Die Calenberger Autoren auf Sendung

Von links nach rechts: Wolfgang Nieschalk, Friedrich Pape, Prof. Dr. Jörg Hartung
    Nordstemmen: Nieschalk | Zum diesmaligen Aufnahmetermin des Calenberger Autorenkreises Anfang Juli 2015 bei Radio Leinehertz - 106.5 - hatten Friedrich Pape aus Linderte, Jörg Hartung aus Leveste und Wolfgang Nieschalk aus Nordstemmen für die Freunde der Literatur erneut ein breites Spektrum an Interessantem und Hörenswertem ausgesucht.

Friedrich Pape las ausgewählte Werke aus einem seiner zahlreich erschienenen Kurzgeschichtenbände.
Wolfgang Nieschalk hatte sich diesmal auf "maritime Geschichten von der Havel bis an den Nil" konzentriert,
während Jörg Hartung - so wie bei jeder Sendung - mit großer Professionalität die Moderation übernahm.
Darüber hinaus las er vertretungsweise lyrische Werke von Wilhelm Stenzel aus Barsinghausen, der am Aufnahmetag selbst nicht dabei sein konnte.
Durch geschickte Platzierung der lyrischen Texte zwischen die von Pape und Nieschalk vorgetragene Prosa erhöhte er die Wirkung beider Poesierichtungen nochmals beträchtlich. Alles wurde durch aufgelockerte Musikbeiträge so getrennt vorgetragen, dass jeder Beitrag seine Botschaft an die Hörer klar abgegrenzt von den anderen Hörbeiträgen individuell entfalten konnte.
Trotz der widrigen Temperaturen, die die vierzig Grad Marke am Aufnahmetag im Studio weit überschritten, lief mit schweißnassen Hemden "alles rund" und die nachfolgende Sendung kann als voller Erfolg für alle Teilnehmer gewertet werden, der die Hörer erreichte. Die Anrufe nach der Sendung einige der Leser meiner Zeitungskolumne in der Leine Deister Zeitung ließen jedenfalls keine andere Deutung zu. Man spürte bei der Aufnahme: Wir alle gewöhnen uns mittlerweile an die Studioatmosphäre - und das dort tätige Personal sich an uns - was die Zusammenarbeit ausgesprochen locker und damit angenehm machte.

Text: Wolfgang Nieschalk

Fotos: Wolfgang Nieschalk

Gruppenfoto von links nach rechts: Wolfgang Nieschalk - Friedrich Pape - Jörg Hartung

Wer mehr über die Calenberger Autoren erfahren möchte, kann diesen Link anklicken und sich dort in Ruhe auf der Homepage der Calenberger umschauen. Sollte jemand Fragen haben oder sich selbst zum Schreiben und Vortragen berufen fühlen, Anruf genügt.

Tel. 05069-96443
Mail: Nieschalk124@googlemail.com
http://www.calenberger-autorenkreis.de/

Hier ein kleiner Einblick in das, was von mir stammt und von mir gelesen wurde.

Die andere Welt

Der Wind ist eingeschlafen und das Geräusch der kleinen Wellen an der Bordwand verstummt. Die Geräusche vom Badestrand verebbten, als eine dunkle Gewitterwand aufzog. Die Menschen verschwanden und Ruhe legte sich über den See. Doch das Unwetter blieb aus, der Himmel klarte wieder auf und eine feurige Abendsonne, dicht über dem Horizont, legt nun dunkle, immer länger werdende Schatten der Bäume einer Insel über Wasser und Boot. In diese friedliche Lautlosigkeit schwebt leise, an- und abschwellend, der Glockenschlag einer fernen Kirchturmuhr: 21.00 Uhr. Es einer der langen Abende des Juni, der mich im Cockpit unseres Bootes verweilen lässt, um Eintragungen ins Logbuch zu machen. Ich blättere einige Seiten zurück.
"Um 11.10 Uhr kreuzen sich zwei Welten ohne zusammenzustoßen," steht dort unter dem 2. Juni. "Die Entfernung beträgt keine 10 Meter, aber die empfundene Distanz von der Welt hier unten zu der da oben ist größer als die zwischen Erde und Mond", lese ich weiter. "Da oben rasen Narren mit 120 Sachen über eine Straßenbrücke. In unserer Welt, tuckern wir in unserem Boot im Sechskilometertempo die verschlafen wirkende Havel hinab. Und ich bin sicher: Niemand dort oben auf der Brücke wird Zeit gefunden haben, die Welt hier unten auf dem Fluss überhaupt zu bemerken."
Zehn Tage ist das her, aber mir ist, als wären Wochen vergangen. Zugegeben, kurz zuvor gehörten meine Frau und ich auch zu den "Narren auf der Brücke" und rasten über sie, um rasch an Bord zukommen. Dann verflog unsere Eile und wenig später glitten wir frei und ungebunden wie Wasservögel auf unserem schwimmenden Untersatz dahin.
Drei Stunden später fiel der Anker vor der Insel Werder, auf der uns die hektische Welt der Massenabfertigung einholte. Wie gut, dass wir fliehen und uns wieder dem breiten, seeartigen Strom der Havel anvertrauen konnten. Alle Uhren der Welt standen für uns still. Stunden und Tage verschmolzen zu einer beglückenden Mischung aus Schwimmen und Sonnenbaden, Angeln, Schauen und Erforschen und beim Erforschen entdeckten wir die winzige Bäckerei eines ebenso winzigen Dorfes in der - so wie in früheren Zeiten - Brot im Holzofen gebacken wurde. Seinetwegen ankerten wir einen Tag länger vor dem Backhaus.
Kein Glück dauert ewig! "Grundberührung um 10.35 Uhr", steht im Logbuch. "Rasendes Motorboot zwang mich auszuweichen, um Zusammenstoß zu vermeiden. Hässliches Knirschen von Kies unter dem Kiel machte die Lage kritisch und ohnmächtiges, wütendes Drohen mit der Faust hinter dem verschwindenden Boot meine Hilflosigkeit deutlich. Wir steckten fest, unverrückbar, so fest wie einbetoniert", verriet mein Logbucheintrag.
Alles ging gut. Nach Stunden des Wartens warf ein vorbei kommendes Ausflugsschiff eine Leine herüber. Atemlose Sekunden, zum Zerreißen gespannte Leine und Nerven, röhrende Diesel und schäumendes Schraubenwasser - ein erstes Zittern des Rumpfes, ein langsames Kippen des Bootes auf die Seite und dann - endlich - waren wir frei.
Ich klappe im letzten Schein der Sonne, die die Havel in einen roten Spiegel verwandelt, das Logbuch zu und schaue über das Wasser, aus dem sich Fische, in die Luft springend und wirbelnde Kreise hinterlassend, ihren Anteil an den Mücken über dem See holen. Nur kurze Zeit noch, und das beginnende, weiche Purpur der Dämmerung wird schwarz werden und die Sterne so hell herauskommen lassen, wie man es nur auf dem Wasser oder in der Wüste erlebt. Wir genießen den letzten Abend auf dem Wasser - und spüren dabei ein leises Unbehagen, wissend, dass auch wir am nächsten Tag wieder der Anderen, der rasenden Welt auf der Brücke über dem ruhigen Strom angehören werden.


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Udo Runge aus Schwienau | 22.07.2015 | 15:29  
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