7. Mai 1954: Dien Bien Phu. Die Schlacht, die das Ende der französischen Kolonialherrschaft in Ostasien herbeigeführt hat

 
Aus meinem Carnet Individuel des services aériens (Flugbuch) mit Eintragungen vom 5. und 6. Dezember 1953 (Dien Bien Phu)
Heute vor 60 Jahren, am 7. Mai 1954, endete, 300 km westlich von Hanoi, die Schlacht von Dien Bien Phu. Von der Liga für die Unabhängigkeit Vietnams (Vietminh) besiegt, musste Frankreich noch im selben Jahr seine Kolonialherrschaft in Ostasien aufgeben. Ich habe die Schlacht nicht mehr miterlebt, weil meine Dienstzeit in Vietnam am 15. März 54 abgelaufen war, bin aber vorher, am 5. Dezember 1953, als Dispatcher nach Dien Bien Phu geflogen und war zwei Tage dort. Nachfolgend hierzu Ausschnitte und Kapitel aus meinem Roman "Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht", sowie eine Foto-Text-Dokumentation:

Castor wurde erschlagen

Rapport bei Lieutenant Cronenberger, inzwischen befördert, wie jeden morgen um elf. Ich höre ihn sagen: "Wir müssen die Operation Castor vorbereiten! Eine große Sache von mehreren Wochen. Alle Parabataillone nehmen daran teil. Das Kommando hat General Gilles. Über Einzelheiten, soweit sie uns betreffen, reden wir morgen. Seien Sie um vierzehn Uhr bei mir. Nicht um elf, um vierzehn Uhr! Vormittags habe ich eine Besprechung. Alles weitere morgen .“Danke!"
Er verzieht keine Miene. Er scheint nicht besonders begeistert zu sein.
"Ganz, wissen Sie eigentlich, wer Castor war?"
"Ein griechischer Held, mon Lieutenant."
Nomen est omen: Castor wurde erschlagen - denke ich. Aber ich sage es nicht.

Wo gesprungen werden soll, hat der Lieutenant mir nicht gesagt. Vielleicht weiß er es selber nicht. Die Legionäre werden es erst erfahren, wenn sie in den Maschinen sitzen und ohne Kommando nicht mehr aussteigen können. Vielleicht wird einer zu singen anfangen, und auch die anderen werden versuchen, grölend den Lärm der beiden Dakotamotoren zu übertönen, bis das Flattern in der Magengrube aufhört. An den Fensterscheiben drücken sich ein paar Nasen platt, und es werden alle Flugzeuge gezählt, die in der Formation mitfliegen. Mitunter gibt es dann Streit, weil man sich über die genaue Anzahl nicht einig werden kann. Aber es ist fast immer einer dabei, der das Delta schon oft überflogen hat und sich hier einigermaßen gut auskennt.

Namen von Dörfern werden genannt, ein Fluß, ein Gebirge. Eine Flugrichtung wird ausgemacht. Manchmal wird sogar eine Wette abgeschlossen über das Ziel. Der Streit ist längst vergessen, und man wartet gespannt darauf, daß der Lieutenant oder der Unteroffizier, der die Gruppe kommandiert, aufsteht und sagt, wo es hingeht.

Ich habe heute morgen, als der letzte LKW zum Fluplatz Gia Lam abgefahren ist, oben an der Dachluke unseres Hauses gestanden und gesehen, wie die Maschinen gestartet sind und in langen Ketten hinter den Bergen im Dunst verschwanden. Nach zwei Stunden kamen sie zurück. Das sind etwa dreihundert Kilometer von hier, im Norden, im Süden, im Westen? Miros ist dabei.

Nach der ersten Welle startete eine zweite, dann eine dritte. Weiter habe ich nicht mehr zählen können, weil Adam Birnbaum japsend mich daran erinnerte, daß der Bürodienst längst begonnen habe:
"Lieutenant Cronenberger hat schon nach dir gefragt. Ich habe gesagt, du seiest auf der Toilette. Stimmt das etwa nicht?"
"Da war ich auch, Adam. Soll ich zu ihm kommen?"
"Ja, sofort."

