Superlative eifern um die Wette: Toledo im Herzen Spaniens

Vom Parador Conde de Orgáz aus liegt einem Toledo zu Füßen - fast wie auf dem Gemälde von El Greco.
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  • Vom Parador Conde de Orgáz aus liegt einem Toledo zu Füßen - fast wie auf dem Gemälde von El Greco.
  • hochgeladen von Elke Backert

Schon der Bahnhof im Mudéjarstil, einer gelungenen Verbindung von maurischen und gotischen Elementen, zeigt im kleinen, was den Besucher im Herzen von Toledo geballt erwartet. Mit Hufeisenbogen, ornamentreichem und prunkvollem Stuck- und Majolikaschmuck, mit Fußbodenmosaik und holzgeschnitztem Fahrkartenschalter, hinter dem man eher einen Harem vermuten würde als einen Beamten, beeindruckt er ebenso wie die Lautsprecherstimme, die den Ankommenden auf Englisch den Weg zum Bus in die Altstadt weist.
Geschützt von einer Ringmauer thront die von der Unesco 1987 als Welterbe geehrte Stadt majestätisch erhöht auf engstem Raum, stolz, so viele Kostbarkeiten aus vielen Jahrhunderten in ihren schmalen Gassen zu beherbergen.
Die markante Lage auf einer Bergkuppe, umschlossen vom Fluss Tajo, der als Tejo in den Atlantik mündet, und gekrönt vom Alcázar, kennt man durch das Gemälde eines Domenikos Theotokópulos (1541-1614), der sich als „El Greco“, der Grieche, 1577 in Toledo niederließ. Diesen „Greco-Blick“ genießt man noch heute von der Terrasse des Paradors Conde de Orgáz auf dem Cerro del Emperador.
Vitales Lebenszentrum der Stadt ist die Plaza de Zocodover - was wenig spanisch klingt und sich aus dem Arabischen herleitet: „Suk-a-dawad“, Viehmarkt. Auf Bänken, in den Cafés und Restaurants geben sich Einheimische und Gäste den deftigen Genüssen der kastilischen Küche hin oder erwerben in den von hier abzweigenden Einkaufsgassen typische Mitbringsel wie Marzipan, Schuhe und Armbänder in der traditionellen Gravurtechnik mit Gold in schwarzem Metall, damasquinado genannt. Wer Marzipan bei den Nonnen von Santa Rita im fensterlosen Kloster kauft, erhält es durch eine Drehtür. Ein Relikt aus früheren Zeiten, als die Nonnen sich nicht zeigen durften. Berühmt ist auch der Toledo-Stahl aus der Königlichen Waffenfabrik, wo sich Napoleon, Stierkämpfer und japanische Samurais gleichermaßen versorg(t)en. Durch den Arco de Sangre blickt man über die weite kastilische Landschaft.
Am Zocodover-Platz kann man ein „Segway“ leihen und auf diesem umweltverträglichen Elekro-Roller mit dicken Reifen und eigener Körperbalance die engen Kopfstein gepflasterten Gassen der Altstadt Aufsehen erregend erfahren.
Toledo, 192 v. Chr. von den Römern erobert und Toletum geheißen, im 6. Jahrhundert Hauptstadt des Westgoten-Reiches, von 712 bis 1085 unter maurischer Herrschaft, dann Residenz der kastilischen Könige und immer religiöser Mittelpunkt Spaniens, doch mit der Vertreibung der Juden (1492) und der Verlegung der Metropole nach Madrid bedeutungslos geworden - bis die Touristen aus aller Welt kamen -, liegt dank Hochgeschwindigkeitszug AVE nur eine halbe Stunde von Madrid entfernt.
Viele Kirchen entpuppen sich oft „nur“ als Rahmen für Kleinode, etwa Santo Tomé aus dem 12. mit Mudéjarturm aus dem 14. Jahrhundert, die einzig El Grecos Meisterwerk „Das Begräbnis des Grafen Orgáz“ (1586) birgt, auf das trotz Flash-Verbots ein Blitzlichtgewitter niedergeht. Zeit, die für El Greco charakteristische mystische Entrückheit des Ausdrucks der überlang dargestellten Personen zu bewundern, kann sich kaum einer nehmen. Eine lange Schlange wartet auf Einlass.
Nahebei enthält die Casa del Greco weitere Werke des Künstlers.
Die Sinagoga del Tránsito aus dem Jahr 1357 besucht man wegen der reichen Dekoration im nun schon bekannten Mudéjarstil und wegen der jüdischen Ausstellungsstücke. Die Zeit der Glaubenskämpfe schildert übrigens Lion Feuchtwanger eindringlich im Roman „Die Jüdin von Toledo“.
