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Ein Bilderzyklus wie ein Film ohne Kamera

Das Julie Sassoon Quartett wird von den Kritikern gefeiert für einen Klaviersound, bei dem Harmonie auf Kraft trifft. (Foto: Jazzwerkstatt EU)
Schwerin: Neustädtisches Palais |

Zwei Jazzbands erinnern heute in Schwerin an Leben und Werk der Charlotte Salomon

Das künstlerische Werk von Charlotte Salomon ist einzigartig in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts: Ihre gemalte Autobiografie, ein Bilderzyklus von 869 Gouachen mit dem Titel „Leben? Oder Theater? Ein Singespiel“ entstand im Exil in Südfrankreich.
1917 in Berlin geboren, nach dem Studium an der Akademie der schönen Künste in Berlin, emigrierte die Tochter des liberalen jüdischen Arztes Albert Salomon im Jahr 1939 zu ihren Großeltern nach Südfrankreich. Als die Großmutter Selbstmord beging, erfuhr Charlotte Salomon auch vom Freitod ihrer Mutter. Um dem eigenen Zusammenbruch zu entgehen, setzte sie sich auf Anraten ihres Arztes malend mit der eigenen Geschichte auseinander. Innerhalb weniger Monate entstanden so über 1300 Gouachen, in denen neben filmischen und comicartigen Elementen auch Musiktitel als imaginäre Begleitmelodien hinzugefügt wurden. Unter dem Titel „Leben? Oder Theater“ ist dieses Werk Charlotte Salomons im Aufbau einem Theaterstück mit Akten und Szenen vergleichbar.
Als die deutsche Wehrmacht im Jahr 1942 Südfrankreich besetzte, übergab die Malerin mit den Worten „Sorg`gut dafür. Es ist mein ganzes Leben.“ den gesamten Zyklus einem Freund. Sie wusste, dass der französische Marschall Pétain im Waffenstillstandsabkommen mit Deutschland der Auslieferung von Juden an die Gestapo zugestimmt hatte. Charlotte Salomon wurde im September 1943 in Nizza verhaftet, über Drancy nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Sie wurde nur 26 Jahre alt. Ihr Werk hat überlebt. Es ist 1961 zum ersten Mal öffentlich gezeigt worden. 1963 erschien bei Rowohlt ein Bildband mit einer Auswahl ihrer Gouachen. Weitere Buchveröffentlichungen, Filme und Ausstellungen folgten. Im Jahr 2012 waren ausgewählte Werke Charlotte Salomons auf der Documenta in Kassel zu sehen.
Heute (am 9. März 2019) wird um 20.00 Uhr im Goldenen Saal im Neustädtischen Palais in der Schweriner Puschkinstraße eine multimediale Projektreihe der Jazzwerkstatt Wuppertal seine Premiere erleben. Sie trägt den Titel „Charlotte Salomon: Es ist mein ganzes Leben" und präsentiert mit dem Julie Sassoon Quartett und und Jonas Burgwinkel Medusa Beats zwei herausragende, international erfolgreiche Jazz-Formationen. Nach der heutigen Schwerin-Premiere wird dieses „politisch-historische Erinnerungsprojekt mit allen Sinnen“ auch in Bochum, Potsdam, Jena und Nürnberg Station machen.
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