Kleine Stadt voller Superlative: St. Gallen in der Ostschweiz

Auf ihren ausgebreiteten Armen scheint die männliche Figur den auf 1606 datierten Runderker am Haus zum grünen Hof in der Gallusstraße 26 zu tragen.
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  • Auf ihren ausgebreiteten Armen scheint die männliche Figur den auf 1606 datierten Runderker am Haus zum grünen Hof in der Gallusstraße 26 zu tragen.
  • hochgeladen von Elke Backert

In welcher Stadt gibt es ein öffentliches Wohnzimmer, in dem jeder sitzen, spielen, essen und trinken darf und durch das Tag und Nacht Fahrräder und Autos kurven dürfen? In der mit 72.000 Einwohnern siebtgrößten Stadt der Schweiz und Metropole der Ostschweiz, in St. Gallen. Rot ist die Farbe der Sofas, Sessel und Liegen, rot der Teppich. Darauf nieder lassen sich kleine und große Kinder, Alte und Junge, werdende und stillende Mütter. Sich farblich verändernde mondartige Lampionlampen, Bubbles geheißen, spenden Nachtlicht, denn laut Schweizer Gesetz muss nachts jedes Gesicht erkennbar sein.
Die Idee zu diesem roten von Gingko-Bäumen begrünten und von der Raiffeisenbank videoüberwachten „permanenten Kunstwerk auf öffentlichem Grund“ hatten Architekt Carlos Martinez und die Multimedia-Künstlerin Pipilotti Rist. Zwischen historischer und moderner Architektur ist die „Stadtlounge“ eine rund um die Uhr zugängliche open-air-Relax-Oase. Ein bisschen verwohnt ist die „gute Stube“ schon, immerhin gehen seit 2006 täglich Menschen ein und aus. Doch hat sie sogar den letzten strengen Winter überlebt. An die Stadtlounge, auch Roter Platz genannt, schließt sich das In-Restaurant „Vierzehn“ an, das ein Mittagsmenü zu 18,50 Franken bietet.

Welche Stadt kann 111 Erker an ihren Häuserfassaden zählen? Natürlich St. Gallen. Ist der Besucher erst einmal aufmerksam geworden, kann er auf Spurensuche gehen und findet womöglich noch einige Dutzend mehr. Holzerker, die lange nach dem Hausbau, ab Mitte des 16. Jahrhunderts, angebracht wurden und den Wohlstand der Besitzer zur Schau stellen sollen. Vier Kontinente hat der eine besucht und macht es in Schnitzereien deutlich. Fratzen mit herausgestreckter Zunge bedeuten dem Nachbarn, ich bin reich, betucht ist das passendere Wort. Das ist wörtlich zu nehmen. Vom Tuch nämlich kam der Reichtum, von der maschinellen Stickerei, die heute zu 97 Prozent exportiert wird. Nur Betuchte können sich diesen Stoff leisten, wovon der Meter runde 5.000 Schweizer Franken kostet. Michelle Obama trug zur Inauguration ein Kleid aus solcher Spitze. Auf höchstem Niveau arbeiten Schweizer Stickereifirmen zusammen mit Akris, dem berühmten Schweizer Designer dieser Mode. Der Normalbürger begnügt sich mit einem Blick ins Textilmuseum, das eine Stickmaschine und eine Varietät an Stoffen zum Anfassen zeigt. Immer wiederkehrend auf dem Bildschirm die letzte Pariser Modenschau mit schicker, tragbarer, nicht knitternder Akris-Mode.

Welche Stadt ließ den spanischen Architekten Santiago Calatrava gleich drei hochmoderne Akzente ins historische Stadtbild setzen? Nun, ebenfalls St. Gallen. Daneben zeigt die Metropole der Ostschweiz viel Jugendstil-Architektur.

Welche Stadt kann ein Spieldosen-Museum vorweisen? Wieder ist es St. Gallen. Täglich um elf Uhr führt eine Dame der Labhart Chronometrie, des Goldschmiede- und Uhrmacher-Geschäfts in der Marktgasse, wertvolle alte Raritäten vor, Kleinode der Uhrmacherkunst, aber auch grössere Spielautomaten, faszinierende Vorläufer der Juke-Box.
Anno 1796 drehte sich im Hause des berühmten Genfer Uhrmachers Antoine Favre die erste Musikwalze. Ihre Stifte versetzten Tonfedern wie Stimmgabeln in Schwingung. Es erklang eine Melodie, perlend und schön. Die Musikdose war geboren. Zunächst in Taschenuhren, dann als Zauberkästen in Boudoir und Salon, mit Figuren, die im Kreise tanzen, mit Singvögeln, die mit den Flügeln schlagen und ein Liedchen trällern. Das Spieldosen-Kabinett im Hause Labhart ist dieser über zweihundertjährigen Tradition gewidmet. Die heute mit großem handwerklichen Geschick hergestellten Spieldosen stehen zum Verkauf.