Ich erfahre, daß nahe der Grenze zu Laos eine neue Operationsbasis geschaffen werden und ich Adjudant-Chef Ruiz bei der Organisation der Verpflegung unterstützen soll. Die Basis ist über den Landweg nicht zu erreichen. Deshalb wird die Versorgung mit Proviant, Waffen und Munition, bis die Landebahn des ehemals japanischen Flugplatzes instandgesetzt ist, aus der Luft mit Fallschirmen erfolgen.
"Wenn Not am Mann ist, werden Sie mitfliegen müssen. Das werden Sie dann von Ruiz erfahren. Wie macht sich Caporal Birnbaum?"
"Er hat sich sehr schnell eingearbeitet. Er wird eine Weile ohne mich auskommen."



Garcia Ruiz ist Lieutenant Cronenbergers rechte Hand. Er ist einer von den Älteren. Er hat ein markantes Gesicht, das man nicht vergißt. Deshalb kennt ihn im Bataillon fast jeder. Adlernase, dunkle, lederne, gegerbte Haut, schwarzer Vollbart, Flügelohren. Beim Mittagessen treffe ich ihn im popote.
"Noch brauche ich dich nicht", sagt er zu mir. "Das Material ist schon bereitgestellt. Der LKW wird heute Abend beladen. Abfahrt sechs Uhr früh. Abflug gegen acht. Hängt davon ab, wann der Bodennebel sich auflöst. Dien Bien Phu verschwindet jeden Morgen in der Suppe!“
"Dien Bien Phu?"
"Ach, man hat dir noch nicht gesagt, wie der Arsch von Indochina heißt? Dien Bien Phu, das sind ein paar Pfahlhäuser der Thais 300 Luftkilometer westlich von hier, hinter Son La, von Lai Chau südwärts, vor der laotischen Grenze. Ein langes Flußtal, umschlossen von Bergdschungel, 300 bis 700 m hoch. Ein alter Flugplatz ist dort. In drei Tagen wird die Piste fertig sein. Dann werden wir landen können. Bist du schon mitgeflogen - als dispatcher?"
"Damals bei Lai Chau. Da wäre dein bester Kumpel beinahe verblutet."
"Juan?"
"Juan Sardos, ja."
"Er hat eine Hure geheiratet und eine Kneipe aufgemacht, bei Marseille."
"Dann hat er ein gutes Werk getan. Und was soll da am Arsch von Indochina passieren?"
"Das große Schlachten. Den Viets soll ein Riegel vorgeschoben werden, damit sie von Laos aus nicht mehr operieren können.

Der Talkessel wird zu einer Festung ausgebaut. Man will Ho Chi Minh in eine Falle locken. Er soll gezwungen werden, das Gros seiner Truppen in dieser Wildnis zu konzentrieren. Man erwartet, daß er sich hier die Zähne ausbeißen wird."
"Und so soll das Delta entlastet werden?"
"Nicht allein dies. Der Krieg soll hier entschieden werden!"

20. November 1953: Castor hat begonnen! Dieses Datum werde ich mir merken müssen.

Die Nachrichten sind spärlich. Aus dem Radio erfahren wir, daß die Operation Castor nach Plan verläuft. Über Verluste schweigt man sich aus. Beim täglichen Befehlsempfang hören wir, daß es bei der Landung Tote und Verwundete gegeben hat. Zahlen und Namen werden nicht genannt. Die in Dien Bien Phu stationierten Viet Minh-Einheiten hatten, wie erwartet, Widerstand geleistet, sich dann jedoch zurückgezogen. Mit solch einem massiven Coup hatten sie wohl nicht gerechnet. Vereinzelt wird aus den Bergen heraus mit Granatwerfern geschossen.

Weitere Parabataillone werden abgesetzt, und es wird Material abgeworfen: mittelschwere Waffen, Munition, Stacheldraht, Gerät für die Instandsetzung der beiden Pisten − es gibt noch eine zweite, kleinere - und Schanzzeug. Es sollen Stollen in den Boden getrieben und Schützengräben ausgehoben werden. Unterstände und Bunker sind zu bauen. Aber der Boden ist steinhart, und in dieser Phase des Unternehmens zählt jeder Tag.
"Die Sache ist gut angelaufen", meint dennoch Lieutenant Cronenberger. "Ich bin da ganz zuversichtlich."



In fünf Tagen ist die große Piste so weit wiederhergestellt, daß Transportflugzeuge landen können. Man hat Lochbleche verlegt. Sie stammen, wie alles übrige Material, Flugzeuge und Waffen, fast die gesamte Ausrüstung, aus US-Beständen. Es werden Kampfpanzer ausgeladen, eine Planierraupe und Apparate für das Feldlazarett.

