80 Die Konkurrenten Runibergun/Runiberchen und Amplithi/Amplidi

Jümmer vorwärts - Heimatbund Niedersachsen e.V.
Ronnenberg: Ronnenberg | Stellungnahme des Heimatbundes (HBN) zur Altersbestimmung einer von Amtswegen veranlassten Untersuchung der Ronnenberger Ortsteile, hier Ronnenberg und Empelde.

Aktuelle Forschungsergebnisse des HBN (Rezension Alt-Ronnenberg pp) die die amtlicherseits vorgelegten Untersuchungsergebnisse für die Kernstadt Ronnenberg eindeutig widerlegen, sind in der Öffentlichkeit noch zu wenig bekannt. Auch wurde der Stadtteil Empelde bislang in diese Forschungsarbeiten nicht einbezogen. Dabei verbindet beide Konkurrenten (NIHR/ M. Stöber) eine gravierende Schwachstelle. Sie berufen sich in den frühen schriftlichen Quellen des neunten Jh. auf verschollene Bestandsaufnahmen; Ronnenberg z.B. auf ein Mindener Stiftsregister, Empelde auf eine Corveyer Schenkungsliste.

Ronnenbergs Frühgeschichte
Während Ronnenbergs Alter in der wissenschaftlichen Diskussion und Lehre, aber auch in der Öffentlichkeit noch immer mit dem heftig umstrittenen Widukind-Beleg Runibergun 530 assoziiert wird, haben unsere zehnjährigen Forschungen mit wissenschaftlicher Unterstützung ergeben, dass

> der Name Ronnenberg uralt und der Ursprung in der indogermanischen Zeit zu suchen ist. (Prof. Dr. Udolph, Uni Leipzig)
> der Tempelberg als Namen Spender gilt. (div Namenforscher)
> der Ort spätestens seit der Zeitenwende dauerhaft besiedelt ist. Erste Hofstellen sind in der Spät-Lathène nachgewiesen. (Dr. Gärtner, Uni Regensburg, Dr. Hildegard Nelson, NLD Hannover)
> die vorhandene Infrastruktur mit einem Drehkreuz uralter Heer-/Handelsstraßen wie dem Hellweg vor dem Sandvorde mit einer namenlosen Nord/Süd-Achse die Ansiedlung und dauerhafte Entwicklung des Ortes maßgeblich bestimmt hat.
> eine von der Zeitenwende bis ins hohe MA belegte Straßenkontroll- und Zollstation die frühe Bedeutung der Siedlung gefördert und geprägt hat. (Dr. Schmidt, NLD)
> Der nahtlose Übergang des heidnischen Tempelbergs zum Kirchenhügel in der karolingischen Zeit mit der frühen Bebauung durch zwei Gotteshäuser ebenfalls die Bedeutung dieses Standortes unterstreicht.

Ein überholtes Klischee

Mit diesen frühzeitlichen Auszeichnungen ist eines eindeutig belegt: Dieser Ort war zu Zeiten der legendären ersten Schlacht um 530 nicht nur besiedelt sondern bereits voller menschlicher Aktivitäten. Zur Altersbestimmung ist Ronnenberg daher auf das Image eines umstrittenen Runibergun-Anwärters nicht mehr angewiesen und verweist gelassen auf die Ersterwähnung 968 – nunmehr Widukind als Zeitzeuge.

Trotzdem gibt es ernsthafte Gründe, auf die Ansprüche einer Identität mit Runibergun 530 nicht zu verzichten, allein schon im Interesse der Calenberger Bürger (ehem. Marstemgau s. Quedlinburger Annalen). Das Calenberger Land war damals bereits dicht besiedelt, insofern durch die dreitägige Reiterschlacht weitläufig in Mitleidenschaft gezogen.

