelt schrieb Größer, daß die Betroffenen „seelisch äußerst bedrückt sind und sie zugleich das Empfinden haben, die Kirche sorge nicht genügend für sie. In vielen Fällen kann die Beratung nur eine vorläufige Vertröstung und damit mehr oder weniger nur von zweifelhaftem Wert sein.“ (Bericht Größers, ebd., S. 485)

Der „Hilfsausschuß“ warb um Gelder, um mittellosen „Nicht-Ariern“ Reisebeihilfen zu gewähren und so die Auswanderung zu ermöglichen. Diese Aktion war nicht einfach, da eine öffentliche Sammlung durch den St. Raphaels-Verein verboten war und Devisenvergehen sehr streng bestraft wurden. Der „Hilfsausschuß“ erhielt Gelder von deutschen Bischöfen und einzelnen Privatleuten wie dem Großindustriellen Fritz Thyssen. Für finanzielle Beihilfen arbeiteten Sonderfonds bei den einzelnen Diözesankassen, ein größerer Sonderfond bei der Erzbischöflichen Kollektur in Freiburg. Nach Möglichkeit entsprach der St. Raphaels-Verein und der Hilfsausschuss den gesetzlichen Bestimmungen, um dem nationalsozialistischen Regime keine Eingriffsmöglichkeiten zu bieten. Sie hielten sich auch an die 1936 ergangene Bestimmung, nur Juden katholischen Bekenntnisses zu beraten. Evangelische „Nichtarier“ und Glaubensjuden durften nicht betreut werden, und die Behörden kontrollierten diese Bestimmung streng. Eine Nichtbeachtung hätte das Verbot des St. Raphaels-Vereins zur Foge gehabt, die dennoch am 25. Juni 1941 durch die Gestapo erfolgte.

Trotz der Beachtung der Gesetze fand am 16./17. Januar 1936 und abermals im November 1937 eine Hausdurchsuchung durch 40 Gestapobeamte beim St. Raphaels-Verein und die Beschlagnahmung seiner Akten statt. Größer wurde während dieser Hausdurchsuchungen verhört. Auf die Frage des Leiters der Hausdurchsuchung, wie Größer „dazu komme, das schöne deutsche Geld für die Juden zu verbrauchen“, soll Größer ihn gebeten haben, „diesen Vorwurf an die deutschen Bischöfe zu leiten, weil diese Reise in ihrem Auftrag und mit ihrem persönlichen Geld gemacht worden sei. Auf weitere Erklärungen in dieser Sache hat der Regierungsrat dann verzichtet.“ Es blieb bei der Gestapo aber der Verdacht auf unerlaubte Devisentransaktionen. Offiziell und öffentlich wusste die Gestapo im Olympiajahr 1936 noch nicht gegen ihn vorzugehen, aber ihr Argwohn war dauerhaft. Deshalb beschattete sie ihn im In- und Ausland. 1938 erwog das Finanzamt dem St. Raphaelsverein die steuerrechtliche Gemeinnützigkeit zu entziehen, weil eine routinemäßige Betriebsprüfung erbracht hatte, dass der Verein aus seinen Mitteln „Nichtarier“ finanziell unterstützte.

Am 9. Juli 1936 konnte Größer noch sein silbernes Priesterjubiläum begehen. Etwa 600 Glückwünsche von Freunden, Bischöfen, Ordensgenossenschaften, Schifffahrtslinien, betreuten Personen aus den verschiedensten Ländern, Migrationsorganisationen aus Europa und Übersee, aber auch staatlichen Institutionen sind bei ihm eingegangen, darunter 100 auf telegrafischem Wege. Sie bezeugen das Ansehen, das Größer im In- und Ausland genoss. Nach der schlichten Jubiläumsfeier in Bremen brach Größer nach London auf, um als Vertreter des Deutschen Caritasverbandes am internationalen sozialen Kongreß teilzunehmen. Die Rückreise führte ihn über die Niederlande und Belgien, um auch dort für schutzbedürftige Personen zu werben.

Engagement bis zum Tod

Das internationale Ansehen schreckte die Geheime Staatspolizei aber nicht ab, Größer am 17. Dezember 1937 erstmals gefangen zu nehmen, ihn nach Berlin abzutransportieren und ihn dort mehrere Tage zu verhören. Am 21. Dezember bat der Osnabrücker Bischof Berning den in Berlin ansässigen Bischof Heinrich Wienken, sich nach dem Schicksal von Größer und den Gründen der Festnahme zu erkundigen. Wienken leitete das 1937 neu geschaffene Kommissariat der Deutschen Bischofskonferenz. Sie war eine wichtige Mittelinstanz zwischen den katholischen Diözesen und den Staats- und Parteistellen des nationalsozialistischen Regimes. Als bischöflicher Unterhändler hat er Hunderten das Los der Haft erleichtert, viele vor dem Konzentrationslager gerettet. Auch für Größer setzte sich Wienken sofort mit einem Rechtsanwalt in Verbindung. Größer kam nach zahllosen Verhören wieder frei, ohne je einem Untersuchungsrichter vorgeführt worden zu sein. Vom Oktober 1938 bis Januar 1939 wurde er abermals in Berlin inhaftiert, kam aber am 4. Februar 1938 ebenfalls wieder frei.