Die Proviantierung unseres Bataillons − Garcia Ruiz und ich sind damit beauftragt − bereitet uns keine Probleme; denn es ist Fertignahrung, in den USA auf Fließbändern maschinell verpackt, in Metallfolien, Blechschachteln und Tuben: Kampfrationen in wasserdichten Kisten. Sogar Klopapier, Zahnpasta und Seife sind dabei.

In den ersten Tagen langt jeder gierig zu und achtet darauf, daß keiner mehr bekommt als er. In der zweiten Woche sehnt man sich nach frischer Kost, in der dritten wird gemurrt, wenn nicht endlich Frisches aufzutreiben ist oder nachgeschoben wird. Wir, Garcia und ich, haben dieses Schnellfutter beim Zentraldepot zu ordern, LKWs hinzuschicken, mal er, mal ich die Beladung zu überwachen und nach Gia Lam zu bringen. Ein Dispatcher, der mitfliegt, übernimmt die Fracht und achtet darauf, daß alles ordnungsgemäß in der Transportmaschine verstaut und an Fallschirmen befestigt wird. Er hat dem Piloten und dem Navigateur die Abwurfstellen − meistens sind es mehrere − mitgeteilt und sich die Markierungen auf ihrer Karte noch einmal zeigen lassen. In den nächsten Tagen werde wohl ich an der Reihe sein. Ehrlich gesagt, ich bin gespannt diesmal, neugierig fast, neugierig auf Dien Bien Phu, den Arsch von Indochina. Das ist kein Sinneswandel, kein Selbstverrat − es ist einfach das Bedürfnis, sich einer existentiellen Herausforderung zu stellen. Was du ablehnst, das mußt du selber erfahren haben!


Anh

Hanoi, Cité Universitaire. Soeben sind die Listen mit den Namen der Legionäre und Vietnamesen, die am Luftlandeunternehmen CASTOR teilgenommen haben, eingetroffen, und ich muss die Daten des Operationssprunges in die Flugbücher der Männer eintragen. Sie bekommen dann eine Sonderzulage. Ein Flugbuch fehlt! Ich habe einen Mann zu viel auf der Liste! Einen Vietnamesen: Dao Duy Anh. Ich kenne ihn. Es ist der Kleine, der hier als Boy gearbeitet hat. Er hat sich drei Jahre älter gemacht und ist nun bei uns Soldat. Er ist höchstens fünfzehn. Es ist kaum zu fassen: Er ist mitgesprungen − ohne am Fallschirm ausgebildet zu sein! Und keiner hat es bemerkt.
Oder?
Wenn ich das melde, gibt es ein Disziplinarverfahren für den, den sie dafür verantwortlich machen, mit Degradierung und Strafversetzung. Ich warte lieber ab, bis ich weiß, wie es passiert
ist, wie so etwas hat passieren können. Jetzt kommt es erst einmal darauf an, keine schlafenden Hunde zu wecken. Vielleicht steht dieser Name irrtümlicherweise auf der Liste. Ich kann mir das gar nicht anders vorstellen.

Er ist tatsächlich nirgends zu finden. In der Waffenkammer, wo er gearbeitet hat, frage ich den dicken Caporal-Chef, der das Magazin verwaltet: "Wo ist Anh?"
"Hier nicht."
Der Caporal-Chef grinst, als wüsste er Bescheid.
"Wo denn?" frage ich.
"Weiß nicht. Anh ist vor fünf oder sechs Wochen abgezogen worden. Mehr weiß ich nicht."
Das ist alles, was ich erfahre.



Dien Bien Phu, 5. Dezember 1953. Ich sitze seit eineinhalb Stunden auf einer Kiste voller Handgranaten und überprüfe die Soldlisten und anhand dieser Listen die Anwesenheit der Legionäre und Vietnamesen unserer Kompanie und aller Unteroffiziere des Bataillons. Es gibt eine Sonderzulage für die Teilnahme an dem Luftlandeunternehmen, und es sind Banküberweisungen auf Konten in Frankreich, Schuldtilgungen, Alimentenzahlungen und dergleichen durchzuführen. Die Männer kommen einzeln und in kleinen Gruppen zu mir. Ich muss sie beraten und mit ihnen Verfahrenweisen besprechen. Da ist Anh!
"Wie hast du das fertiggebracht?" frage ich ihn.
"Was fertig, Sergent?"
"Du bist mit dem Fallschirm abgesprungen. Wo hat du das gelernt?"
"Ich hab geguckt, Sergent, wie machen die andern."
"Und keiner hat bemerkt, daß du kein brevet * hast?"
Er lacht von einem Ohr zum andern.
"Keiner, Sergent... du!"
"Na gut. Okay. Du kannst gehn! Aber du nimmst am nächsten Springerkursus teil. Dann bekommst du auch die Zulagen. Melde dich bei mir, wenn du wieder in Hanoi bist!"
"Danke, Sergent, danke!"
Was soll ich jetzt tun? Ich weiß es nicht. Abwarten? Vielleicht regelt sich das von selbst.
Das hat es denn auch.