Welche Stadt feiert 2012 das 1.400jährige Jubiläum? Na? Wiederum ist es St. Gallen. Und warum? Im Jahre 612 traf der durch weite Teile Europas pilgernde und missionierende Mönch Gallus im damals öden und sumpfigen Steinachtal des Bodenseegebiets um Bregenz ein. Irische Mönche suchten solche Wildnis auf, um durch entbehrungsreiches irdisches Leben in ein besseres Jenseits zu wechseln. Gallus war einer von ihnen. Wie die Legende will, begegnet ihm ein riesiger Bär. Doch der tötet Gallus nicht, sondern spricht mit ihm. Folglich errichtet der heilige Gallus dort seine Einsiedelei, aus der ein Kloster und die nach ihm benannte Stadt hervorgehen, und der Wunderbär wird im Stadtwappen verewigt.
Wie ein Wunder mutet an dieser Stelle auch die barocke Innenausstattung der Kathedrale an, eine Wandpfeilerkirche, die letzte barocke Europas (1766), hell, mit großen Fenstern, üppig ausgemalt, mit grünem Stuckgeschnörkel und reichen Schnitzereien versehen. Allein der geschwungene in Grün und Gold gehaltene Lettner ist einzigartig. Jede Bankwange hat ihr eigenes Muster.
Aus dem Staunen nicht mehr heraus kommt der in Filzpantoffel gesteckte Besucher in der Stiftsbibliothek. Die 1758 errichtete Rokoko-Bibliothek ist mit der Kathedrale Teil des weitläufigen Stiftsbezirks im Herzen der Altstadt und wurde schon 1983 ins Unesco-Welterbe aufgenommen. Ein prachtvoll geschwungener Saal mit ornamentierten Intarsienböden, holzvertäfelten, säulengeschmückten Bücherschränken und reich stuckierten Deckengemälden. 170.000 Bände, darunter etwa 400 irisch-keltische, karolingische und ottonische Handschriften vor dem Jahr 1000, ein im Jahr 790 entstandenes lateinisch-deutsches Wörterbuch, das älteste deutschsprachige Buch überhaupt, die älteste und eine der berühmtesten Architekturzeichnungen des Mittelalters, der St. Galler Klosterplan, ein über zwei Meter hoher Erd- und Himmelsglobus und und und.

Um das Stadt-Jubiläum gebührend zu feiern, werden die Straßen der Altstadt aufgerissen und neu auf alt gepflastert, Häuserfassaden saniert.
Wer dem quirligen Baugeschehen entgehen will, begibt sich per Mühleggbahn, einem Schräglift, auf das Hochplateau der „Drei Weieren“, von wo er den Rundumblick über Stadt und Bodensee genießt, wo er aber auch baden kann und im Winter eislaufen. Will man hinauf wandern, geht der Weg durch die steile Mülenenschlucht, wo die Steinach ungestüm zwischen den Nagelfluhwänden hindurch tost.

Letztes Rätsel. Wo steht das einzige Hundertwasser-Bauwerk der Schweiz? Nein, nicht in St. Gallen, aber nicht weit entfernt. Mit Bahn und Bus kommt man in einer halben Stunde hin. Friedensreich Hundertwasser stand Pate für die Markthalle Altenrhein (www.markthalle-altenrhein.ch) in Staad am Bodensee. Initiator war Herbert Lindemann (herbert.lindemann@bluewin.ch), der das Bauabenteuer mit Hunderten von freiwilligen Helfern in seinem Buch „Die vier goldenen Kuppeln von Altenrhein“ beschreibt. Friedensreich Hundertwasser, österreichischer Maler, Architekt und Ökologe, ist tot (1928-2000). Doch was er hinterlassen hat, lebt weiter. Wer die Markthalle sieht, erkennt den Künstler, der einen erbitterten Kampf gegen die „Diktatur des Lineals und des rechten Winkels“ führte. Nach dem Motto „Gott kennt auch keine geraden Wege“ sind alle Flächen buckelig, sodass keiner unachtsam geht. Er könnte nämlich stolpern. Die Fliesen an den Wänden und auf den Böden ließ er zerschneiden und als Mosaik zusammensetzen, wie man es etwa vom spanischen Architekten Gaudí kennt. Als Markthalle für die Bauern der Umgebung dient sie schon lange nicht mehr, aber als Eventhalle wird sie genutzt. Außerdem kann sie jeder mieten für Feste aller Art, Produktpräsentationen, Kongresse, also für jeden Anlass. Und alle dürfen sie besichtigen.

Bürgerreporter:in:

Elke Backert aus Hamburg

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