Es sind diese Indizien, die für Ronnenberg sprechen:

> Die Hinwiese der fünf Chronisten zur Lokalität des ersten Kampfplatzes
 >>Zeitzeuge Gregor: Nach einer dreitägigen verlustreichen Schlacht wandten die Thüringer dem ersten Schlachtfeld den Rücken und flohen zur Unstrut
 >>Widukind: In Runibergun vor den Grenzen der Thüringer wurde gekämpft. Am dritten Tag Flucht der Thüringer über die Unstrut zur Burg Scheidungen
 >>Quedlinburger Annalen: Im Marstemgau fand der Kampf statt
 >>Ekkehardie chronikon universale: Runiberg war der erste Schlachtort.
 >>Sächsische Weltchronik: In Runiberg wurde gekämpft, von hier Flucht der Thüringer auf die Burg Schidinge an der Unstrut.

> Funde des 6. Jh. in Ronnenberg und der näheren Umgebung ohne Grabungen
> Prospektionen an den Leinefurten
> Renommierte Wissenschaftler, die Ronnenbergs Identität mit Runibergun begründen oder als mögliche Anwärter Ronnenberg bevorzugen.
> Der verschollene? Beleg „Runeberchen um 800“ als Hauptort des Marstemgaues in einem Mindener Stiftsregister erwähnt. Vermutlich handelt es sich um eine erste Bestandsaufnahme des soeben gegründeten Bistums Minden. (Von maßgeblichen Historikern des 19./20. Jh. wiederholt verarbeitet) S. Amplithi - Parallele zum Corveyer Schenkungsregister!
> Der Runibergun-Beleg 968 des Zeitzeugen Widukind – Ronnenbergs Ersterwähnung

Empeldes Frühgeschichte

Historiker halten bei der Altersbestimmung dieses Stadtteiles (hier das NIHR) eingedenk der Amplithi These (verheißt hohes Alter) unverbrüchlich an selbst wissenschaftlich bereits verworfenen frühen Belegen des neunten Jh. fest.

Ersterwähnung Empeldes aus einer ersten Bestandsaufnahme des Klosters Corvey

Empelde beharrt auf den isoliert abgehobenen vier Amplithi/Amplidi Quellen des 9. Jh. (Franz Engel, 1940), obwohl
 > für die Behauptung, Empelde sei ein uralter Salz-Ort, die Belege fehlen.
 > drei Belege der Corveyer Schenkungsurkunde einer neuzeitlichen, im 19. Jh. gefälschten Abschrift (Falke/Wiegand) eines verschollenen Originals aus dem 11. Jh. entstammen.
 > eine Identität mit dem dort belegten Amplithi grundsätzlich fraglich ist. (Kein Salz-Ort)
> der vierte Beleg „Amplidi in pago Guottinga“ ganz sicher nicht Empelde betrifft, denn der an das Kloster Corvey übertragene Herrenhof liegt im Guttingau, der südlich an den Marstemgau anschließt. Die Grenze bildet die Haller.

Resümee bzw. nochmals kritische Reflexion der frühen Belege des 9. Jh.
 826-876 - Amplithi (Trad. Corb. § 67)
 826-876 - Amplithi (Trad. Corb, § 105)
 840 - Amplidi (Trad. Corb. § 303* u. MGH DLdD Nr. 20)
Die Belege des neunten Jh. beziehen sich also auf die vielfach kritisierten
„ traditiones Corbeinses „ und eine notarielle Urkunde, die mit der Lokalität Empeldes nicht vereinbar ist, außerdem auf nicht belegte Salzrechte im Zusammenhang mit den verschenkten Gütern.

In den Findbüchern des Landesarchivs NRW fehlen z.B. die “traditiones Corbeinses“ gänzlich!
Tatsächlich distanziert sich heute die wissenschaftliche Corvey-Forschung der Uni Münster von den Corveyer Traditionen, indem sie direkte Verweise in den historischen Abhandlungen, insbesondere auf Ortsnamen der Schenkungsregister, vermeidet. So verläuft auch die Suche nach Orten wie Empelde, Amplithi oder Amplidi ergebnislos.