(* le brevet parachutiste: das Militär-Fallschirmspringer-Diplom)


Aus den Aufzeichnungen von Miros über Điện Biên Phủ

Tiens, bien fou!


Als wir hier gelandet waren und uns versammelten, da drüben am Fluss, ging einer von uns auf den kleinen Hügel und schaute sich um. Er kam zurück und sagte: „Tiens, bien fou!“ Seitdem heißt dieses Plateau nicht mehr Điện Biên Phủ. Der Capitaine hat keine Miene verzogen, als Yang bei einem Befehlsempfang statt Điện Biên Phủ ´Tiens, bien fou!` sagte. Er hat den kleinen Unterschied in der Aussprache wahrscheinlich gar nicht bemerkt.

(„Tiens, bien fou!“ − die Aussprache ist, bis auf das `T`, dieselbe − bedeutet, aus dem Französischen übersetzt: „Sieh da − ganz schön verrückt!“)

Wir sollten wieder einmal Artilleriestellungen erkunden, denn es war immer noch nicht gelungen, sie genau zu orten. Die meisten der wenigen Granaten, die einzeln abgeschossen wurden, trafen ihre Ziele. Ein Bunker stürzte ein. Granatwerfer und Geschütze fielen aus. Auch der Flugplatz wurde getroffen. Und jedes Mal, wenn danach Todesstille eintrat, trugen wir Verwundete zum Chirurgen und sammelten auf, was von Verstümmelten und Zerfetzten übrig geblieben war.

Wenn wir den Abschuss hörten, war es zu spät, in Deckung zu gehen. Das machte uns alle unsicher und nervös. Es waren offensichtlich Probeschüsse. Ihre Artillerie war dabei, sich einzuschießen: ein Vorgeschmack auf das, was uns erwartete. Dies war uns allen klar. Aber keiner sagte es. Wir wussten also, dass sich die Viet Minh-Artillerie ringsherum in den nächsten Bergen befindet; sie blieb unsichtbar. Unsere Luftaufklärung war ebenso erfolglos, wie wir es mit unseren Spähtrupps waren. Wir sind bis zu den Punkten, wo nachts Mündungsfeuer gesichtet worden war, vorgedrungen − vergeblich. Die Felsen, Bäume und Sträucher, die wir akribisch abgesucht haben, gaben das Geheimnis nicht preis. Nirgendwo eine Spur, nirgendwo heruntergetretenes Gras, ein abgesägter Ast, eine vergessene Granathülse, eine Zigarettenschachtel oder Konservendose − nichts als scheinbar unberührte Natur.
Die Viet Minh-Kanonen wurden in unterirdischen, bombensicheren Felsenbunkern vermutet. Deshalb sollten sie, sobald sie aufgespürt waren, von Pionierkommandos gesprengt werden. Wir haben sie nicht entdecken können.

Bei einer dieser − nächtlichen − Unternehmungen bin ich verwundet worden. Wir waren auf dem Rückweg, erleichtert, gelöst, unachtsam. Es wurden sogar wieder Witze gemacht. Etwa 300 Meter vor unserem Stützpunkt prasselte es auf uns herab. Ich verspürte einen harten Schlag an meinem linken Arm und warf mich hin. Neben mir stürzte einer zu Boden. Er blieb regungslos liegen. Ich robbte zu ihm. Er war tot. Ein Verwundeter saß, an einen Stein gelehnt, und starrte mich an. Vor ihm lagen zwei Tote. Einige von uns schossen blind zurück. Der Gegner war längst über alle Berge.
Der Feuerüberfall hatte höchstens ein, zwei Minuten gedauert. Jetzt erst kamen die Schmerzen. Ich betastete meinen Oberarm und leckte warmes Blut von meinen Fingern. Im Jackenärmel war hinten ein kleines und vorn ein großes Loch.

