Film lebt! Analoge Fotografie – von Neugierde bis Retrofeeling

Altmodisch und rückständig oder kreativ entschleunigend? Analoge Fotografie anno 2015 - mit einer Kamera von 1983 (Foto: Sebastian Petermann, analog auf Agfa APX 100)

„Kamera mit Film – gibt’s denn noch Filme?“ oder „Wie, ein Film in der Kamera, ohne Display?“ Diese oder sehr ähnliche Aussagen fallen schnell, wenn ambitionierte Fotofreunde mit analoger Technik auf Motivsuche auf die digitalen Kollegen treffen. Was bringt immer mehr junge Fotografen dazu, sich im Digitalzeitalter mit analoger Fotografie zu beschäftigen?

In Zeiten von Megapixel und Dateien scheint es eine seltsame Rückständigkeit zu sein, sich noch mit analogem Fotomaterial zu beschäftigen. Doch der Schein trügt: viele junge Fotografen entdecken gerade die Bildgebungsverfahren der analogen Fotografie aus den unterschiedlichsten Gründen komplett neu. Aber was macht das neu aufkommende Interesse an Schwarzweißfilm, Dunkelkammer und streng riechender Entwicklerlösung aus?

Stichwort Neugierde

Viele der jungen Fotografen kennen die Zeiten des „ich-hab-nur-24-Bilder-und muss-auf-die-Entwicklung-im-Drogeriemarkt-3-Tage-warten“ nicht. Warum auch? Sie haben ein Smartphone oder eine digitale Kamera und sind mit Internet 2.0 und Webcam groß geworden. Aber wie ging das denn früher und wieso gibt’s es die eigenen Baby-Fotos nur als Negativ im Schuhkarton? Wer sich intensiver dennoch mit Blende, Belichtungszeit und Brennweite auseinandersetzt, wir spätestens bei der Lichtempfindlichkeit an der Digitalkamera mit den alten Standarts aus der Analogzeit konfrontiert.

Stichwort Retro

"Retro“ ist immer irgendwie in. Hipster-Outfit, Nerd-Brille oder Schlaghose – alles scheint irgendwann wiederzukommen, aber ob dies auch für die analoge Fotografie gilt, bleibt fraglich. Jedoch konnte man im Fotofachgeschäft schon erleben, wie ein junger Mann unter 25 Jahren einen „alten Fotoapparat für seine Freundin“ kaufte, und bei der Auswahl der Kamera vor allem nach dem Aussehen der Kunstlederhülle entschied. Geht das Interesse dann über diese Äußerlichkeiten hinaus, kommt der Interessierte schnell zur Frage „Gibt es da noch Filme für?“ und schon geht das Kennenlernen der analogen Technik los.
Interessant ist auch die Tatsache, dass handelsübliche Smartphones mit hochentwickelten Kameras auch Bildbearbeitungswerkzeuge bieten, die künstlich die Abbildungsfehler einer schlechten analogen Fotografie digital ins Bild zaubern: „ach wie toll, dieser Polaroid-Look“ oder „Klasse! Randabschattung und Sepia-Farbton“. So wird ein früherer (oft) technischer Mangel zum hippen „picture style“- „retro“ eben Dass man diese Effekte auch analog, also wirklich „echt“ erzeugen kann entdecken immer mehr Hobby-Fotografen und ziehen wieder mit der Agfa-Clack Lochkamera um die Häuser. Dabei entstehen erstaunlich kreative Ergebnisse, die man mit dem technischen viel besseren Smartphone oder der digitalen Spiegelreflexkamera gar nicht so erreicht.

Stichwort Kreativprozess

In einer Woche Pauschalurlaub werden beispielsweise 950 digitale Bilder auf den Speicherchip gebannt. Wieder zu Hause werden diese entweder stark aussortiert zu einem Fotobuch verarbeitet oder verschwinden in den meisten Fällen auf ewig in den unendlichen Weiten der externen Festplatte. In der Analogzeit wären 950 Bilder etwa 26 Farbfilme zu je 36 Aufnahmen gewesen. Wie kreativ ist man also beim digitalen Fotografieren? „Wenn das Bild nicht gut aussieht, wird es eben schnell gelöscht“ – früher undenkbar. Das früher alles besser war, stimmt bekanntlich nicht, aber bei einer begrenzten Anzahl von Bildern, die zunächst nicht nachprüfbar auf einem Analogfilm landen – hat man da nicht mit mehr Sorgfalt ein Motiv ausgewählt? Schlussendlich musste man ja auch noch die Entwicklung abwarten, um dann angespannt schon im Drogeriemarkt oder im Fotoladen den Umschlag mit den Negativen aufzureißen um nachzusehen, „ob auch alles was geworden ist“.

Fotografieren mit analogem Filmmaterial in der heutigen digitalen Zeit ist schwieriger geworden. Filme sind teuer und weniger verbreitet, ein gutes Fotolabor findet man seltener. Der Prozess der Bildgestaltung ist herausfordernd, da man das Ergebnis nicht direkt nachkontrollieren kann, und erfordert mehr Diziplin. Der Kreativprozess ist dafür aber wertiger als bei massenhaften „Schnapsschüssen“. Dabei tut die analoge Fotografie vor allem eines: sie entschleunigt. Heutzutage eine Möglichkeit, kreativ von der ständigen Reizüberflutung des „Twitter-Zeitalters“ zu fliehen. Der Annalogfilm lebt.

Wie man ein Jahr lang jede Woche analog gestaltet findet sich hier:
52 Wochen analog - ein Fotografieprojekt von Sebastian Petermann
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