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Ertränkte Kultur am Jangtse - Anfang eines Maskenspiels.

Wann? 14.03.2011 bis 15.04.2011

Wo? Theaterhaus EUKITEA, Lindenstr. 18 b, 86420 Diedorf DEauf Karte anzeigen
    Diedorf: Theaterhaus EUKITEA | Erinnerungen zu einer kommenden Ausstellung.

Bunt springen mir die Prospektseiten entgegen, die mir meine Frau vor ´s Gesicht hält: 21 Tage China mit Peking, der Chinesischen Mauer, der Tonarmee in Xian und einer Kreuzfahrt auf den hinter dem 3-Schluchtendamm aufgestauten tosenden Wassern des Jangtsekian. So steht es im Reiseprospekt. Ich gebe zu bedenken, dass mir 5 Tage während der Zeit auf dem Schiff erbärmlich langweilig sein wird, weil ich vermute, dass ja sämtliche altehrwürdigen Dörfer mit Ihrem alteingesessenen Lebensraum und ihrer über Jahrtausende gereiften Volkskultur entlang des Jangtse ein Opfer der Aufstauung sind und über 10 Meter unter dem Wasserspiegel liegen. Zu sehen, so prophezeie ich, werden nur schnell hingeklotzte Plattenbauten und erbärmliche Wellblechhütten sein. 5 Tage werde ich nur an diesem erbärmlich neumodischen Minicomputer sitzen können und frustriert meine Gedanken über chinesische Volkskunde und Maskenbräuche in die Tasten hauen können. Meine Frau mag gerne auf dem Deck sitzen und ausspannen. Wir fliegen.

Nach 3 Tagen Zwangskasernierung auf dem Schiff – bitte keine billigen Getränke oder Lebensmittel vom Land mit aufs Boot nehmen; die könnten verdorben sein; wir verkaufen und servieren Ihnen, was Sie zum Leben brauchen; europäische Küche zu europäischen Preisen: Spagetti und Pommes frites, handgeschüttelte Drinks – heute: der erste Land-wassergang mit einem kleineren Boot der hier beheimateten und früher von der Flussschifffahrt lebenden Völker. Nur mehr der Tourismus gibt ihnen entlang der kahlen Felsen Arbeit, der fruchtbare Talboden ist verschwunden.
Hier an einem Nebenfluss des Jangtse, dem Shannon, der sich ja auch eines Namensvetters in Irland rühmen darf, erzählt uns unsere lokal Guide die Geschichte der Tuija, ihres Volkes, dessen Dörfer, jetzt im Wasser versunken sind. Die meisten ihrer Landsleute hätten sich früher Ihren Lebensunterhalt mit dem Trailen, dem Ziehen und Bugsieren der großen und kleineren Frachtschiffe entlang von in den Berghang geschlagenen Wegen verdient. Nachdem man hier im Gebiet Stein-kohle entdeckt hatte, hätten es die Trailer sogar zu ein bisschen Wohlstand und kulturellem Niveau mit dem Ziehen der kleinen kohlebeladenen Frachtkähne über die gefährlichen Flusspartien gebracht. Heute würden die großen Containerboote im tiefen Wasser ihre Hilfe nicht mehr benötigen. Weil ihre Kultur aber früher schon immer so unzugänglich hinter Fluss und Berg verborgen war, hätte sich eine selbstständige Kultur, wie auch ein bestimmtes Volkstheater mit Masken, das Nuo oder auf Englisch die Ground-opera und sogar eine eigene Sprache entwickelt. Mit fröhlich zwitschernder und dann wieder kehliger Stimme macht uns unsere Bootsbegleiterin vor, was sie damit meint. Die Tuija singen ihre Mitteilungen quer über den ehemals reissenden Strom, der nur von gefährlichen Seilbrücken überspannt war, um Ihre Freunde und Nachbarn auf der anderen Seite zu verständigen – fast wie die Alphornbläser in der Schweiz oder gar die jodelnden Tiroler. Musik ist Mitteilung und Sprache.
Ganz hinten im Tal dürfen wir an Land gehen. Eis, Tee, Süßigkeiten – Getränke bitte nicht an Bord des Kreuzfahrschiffes mitnehmen! Ein touristischer Andenkenladen – nichts für mich. Frustriert vertrete ich mir die Beine, die vom zusammen gekauerten Sitzen im kleinen Boot etwas taub geworden sind. „Du, die haben ganz brauchbare Masken da drin“, mit diesen Worten kommt meine Frau weit mehr pflichtbewusst als freudestrahlend über das, was teuer kommen kann, aus dem Geschäft zu mir zurück, „schau doch mal selber“. Ich schaue sie betont lange und zweifelnd an. Dass ich mit Andenken-stücken für das Maskenmuseum nichts anfangen kann, sollte Sie nach 25 Jahren Sammelreisen ja nun doch wissen. Die Hoffnung hier auf einer auf Touristennap hin orientierten Kreuzfahrt authentisch getragene Masken für unsere Sammlung auf zu treiben, schien mir unmöglich. Es waren brauchbare, sehr brauchbare alte Masken, die neben all den glatt lackierten hölzernen Erinnerungsstücken unter einer Bank verborgen waren, so als wolle sie der Ladenbesitzer schamvoll wegen ihrer zerkratzten und abgegriffenen Oberfläche vor den Blicken verbergen. Sicher nur Verkaufsstrategie, dachte ich im ersten Moment.
Doch in der Tat: Nicht nur die Patina vorne, auch die Rückansicht mit den Schweissspuren des Gesichts und die abgerundeten Löcher der abgewetzten Tragebändel wiesen sie als echt aus. Ein zähnefletschender „Teufel“, ein „Schwein“ und die etwas weniger imposante Frauenmaske einer Dienerin lagen da im Verborgenen. „Eine der Angestellten hätte sie aus Ihrem Dorf mitgebracht“, sagte wie um Entschuldigung bittend der Ladenbesitzer, ein bulliger Han-chinese. Ich bat sie doch bitte kommen zu lassen, da ich einige Fragen zur Bedeutung der Masken hätte. Eine schmächtige junge Dame kam, nachdem der Besitzer quer durch den Laden geplärrt hatte, etwas schüchtern auf mich zu. „ Das gehörnte Wesen ist der Erdgott Erlang Shen, der über Jahrhunderte hinweg die Häuser der Tuija vor den Fluten des Jangtse bewahrt hat, sagte sie fast verlegen über so viel „rückständigen Aberglauben“.
Die Maske der Dienerin ist eher von den Bräuchen außerhalb des Tales in Sichuan bestimmt. Sie ist das Fräulein Avantgardistin, das später auch fast eine Göttin wurde. „ Aber das Schwein“, sagte sie sehr zögerlich mit einem schnellen verstohlenen Blick auf ihren Chef, der mir die unbekannte Sprache in Englisch übersetzte „das ist gar kein Tier, das sieht man ja an der Mütze. Das ist einer der vielen Beamten und Industriellen, die auch dafür verantwortlich sind, dass unsere Heimat jetzt für immer unter den Wassern liegt.“

Ab dem 13. März soll im Foyer des Diedorfer Theaterhauses Eukitea eine Ausstellung eröffnet werden, die circa 40 alte asiatische Masken aus dem Maskenmuseum und ihre Geschichten zeigen soll. Ganz besonders freue ich mich darauf, dass so kreative ,begabte und experimentierfreudige Künstler den Masken im improvisierten Spiel Leben verleihen werden.
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