Vom Stützpunkt kamen mit einem Sergent zwölf Legionäre und brachten uns zurück. Die Wunde schmerzte. Sie blutete nicht mehr. Sanitäter versorgten die anderen, offenbar
Schwerverwundeten, dann mich.
"Glatter Durchschuss," sagte einer, "reicht nicht für den Dampfer. Kriegst ein bisschen Urlaub in Hanoi. In drei Wochen bist wieder hier."
"In drei Wochen werde ich repatriiert. Der Vertrag ist dann abgelaufen."
"Na, da hast aber Schwein gehabt!"
Der Chirurg, in blutiger Gummischürze, hatte keine Zeit, um sich meine Wunde anzuschauen. Er hörte sich den Bericht des Sanitäters an, hob segnend seinen Arm und rief mir zu: "Grüß mir alle Huren von Hanoi, Sergent! In vier Wochen brauchen wir dich wieder hier."
Da habe ich lieber nichts gesagt.

Die große Schlacht hat noch nicht begonnen, dennoch ist der kleine Lazarettbunker bereits überfüllt. Es werden mit jeder Maschine, die hier landet, Verwundete nach Hanoi geflogen, aber es kommen zu viele nach. Kaum einer unserer Spähtrupps, die das Umfeld der "Festung" Điện Biên Phủ erkunden sollen, kehrt vollzählig zurück. Fast alle werden zusammengeschossen. Der Gegner taucht aus dem Nichts auf und verschwindet wieder im Nichts.

Die Verwundeten werden auf Tragbahren zum Flugplatz gebracht. Wer gehen kann, wie ich, geht oder humpelt hinterher. Wir warteten am Rande der Rollbahn auf eine Maschine: drei lange Reihen Schwerverwundeter und ein Dutzend Leichtverwundete. Wir waren darauf gefasst, dass jeden Augenblick Granaten einschlagen. Da lagen auch vierzig oder fünfzig Pakete: Leichen, in Zeltbahnen eingewickelt. Die Toten werden hier bald in Massengräber gelegt werden müssen.

Die ersten Flugzeuge sind spät gekommen. Bodennebel hinderte sie am Landen. Dann ging es wie am Schnürchen. Eine Maschine landete, eine andere startete, im Wechsel. Sie brachten den Nachschub und nahmen die "kampfunfähigen" Männer mit, zuerst die Schwerverwundeten und, wo noch Platz war, die Leichtverwundeten.
Ich habe Yang gesehen! Er stand mit einem Legionär bei einem Beinamputierten, der auf einer Bahre lag.
"Yang!"
Er hatte mich gehört. Er winkte zurück. Er bückte sich, beide bückten sich, hoben die Bahre auf und trugen sie im Laufschritt zu der nächsten Maschine, die eben gelandet und entladen worden war. Sie musste gleich wieder starten.

Acht Verwundete wurden auf Tragbahren ins Flugzeug gebracht. Der Legionär stieg aus und Yang...? Yang stand in der offenen Luke und winkte. Fliegt er mit?
Die beiden Motoren der Dakota wurden hochgefahren. Die Luke wurde geschlossen. Das Flugzeug rollte davon und hob ab. Yang war mitgeflogen!
Schon landete die nächste Maschine, und bis zum Nachmittag lichteten sich die Reihen der Tragbahren mit den Verwundeten. Die Toten werden warten müssen!

Endlich war ich an der Reihe. Yang war noch nicht wieder zurück. Eine Granate schlug mitten zwischen den Zeltbahnenbündeln ein. Die Toten wurden ein zweites Mal getroffen. Das Flugzeug, das auch mich mitnehmen sollte, ist nicht beschädigt worden. In der Luke stand schreiend und gestikulierend der Pilot. Er trieb zur Eile und half, die Schwerverwundeten hineinzuheben. Sie lagen apathisch auf ihren Tragbahren und hatten offenbar keine Schmerzen. Sicherlich hatte man ihnen eine starke Dosis Morphium eingespritzt. Als letzter bestieg ich die Maschine. Wir starteten. Tiens, bien fou! − Adieu!

[Aus: Dietrich Stahlbaum: Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht, Roman, Aachen 2000, Printausgabe vergriffen, seit I/2012 als eBook]

Eine Foto-Text-Dokumentation kann hier abgerufen werden (ganz unten) → http://zeitfragen.blog.de/2014/05/06/7-mai-1954-27...

Fotoserie »Bilder aus Vietnam 1951-54« auf meiner Homepage → http://www.dietrichstahlbaum.de/
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