Ergo
Die Identität Amplithis/Amplidi mit unserem Empelde leidet also in starkem Maße an der Instabilität der Belege, die als Ersterwähnung gewertet werden, aus diesen Gründen:
> Bezugnahme auf Fragmente eines Kopialbuches aus dem neunten Jh., das nur noch als möglicherweise gefälschte Abschrift des 19. Jh. vorliegt. (S. auch : L.A.T. Holscher, 1877 „Beschreibung des vormaligen Bistums Minden“)
> Die Schenkungen beziehen sich auf Güter in Verbindung mit Salzrechten, die im Guddingau liegen.
> Wegen der Lokalisierung „ in pago Guottinga“ wird einem königlichem Notar eine fehlerhafte Beurkundung unterstellt.
> Die von Lokalhistorikern unterstellten Salzrechte in Empelde sind nicht belegt. Auch deshalb wird Amplithi in der wissenschaftlichen Literatur vornehmlich mit anderen Orten in Verbindung gebracht, z. B. mit dem wüsten Empede bei Gronau. (S. auch August von Wersebe 1829, „ IV. Paderbornische und Mindensche Döcese“)
> Nach diesen frühen Quellen wird Empelde erst 345 Jahre später als Emplithi erwähnt!

1940 feierte Empelde ein 1100jähriges Ortsjubiläum unter Bezugnahme auf eine Urkunde König Ludwigs aus dem Jahr 840, die als Beleg einer Ersterwähnung gewertet wurde, obwohl dieses Dokument Empelde nicht betraf.
Bevor Empelde möglicherweise über ein 1200jähriges Ortsjubiläum nachdenkt, wären seine Interessenvertreter, im Zweifel der AK.- Stadtgeschichte gut beraten, sich um die Stabilisierung der Belege insoweit zu kümmern, dass diese den Anforderungen der heutigen wissenschaftlichen Quellenselektion genügen, oder alternativ archäologisch zu forschen und interdisziplinäre Unterstützung suchen. Die Erfolge des HBN in Ronnenberg sollten dazu ermutigen. Sonst steht nach dem Ronnenberger Eklat von 2005 der Stadt Ronnenberg ein weiteres Fiasko und erheblicher Imageschaden 2040 ins Haus.

Zum Abschluss ein kurzer aber vielsagender Blick auf die Altersschwankungen der beiden Konkurrenten in den letzten zehn Jahren

Traditionell
> Ronnenberg war der älteste Ort weit und breit und seit mindestens 1000 Jahren der geistige Mittelpunkt vieler Gemeinden des Calenberger Landes, insbesondere der heutigen Ronnenberger Stadtteile und für diese auch das einzige Grundzentrum.

Der Bürgermeister und Herausgeber der Stadtbroschüre „Ronnenberg im Calenberger Land“ 2009
> degradiert Ronnenberg zum bedeutungslosen jüngsten Stadtteil, indessen wird Empelde als ältester und künftig tonangebender Stadtteil gefeiert.

Dagegen der wissenschaftliche Begleiter Martin Stöber 2010 in der Chronik „Ronnenberg - Sieben Traditionen eine Stadt“. Zitat
> „Ein offenes Rennen um Platz eins!“ Immerhin die Einleitung einer Kehrtwende.

Der Heimatbund 2015
> Diesem Verein gelingt die totale Kehrtwende, allerdings mit völlig überraschendem Ausgang. Die Kernstadt trägt den Namen Ronnenberg nicht nur zu Recht, sie ist auch erheblich älter und bedeutender als ursprünglich angenommen.

Sie haben noch Fragen? Im Frühjahr nächsten Jahres erscheint die Chronik des Dorfes Ronnenberg mit mehreren Begleitheften. Da finden Sie auch alle hier nicht angegebenen Belege, auf die ich hier aus Platzgründen verzichtet habe.

* S. Heinrich Tiefenbach „Zur Philologie der frühen Corveyer Ortsnamenüberlieferung“

Karl-Fr. Seemann
Im Oktober 2015
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