Anzeige

Rostroter Riese, Vergnügungspark oder doch ein kompletter Neuanfang? Ein Blick zu unseren Nachbarn nach Lüttich

Der Hochofen B des Hüttenwerkes in Ougrée dominiert in diesem Abschnitt das Tal der Maas als wichtige Landmarke. (Foto: S. Petermann - photo79)

Dass die Eisen- und Stahlindustrie in Lüttich ihre besten Tage hinter sich hat scheint unbestritten. Die "cité ardente" erlebt seit Jahren einen Strukturbruch - dies bleibt keinem Besucher verborgen. Doch was soll man mit den Hinterlassenschaften der Eisenindustrie in Seraing und Ougrée tun?

Die lokale französischsprachige Presse spricht in hartem Vokabular vom "Rasieren der Flächen". So geschehen mit dem Hochofen in Seraing bei Lüttich. Die Sprengung erfolgte 2017 und die Abtragung dauert an. Ein Masterplan für die Neugestaltung der zahlreichen innerstädtischen Flächen des Konzerns ArcelorMittal greift. Jüngst folgte die Ankündigung durch ArcelorMittal, die große Förderbandanlage, die die Kokerei mit den beiden Hochöfen Seraing und Ougrée verbindet, schrittweise zu demontieren. Diese wirklich hässliche Bandanlage zerschneidet das Stadtbild Seraings optisch auf brutale Art und Weise und wird nun entfernt, da sie nicht mehr benötigt wird. Die endgültige Aufgabe der Kokerei und deren Abtragung wurde im Herbst 2017 bekannt.

Der Vergleich mit dem im Ruhrgebiet erfolgten Strukturwandel drängt sich auf: dem interessierten Besucher kommen zahlreiche Fragen in den Sinn, wenn er am Ufer der Maas entlang fährt und unweigerlich auf den rostroten Riesen in Ougrée stößt. Das Hüttenwerk mit seinem Hochofen B, seinen rostigen Gleisen, unzähligen Rohren und Bandbrücken liegt, gut bewacht, wie ein schlafender Gigant aus Stahl hinter Stacheldraht und Ziegelmauern. Das dieser rostender Riese nie wieder erwachen wird, steht fest. Aber wie geht man in Lüttich mit dem Industrieerbe von 200 Jahren Eisen- und Stahlerzeugung um? Abriss, museale Erhaltung, Konversion? Beispiele für eine gelungene Umgestaltung gibt es in Deutschland und Luxemburg eindrucksvoll zu bestaunen. Bei diesen Überlegungen spielt aber auch, etwas im Gegensatz zu beispielsweise Deutschland, der Stolz der Gewerkschaften, der Arbeiter und der Wallonen selbst eine Rolle. Die eine Seite möchte die Erinnerung an die ruhmreiche Industriegeschichte erhalten, die andere Seite vollzieht den Bruch mit klarer Offenheit und befürwortet ein endgültiges Aufräumen mit den Industriealtlasten.

LeSoir.be berichtet im Dezember 2017 von einem revolutionären Projekt, das Hüttenwerk in einen Themenpark im Stile der Parks Efteling oder Phanatsialand zu wandeln. Vater der Idee ist der liberale Gilles Foret, der insgesamt ein ehrgeiziges Projekt für Stadt und Region fordert. Ein Museum alleine, vergleichbar mit z.B. mit der Henrichshütte in Hattingen oder dem Landschaftspark Duisburg Nord, hätte seiner Ansicht nach zu wenig Zugkraft für die Region. Das Ergebnis der Umgestaltung des Hüttenwerkes müsse Menschen anlocken, Arbeitsplätze schaffen und den Hochofen mit Leben füllen. In der Diskussion über das weitere Vorgehen hat nun der sozialistische Bürgermeister von Seraing eine Arbeitsgruppe zum Thema angekündigt, die sich mit dem letzten Zeugen der Eisenindustrie in Lüttich beschäftigen soll. Man darf gespannt sein, was, nach bereits erfolgter Demontage vieler anderer Anlagen, ein möglicher Masterplan für das industrielle Erbe der Wallonie an Visionen bringt.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.