EIN KLEINER ALTER KOFFER FÜR HERRN KLAUS

von Hans-Rudolf König aus Marburg | am 12.12.2009 | 807 mal gelesen | 11 Kommentare | 0 Bildkommentare | 6 Bilder
Nur ein kleiner alter Koffer
 
Familie Schmitt vor ihrem Haus bei Zwickau

Reichenberg (Tschechische Republik): reichenberg | Teneriffa. In einer Abstellkammer sammeln sich bekanntlich viele Dinge, die man eigentlich nicht mehr benötigt, von denen man sich aber trotzdem nur schwer trennen kann. Warum? Es gibt sicherlich sentimentale Gründe in unserem Unterbewusstsein, die nur selten den Weg in unser Bewusstsein finden. Oft ist es nur ein Hauch, der aus der Vergangenheit herüber weht. Da - plötzlich blitzt ein Bild, Geruch oder Geräusch in unserem Kopf auf und
wir erleben ein Déjà-vu. Allerdings ist es dann oft zu spät, weil der Gegenstand inzwischen entsorgt wurde. Doch nicht unser kleiner alter Koffer.

Fragt mich nicht, warum nun gerade dieser kleine Koffer im Jahre 1986 mit uns von Marburg nach Teneriffa auswanderte und bisher noch nicht von uns entsorgt wurde. Was kann man schon mit so einem Winzling anfangen? Also genießt er schon mehr als 23 Jahre schattigen Ruhestandes hier auf der Insel. Gestern war er mir wieder einmal im Weg, als ich in der Rumpelkammer nach einer alten Vase suchte. Am Griff schob ich das Köfferchen zur Seite – und sah, wie ein Blitz hinter meinen Augen ein altes braunes Foto explodieren ließ. Oh Mann, was war das denn? Das Foto kenne ich doch. Das muss doch irgendwo bei den alten Fotos von meinen Eltern sein. Dann heute Nacht fiel es mir sprichwörtlich im Schlafe ein.

Also, her mit den alten Fotoalben, denn plötzlich wußte ich, ganz am Ende des Familienalbums aus den 50-er Jahren würde ich das Foto finden. Es dauerte nur wenige Minuten und ich fand sogar eine ganze Seite mit Fotos von Menschen, die eigentlich gar nicht in unser Familienalbum gehören – oder doch?

Auf der Rückseite des Fotos der schüchtern dreiblickenden Blondine steht handschriftlich: „Zur Erinnerung an Ihre Erna, Reichenberg, 1.12.1943“. Daneben Fotos einer siebenköpfigen Familie vor ihrem Haus in Ketzelsdorf bei Zwickau: Familie Schmitt bestand aus den Eltern, drei Mädchen und zwei Buben. Die russische Armee eroberte das damalige Sudetenland und aufgrund der Benec-Dekrete wurden drei Millionen Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben, ermordet oder zur Zwangsarbeit verpflichtet. Familien wurden zerstört, und viele Kinder waren plötzlich ohne Eltern. So wurden auch die beiden Mädchen Erna und Helli vom Rest ihrer Familie getrennt.

In Marburg kamen nach Kriegsende fast täglich total überfüllte Züge mit Flüchtlingen aus dem Osten an. In einer Baracke neben dem zerbombten Bahnhofsgebäude hatte das Rote Kreuz eine provisorische Anlaufstelle für Vertriebene eingerichtet. Hier stand für jeden eine heiße Suppe bereit und Marburger Bürger meldeten sich hier, um Flüchtlinge in ihr Haus oder ihre Wohnung aufzunehmen, obwohl auch hier wie überall in den Städten des Westens große Not herrschte. Meine Eltern nahmen die beiden hilflosen Schmitt-Schwestern wie eigene Kinder in unsere Familie auf. Die wenigen Habseligkeiten der beiden befanden sich in einem kleinen braunen Köfferchen, das, genau wie seine Besitzer, die Flucht mit vielen Kratzern und Blessuren überstanden hatte.

Über den Suchdienst des Roten Kreuzes fanden die beiden Schwestern schließlich ihren Bruder Franz, der wie viele seiner Landsleute bei Augsburg gestrandet war. Augsburg übernahm später für diese Menschen aus Reichenberg und Umgebung die Patenschaft. Dort befindet sich noch heute die Heimatstube Reichenberg, die sich mit dem Schicksal der Vertriebenen beschäftigt.

Erna und Helli waren drei Jahre Teil unserer Familie in Marburg. Über die wohl schrecklichen Erlebnisse ihrer Flucht konnten sie einfach nicht reden. Da meine ältere Schwester damals als Rote Kreuz Schwester in Marburg arbeitete, nahm sie Erna mit, um sie als Schwesternhelferin anzulernen und zu betreuen. Sie machte Karriere als Freie Schwester in der Sankt Elisabeth Klinik. Später entschied sie sich dann, im Kloster Fulda ihr Gelübde als Nonne abzulegen. Ihre Schwester Helli wurde Stationshilfe in der St. Elisabeth Klinik.
Später ging sie dann nach Hanau, wo ihre Schwester inzwischen als Mutter Oberin arbeitete. Bruder Franz machte eine Lehre als Schreiner in Weitershausen, wohin ihn mein älterer Bruder öfters mit seinem Motorrad brachte. Schließlich zog er nach Kirchheim an der Teck, wo er in einer großen Schreinerei als Meister arbeitete. Das Köfferchen, das zwei Mal flüchtete, ruht nun schon lange auf Teneriffa.

P.S. An dieser Stelle sende ich Weihnachtsgrüße an Herrn Klaus, den Präsidenten der Republik Tschechien, der dieses Unrecht bis heute negiert.

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Oberhessische Presse | Erschienen am 23.01.2010
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