Eine Naumburger Schule, die heute (fast) keiner mehr kennt: Marie- Encke- Schule

Das Schulgebäude in der Körnerstraße, vom Wenzelskirchturm aus fotografiert.
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  • Das Schulgebäude in der Körnerstraße, vom Wenzelskirchturm aus fotografiert.
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Seit 1858 gab es in Naumburg eine öffentliche höhere Schule für Mädchen, die zunächst in einem Hintergebäude des Overwegschen Brüderstifts untergebracht war. Da der Raum dort trotz diverser An- und Umbauten nie ausreichte und deshalb der Bedarf an Ausbildungsplätzen nicht gedeckt werden konnte, wurde 1886 eine private Schule für die höhere Mädchenbildung gegründet, anfangs Familienschule genannt. Sie bezog zunächst zwei, später vier Räume im alten Hospital am Dom (heute Sitz der Staatsanwaltschaft Halle, Zweigstelle Naumburg) und hatte anfangs 16 Schülerinnen. Die Leiterin war Gertrud von Kardorff, eine Tochter des preußischen Politikers, Unternehmers und Mitarbeiters Bismarcks, Wilhelm von Kardorff.

Die steigende Anzahl der Schülerinnen, bald waren es 60, erforderte andere Schulräume. Um die Finanzierung eines Schulneubaus zu ermöglichen und die Verwaltung der Schule abzusichern wurde der Privatschulverein Naumburg/Saale e. V. gegründet. Dem Privatschulverein gehörten alle Eltern, deren Kinder die Schule besuchten, als Mitglieder an. Die Verwaltung der Schule sowie die Einstellung der Lehrkräfte lagen in den Händen des von der Elternschaft gewählten Vorstandes.

Dem Verein gelang es, die Mittel für den Bau eines eigenen Schulhauses zusammen zu bringen. Im Oktober 1903 siedelte die mittlerweile „Anerkannte neunklassige private Höhere Mädchenschule" mit 66 Schülerinnen in ihr neues Haus in der damals noch wenig bebauten Feldstraße, der heutigen Körnerstraße über.

Die Leitung hatte hier in den ersten vier Jahren Luise Pfannschmidt, von 1907 bis 1934 Marie Encke, die wegen ihrer umfassenden Ausbildung, vor allem durch sprachwissenschaftliche Studien an den Universitäten Halle, Paris und Oxford sowie durch kunstgeschichtliche Studien in Italien, für diese Stelle hervorragend geeignet war.

Nachdem an der Schule zwischenzeitlich eine zehnte Klassenstufe eingeführt worden war, brachte im Jahr 1908 die Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens in Preußen einschneidende Veränderungen mit sich: das Lyzeum wurde als zehnjährige Grundform der höheren Mädchenschule eingeführt, den Privatschulen wurden die Berechtigungen der Höheren Mädchenschule entzogen. Am Ende der Ausbildung konnten deshalb die Schülerinnen ihre Abschlussprüfungen nur noch an einem Lyzeum ablegen. Als ab 1926 die zehnte Klassenstufe nicht weiter geführt werden durfte, war auch das nicht mehr möglich.

Im Jahre 1913 war mit hundert Schülerinnen die Zahl erreicht, für die das Schulhaus ursprünglich gebaut worden war. Während des ersten Weltkrieges stieg die Zahl jedoch auf über 150 an. Als nach dem Kriege von der städtischen Höheren Mädchenschule das neue Gebäude in der Artilleriestraße (heutige Müntzerstraße, Domgymnasium) bezogen wurde, nahm die Zahl der Privatschülerinnen zwar ab, doch 1932 besuchten die Schule noch immer 145 Kinder.

Ab 1921 erhielt die Schule durch ministerialen Erlass die Erlaubnis, auch Jungen in die Grundschulklassen aufzunehmen.

Die Inflation, der viele Privatschulen zum Opfer fielen, überstand die Schule. Ostern 1934 trat Marie Encke nach 27jähriger Tätigkeit als Schulleiterin in den Ruhestand, nach Meinung mancher Zeitzeugen wurde sie aber einfach durch eine „zeitgemäße“ Leiterin, die Studienassessorin Dr. Hertha Petermann, ersetzt. Trotzdem führte die Schule von da an „als sichtbares Zeichen der Dankbarkeit und Erinnerung“ den Namen „Marie-Encke-Schule", einen Titel, den ihr der Naumburger Volksmund schon längst verliehen hatte. Ab 1936 übernahm die Leitung die seit mehreren Jahren an der Schule tätige Studienassessorin Anneliese Streck.

Im Jahre 1935 wurde der Abbau der Grundschulklassen angeordnet. 1937 folgte ein weiterer Erlass, nach dem Kinder von Beamten, Notaren und Offizieren ohne zwingende Gründe eine private Schule nicht mehr besuchen durften. Die voraussichtliche Verminderung der Schülerinnenzahl, die auf Grund dieses Erlasses in einer Stadt wie Naumburg eintreten musste, war so groß, dass man damit rechnen musste, dass der Schule seitens der Regierung die Konzession entzogen werde. Deshalb entschloss sich die Mitgliederversammlung des Privatschulvereins am 17. März 1938, die Schule aufzulösen. Die noch bestehenden Klassen wurden an die öffentlichen Schulen Naumburgs abgegeben.

In einem 1938 herausgegebenen Gedenkblatt heißt es: „So hat die Schule ein ehrenvolles Ende gefunden: freiwillig, mitten im regsten Schaffen, stellte sie ihre Tätigkeit ein. Gut besuchte, fleißig arbeitende, begabte Klassen darf sie an die öffentlichen Schulen Naumburgs abgeben, Kinder, die ihren Lehrerinnen Ehre machen und ihrer alten Schule ein dankbares Andenken bewahren werden.“

Bürgerreporter:in:

Gerd Henschel aus Naumburg (Saale)

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