In einer weiteren Synagoge, Santa María la Blanca („Die weiße Madonna“, 12. Jh.), weist der „Säulenwald“ - ähnlich der Mezquita von Córdoba - mit seinen Pinienzapfenkapitellen auf die Kunst der berberischen Almohaden hin.
Heitere isabellinische „flammende“ Gotik vermittelt das Kloster San Juan de los Reyes, dessen Bau von den Katholischen Königen (15. Jh.) angeordnet wurde. Grandios ausgeschmückt ist die Kirche, und von großem bildhauerischen Können zeugt der zweistöckige Kreuzgang. An den Außenwänden erinnern Ketten an die in den Kriegen gegen die Mauren gefesselten Christen. 373 Jahre hielten die Mauren Toledo besetzt. Doch schon 1085 - dank Alfons VI. von Kastilien - gehörte Toledo wieder den Christen.
Erhalten blieb der „Stadt der drei Kulturen“ auch die Moschee San Cristo de la Luz. Sie stammt aus dem Jahr 999 und ist mit ihrem quadratischen Grundriss, den neun Gewölberäumen und westgotischen Säulen völlig atypisch, doch erhaben.
Bescheidene Erinnerung an die geistig-religiöse Vielfalt in der Geschichte Toledos ist die mozarabische Liturgie, nach der heute noch in einer Kapelle der Kathedrale von Toledo, der Capilla Muzarabe, täglich die Messe gefeiert wird. Mozaraber waren die Christen im mittelalterlichen Spanien, die unter arabischer Herrschaft lebten und sich in ihrer Lebensweise ihrer Umwelt anpassten.
Als eine der schönsten der Welt gilt die gotische Kathedrale, zweitgrößte Spaniens nach der von Sevilla. Von 1227 bis 1493 erbaut, 112 Meter lang, 56 Meter breit und im Mittelschiff gut 30 Meter hoch, raubt sie einem mit ihren 22 Kapellen und 750 bemalten Fenstern buchstäblich den Atem. Zwei Reihen von Bündelpfeilern gliedern den Raum in fünf Schiffe und einen doppelten Chorumgang. Reich geschnitzte Altarwände und Chorgestühl, platereske, filigrane Gitter, eine verzierte drei Meter hohe und 160 Kilo schwere Monstranz aus Gold und Silber mit zwei Kilo Edelsteinen vom deutschen Künstler Heinrich von Harfe (1515) sowie viele geniale El Grecos in der Sakristei, wovon das berühmteste „Die Entkleidung Christi“ ist, lassen die Augen nicht zur Ruhe kommen. Nur die allabendlich Punkt 18 Uhr mit Staubwedel und Wassereimer einfallenden Putzfrauen holen die entrückt Staunenden auf die Erde zurück. Auch die Stadtführerin baut in so viel Pracht Launiges ein. Beim Chorgestühl weist sie auf einige geschnitzte „Stellungen“ hin: „Das ganze Kamasutra ist hier vereinigt, mit Kindern und Tieren... Aber verraten Sie mich nicht.“ Sie macht auch auf die Kardinalshüte aufmerksam, die über den Grabplatten von der Decke hängen. „Der Volksmund sagt: Wenn der Hut auf das Grab darunter fällt, kommt der Kardinal in den Himmel. Aber das ist noch nie passiert.“
Ein Rundgang durch Toledos verwinkelte Gassen kann leicht zum Irrgang werden. Dennoch ist man immer „richtig“. Denn stets trifft man auf Besonderes, auf schmucke Stadttore wie Puerta del Sol und Puerta de Bisagra, auf romantische Brücken wie die Puente de Alcántara, romanischen Ursprungs mit Mudéjarturm, oder die von San Martín mit den beiden Verteidigungstürmen. Wer an der Plaza San Vicente den schönen Mudéjar-Tempel mit der dreistöckigen Apsis, den blinden Rundbogen- und Vielbogenfenstern aus dem 13. Jahrhundert betritt, mag seinen Augen nicht trauen. Aus der ehemaligen Kirche San Vicente wurde ein „Círculo de Arte“, ein Kulturzentrum mit Bar für Ausstellungen und Veranstaltungen. Ab zehn Uhr früh werden Drinks und Tapas serviert, und am Wochenende tanzen die Gäste durch bis zum andern Morgen.

Bürgerreporter:in:

Elke Backert aus Hamburg

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