Nach seiner Haftentlassung brach Größer trotzdem noch im Januar 1939 nach Holland auf, um in Besprechungen mit dem „Comitee vor Vluchtelingen“ in Utrecht die vorläufige Übersiedlung und den Zwischenaufenthalt von katholischen Nichtariern in den Niederlanden zu erreichen. Diese Reise, die ganz geheim gehalten wurde, muss Größer Ärger, wenn nicht sogar Verleumdungen in eigenen caritativen Kreisen eingebracht haben. Größer hielt es für möglich, dass trotz der beabsichtigen Geheimhaltung „von Hamburger Nichtariern nach Holland Meldungen gingen über die Reise. Immerhin weiss ich im Comité in Utrecht nichts von Feinden.“ Größer befürchtete wohl, dass beim Caritasverband Personen seine Strategie zugunsten der katholischen Juden skeptisch betrachteten.

Der St. Raphaels-Verein bemühte sich seit Jahren intensiv um die Ansiedlung katholischer Juden in brasilien und um die Visaerteilung für sie durch die brasilianische Regierung. Auf Bitten des St. Raphaels-Vereins und der Deutschen Bischofskonferenz setzte sich Papst Pius XII. für die Erteilung brasilianischer Visa ein. Im Juli 1939 und Februar 1940 reiste Größer nach Rom, um bei Verhandlungen mit höchsten Vatikanstellen die Beschleunigung der Erteilung von tausenden Visa durch die brasilianische Regierung zu erreichen. Er erhielt in Rom weitere entschiedene Unterstützung durch Papst Pius XII., der sich auf diplomatischem Wege für die Anliegen Größers einsetzte. 3000 Visa wurden vom brasilianischen Präsidenten Vargas zugesagt, von denen 2 000 in Deutschland und 1000 über den Vatikan vergeben werden sollten. Die Ausstellung der zugeteilten 1000 Visa bei der Brasilbotschaft im Vatikan lief gut an, während die Erteilung der 2000 Visa über Berlin sich infolge fragwürdiger Taktiken der dortigen Botschaft immer erneut verzögerte. Es war ein verzweifeltes Ringen und Kämpfen um jedes Visum, zumal tausende Anfragen beim St. Raphaels-Verein und dem Hilfsausschuß vorlagen. Auf der Rückreise von Rom hatte Größer eingehende Besprechungen mit den Beratungsstellen in München, Wien und Frankfurt/Main. Krank traf er am 4. März wieder in Hamburg ein. Die nächsten Tage galten der Auswertung der Verhandlungen in Rom und der Vorbereitung weiterer Besprechungen, die in Berlin noch notwendig waren. Am 18. März brach er zusammen mit dem Generalprokurator des Pallottinerordens Pater Hecht, der ihn auch nach Rom begleitet hatte, nach Berlin auf und führte noch am gleichen Tag Verhandlungen bei der apostolischen Nuntiatur und der Brasilbotschaft. Die psychischen Strapazen waren so groß, dass Größer am 19. März 1940 im Hedwigsheim an Herzversagen starb. Er war nur 52 Jahre alt geworden.

Die Beisetzung erfolgte in Anwesenheit zahlreicher Persönlichkeiten aus dem Pallottinerorden, des St. Raphaels-Vereins, des Deutschen Caritasverbandes und der Schiffahrtsgesellschaften HAPAG und Norddeutscher Lloyd am 27. März auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf. Zuvor hatte das Requiem in der Marienkirche zu Hamburg, dem heutigen Mariendom, stattgefunden. Monsignore Bernhard Wintermann, der erste Vorsitzende des St. Raphaels-Vereins, hatte in der Todesanzeige geschrieben: „In diesen Jahren wußte er die Raphaelsfürsorge für katholische Auswanderer so auszubauen, daß sie allen Anforderungen gerecht wurde. Auf einer Reise nach Berlin setzte Gott seinem unermüdlichen Schaffen ein Ende. Noch eine Stunde vor seinem Tode war er für die katholischen Auswanderer tätig.“ (Archiv des DCV, Sign. 389.021, FAsc. 04). In seinem Nachruf hob der St. Raphaels-Verein hervor: „Jede Begegnung mit ihm ist uns eine frohe Erinnerung geworden. Von den Schicksalsschlägen, die ihn getroffen haben, hat er selten gesprochen, nie mit Verbitterung. Allem wußte er die beste, die wertvolle Seite abzugewinnen. Liebenswürdig im Gespräch, bescheiden im Auftreten, zur Hilfe bereit in jedem Augenblick, offenen Blickes für menschliche Größe und Schwachheit, ausgestattet mit einem wachen Bewusstsein für die Lebensrechte des deutschen Volkes, ein glaubens- und bekenntnisfroher Sohn seiner Kirche, unermüdlich und schonungslos gegen sich selbst bei Arbeit und Werk, so steht sein Charakterbild vor unseren Augen.“ (Pater Dr. Max Größer ist von uns gegangen. In: Die Getreuen, 17. Jg. 1940, S. 47/48)

Quellen:
Bericht über die Tätigkeit des Hilfsausschusses für die katholischen Nichtarier (August 1937 - August 1938) unter dem Titel "Bericht Größer" vom August 1938, in: Ludwig Volk (Bearb.), Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945. Bd. IV 1936-1939. Mainz 1981.
Manfred Hermanns: "Im Dienste für andere will ich mich verzehren." Max Größer - Auswandererfürsorger und Auswandererseelsorger - Opfer des Nationalsozialismus. Festschrift zum 70. Todestag am 19. März 2010, hrsg. vom Raphaels-Werk, Dienst am Menschen unterwegs. Hamburg 2010.
Wilhelm Nathem PSM: Die Fürsorgearbeit des St. Raphaels-Vereins für die katholischen Nichtarier. Dezember 1945. Archiv des Erzbistums Hamburg.
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1 Kommentar
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Gerburg Schneider aus München | 12.11.2013 | 12:06  
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