Anzeige

Zwei Herren, die auf ältere Damen stehen: „Stieglitz“ und „Jungmeister“ - Fidele Senioren im fliegenden Altersheim

Wenn die „ollen Tanten“ kommen: Ein echter Hingucker. Thomas Holz (vorne) und Friedrich Diehl unternehmen eine himmlische Sightseeing-Tour. (Foto: Volker Hilpert)
 
Sinn für Stil: Wenn schon, dann richtig. Herbert Höhn, Friedrich Diehl und Thomas Holz posieren vor der „ETUF“ im Look der „Golden Twenties“. (Foto: biplanes)
 
Die „Geburtsurkunde“ fehlt zwar, doch der auf dem Siegerlandflughafen beheimatete Fw 44 „Stieglitz“ ist vermutlich der älteste seiner Art weltweit. Angesichts dieses Kleinodes der Lüfte bekommen Oldie-Fans glänzende Augen. (Foto: biplanes.de)
Burbach: Siegerlandflughafen |

BURBACH (jh)- Hinter den Hangartoren des Siegerland-Flughafens parken, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, wahre Schätze. Große und kleine. Fliegende Kostbarkeiten und Raritäten, die, weil so selten, unverkäuflich sind und von ihren stolzen Besitzern entsprechend gehegt, gepflegt und gehätschelt werden. Keine High-Tech-Konstruktionen, sondern in Ehren ergraute Überbleibsel aus den Kinder- bzw. Jugendjahren der Fliegerei. Back tot he Roots.

„Wer einmal die Welt durch die Tragflächen eines Doppeldeckers gesehen hat, wird nie wieder der gleiche Mensch sein." Diesen Satz von Richard Bach, dessen 1970 erschienenes Werk „Die Möwe Jonathan“ zum Weltbestseller und Kultbuch wurde, würden Thomas Holz aus Idstein und Friedrich Diehl (Ehringshausen) blind unterschreiben. Die beiden sind mindestens genauso flugverrückt wie der der US-amerikanische Schriftsteller – und sie nehmen ihn beim Wort.

Zwei Herren, die auf reife Damen stehen

Die beiden Herren stehen auf reifere Damen. Die eine hat, Schnapszahl, 77 Jahre auf den Holmen, ihre Freundin ist gerade mal vier Lenze jünger. Trotzdem sind die Ladies, Kompliment an den Kosmetiker, noch völlig faltenfrei und lassen manch Jüngere ziemlich alt aussehen. Und sie haben eine bewegte Vergangenheit. Wenn vom „Cardueliscarduelis“ die Rede ist, weiß der versierte Vogelkundler sofort Bescheid. Ein „Stieglitz“! Der gehört bekanntlich zur großen Finkenfamilie. Im Gegensatz zu ihren ornithologischen Vettern gibt es von der auf der Lipper Höhe beheimateten Fw 44 aber deutschlandweit nur noch ganz wenige flugfähige Exemplare, ganze zehn Stück nämlich. Dabei sind einmal rund 2.000 davon zwischen 1932 und den frühen 40-er Jahren bei den Focke Wulf-Flugzeugwerken in Bremen von den Bändern gelaufen. Von den Lizenzbauten in vielen anderen Ländern ganz zu schweigen. Und die 160 PS starke, von einem Siemens Halske SH 14 –Motor angetriebene „Echo-Tango-Uniform-Foxtrott“ dürfte der Methusalem unter Ihresgleichen sein. Auf dem Rumpf ist die Baunummer 1 eingraviert, was Raum für Interpretationen lässt. Weil es aber keine authentischen Dokumente aus der Entstehungszeit gibt, sind die Eigner vorsichtig in ihrer Wortwahl. Die Maschine sei aber höchstwahrscheinlich die älteste noch fliegende ihrer Art.

Langer Weg nach Hause

Thomas Holz und Friedrich Diehl hatten die Liebe ihres Lebens vor vier Jahren in Argentinien entdeckt. Dort war das Flugzeug von einem deutschen Auswanderer überholt und instand gesetzt worden. Eine Sisyphusarbeit, aber nix im Vergleich zu dem bürokratischen Hindernislauf, der vor den neuen Besitzern lag. Die Nerven, die es kostete, bevor das edle Teil erstmals deutschen Boden berührte, sind ungezählt. Der Rumpf der Maschine war in den 30ern offensichtlich als Muster für Lizenzbauten nach Südamerika gebracht worden, weil an der Weser die Produktionskapazitäten knapp geworden waren. Die Fw 44 war in erster Linie als Schulflugzeug für angehende Jagdflieger und als Kunstflugmaschine konzipiert worden.
Als Seltenheit gilt auch die zweite Seniorin des fliegenden Altersheims auf Siegerland, eine Bücker 133 „Jungmeister“. Davon tummeln sich auch kein Dutzend Exemplare mehr am deutschen Himmel. Der einsitzige, gelb-schwarz lackierte Doppelflügler ist genau so motorisiert wie der „Stieglitz“ und ebenfalls weit in der Welt herum gekommen. Anno 1940 von Dornier in Altenrhein gebaut, war die Maschine zunächst bei der Schweizer Luftwaffe für die Luftkampf- und Kunstflugschulung eingesetzt worden. Von dieser Mission zeugt heute noch das rote Seitenruder mit dem weißen Eidgenossen-Kreuz. In den 60-er Jahren hatte der kompakte Brummer ein mehrjähriges Gastspiel in den USA gegeben, ehe er auf dem Burbacher Airport bei Holz und Diehl ein endgültiges zu Hause fand. Ein nochmaliger Besitzerwechsel? Ausgeschlossen!

Thomas Holz und Friedrich Diehl sind Schrauber aus Passion

Die beiden sind Schrauber aus Passion, müssen es aber auch sein. Wie viele Stunden sie in der kleinen eigens angemieten Flughalle im südwestlichen Bereich des Airports schon an ihren betagten Luftfahrtgeräten herumgebastelt haben, kriegen sie gar nicht mehr zusammen. Aber es dürften in Summe Tausende Stunden gewesen sein. Denn: Wenn’s irgendwo klemmt und hakt, ist es mit einem Regel-Termin in Werkstatt oder Werft nicht getan. Dort hantieren zwar auch Spezialisten, sind aber meist auf neuzeitlichere Maschinen abonniert. Schwächelt der Oldie, sind auch sie oft überfordert. Es gibt kaum noch Ersatzteile. Da heißt es: Selbst ist der Mann! Da muss improvisiert, getrickst und gebastelt werden, und zwar so, dass das Resultat auch vor den kritischen Augen des amtlichen Prüfers Bestand hat. Aber in dieser Hinsicht durften sich die beiden Veteranen-Reiter bislang immer auf der sicheren Seite wissen.
Und wenn sie sich dann die Welt von oben durch die Streben ihrer Doppelflügler betrachten, den satten, gleichmäßigen Motorklang in den Ohren und dessen Emissionen aus Benzin- und Ölgemisch in den Nasen, dann entschädigt das für alle Mühen und Anstrengungen. Dann ist sie wieder da, diese unbeschreibliche Euphorie, die sich einstellt, sobald die Räder der prächtigen Flugzeuge den Bodenkontakt zur Piste verlieren und sich in den Himmel schrauben. Das ist schon ein besonderes Privileg für jene, die das erleben dürfen. Aber die beiden sympathischen Piloten teilen das gerne mit anderen. Auf dem vorderen Passagiersitz ist hin und wieder noch was frei.

Nur Fliegen im Kopf

Thomas Holz und Friedrich Diehl gehören zu jenem leicht verrückten Völkchen, dessen Angehörige schon mit einem eingebauten Höhenruder zur Welt gekommen scheinen. Die Jungs haben (fast) nur Fliegen und Flugzeuge im Kopf. Was sich auch in ihrer eigenen beruflichen Karriere niedergeschlagen hat. Beide sind bzw. waren (natürlich!) Berufspiloten. Allerdings sind/waren die Brummer, in deren Cockpits sie ihre Brötchen verdienen, ein klein wenig größer und schneller. Aber einen Airbus A 330 oder eine Boeing B 737 zu steuern ist nichts im Vergleich zu dem Gefühl, sich den Fahrtwind eines Doppeldeckers ins Gesicht blasen zu lassen und, durch keine Kanzelhaube von der Umgebung getrennt und nur durch Fliegerbrille und Schal geschützt, den Elementen zu trotzen. Der Nachwuchs ist dahingehend natürlich erblich belastet. Holz‘ Töchterchen jettet ebenfalls als Berufspilotin rund um den Globus, Diehl-Junior Jan hat die Profi-Lizenz inzwischen ebenfalls in der Tasche. Muss an den Genen liegen.

Vagabunden der Lüfte

Es sind Vagbunden der Lüfte, und alle zwei Jahre fallen für sie Ostern und Weihnachten auf einen Tag. Dann wird der Grill zum „Barnstormers Barbeque“ gezündet. Das ist das größte Oldtimer-FlyIn Deutschlands, zu dem Piloten mit ihren „tollen, ollen Tanten“ aus ganz Europa herbei geknattert kommen. Die Teilnehmerliste liest sich jeweils wie das „Who is Who“ aus der Nostalgie- und Mottenkiste der Aeronautik. In diesem Jahr fand dieses außergewöhnliche Familientreffen in Montabaur statt und wurde erwartungsgemäß wieder zu einem Medien- und Publikumsereignis erste Güte. So viele fliegende historische Kleinode, eines schöner als das andere, findet man sonst kaum auf einem Fleck. Hundert betagte Diven des Himmels - mehr Anmeldungen konnten aus Kapazitätsgründen nicht berücksichtig werden - geben sich mit ihren Besatzungen ein zwangloses Stelldichein. Campiert wurde standesgemäß in Schlafsäcken unter den Tragflächen. „Barnstormer“ lässt sich am besten mit „Wanderschauspieler“ übersetzen. Und etwas von einem solchen schlummert wohl in jedem Oldtimer-Pilot. Zu erzählen haben sie allesamt eine Menge – nicht nur Fliegerlatein, das am nächtlichen Lagerfeuer aber ganz einfach dazu gehört. Und beim nächsten Mal – die Vorbereitungen sind längst angelaufen – campieren Thomas Holz und Friedlich D iehl mit ihren Familien wieder in der ersten. Etwas von der besonderen Atmosphäre dieses Events und dem Lebensgefühl der Teilnehmer vermittelt dieses Video:
http://vimeo.com/73169402
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.