Das ultimative Abenteuer in der DDR; Farbfernseher kaufen

Es war Mitte November, also schon recht kalt, als in dem kleinen Städtchen das Gerücht kursierte, im RFT- Fachgeschäft würde am Freitag wieder eine größere Lieferung Farbfernseher ins Haus stehen. Dem unwissenden Farbfernsehgeräte-Freund aus dem Westen sei nur gesagt, dass "RFT" Rundfunk-Fernseh-Technik hieß, es sich also um ein Rundfunk-Fernsehtechnik-Fachgeschäft handelte.
Dieses Gerücht besagte weiter, dass es sich um eine Lieferung besonders hochwertiger Geräte handeln müsse, denn man habe gehört, dass Selbige sechs Speicherplätze und eine Fernbedienung haben, dadurch etwas teurer kämen, also etwa sechstausendfünfhundert Mark kosten würden.
In den entstandenen Diskussionen konnte ganz deutlich die Bewunderung der Bürger über so einen technischen Fortschritt herausgehört werden, der Dank unserer fleißigen Ingenieure und Entwickler entstanden war. Die Anzahl der Speicherplätze wurde freudig angenommen, denn es wurde an weitere hochwertige Fernsehsender des DDR-Fernsehfunks, um den Informations-, Bildungs- und Unterhaltungsbedarf der Bevölkerung flächendeckend befriedigen zu können, gedacht.
Über die Fernbedienung dagegen gingen die Meinungen weit auseinander. Während die Einen so ein Gerät als gut bezeichneten, gab es doch auf der Gegenseite Bedenken, dass die Schnur zu kurz und nicht bis zum Sessel reiche, und wenn doch, man ständig über besagte Strippe stolpern und Schaden anrichten würde. Egal, wie diese Dispute ausgingen, konnte man am Donnerstag, also einen Tag vor der angekündigten Lieferung, gegen Abend eigenartige Bewegungen in der Stadt feststellen.
Da ja in diesem Städtchen und natürlich auch überall anderswo nach achtzehn Uhr tote Hose war, fiel das besonders auf. Wie schon erwähnt war es Mitte November und um diese Zeit stockdunkel. Plötzlich, es war so gegen neunzehn Uhr dreißig, begannen, wegen der Kälte, vermummte Gestalten durch die Straßen zu huschen, blieben vor dem RFT-Laden stehen, taten so, als ob sie die Auslagen in dem spärlichst beleuchteten Schaufenster bewunderten und ... standen wo sie standen. Sie rührten sich keinen Meter mehr von der Stelle.
Im Laufe der nächsten Stunde wuchs die Zahl der Auslagengucker auf mindestens sechzig an, wobei auffiel, dass es sich fast nur um ältere Bürger, also Rentner, handelte. Gegen zweiundzwanzig Uhr standen so etwa einhundert Personen vor dem Geschäft. Es war ein Glück, dass in dieser Geschäftsstraße kaum private Leute wohnten, denn man unterhielt sich lautstark und vertrat die immer kälter werdenden Füße auf dem Pflaster. Gegen Mitternacht kam es zu einer Art Schichtwechsel.
Die alten Herrschaften wurden durch jüngere Männer, vereinzelt auch Frauen, abgelöst, die nun doch feldmarschmäßig ausgerüstet, den bis dahin frei gehaltenen Platz einnahmen. Da wurden die Klapphocker aufgeklappt, Thermoskannen mit Glühwein, Grog oder Kaffee geöffnet und dem Brotpaket reichlich zugesprochen. Einige hatten ihre Katalyt-Öfen mitgebracht, welche sonst im Trabbi Verwendung fanden, andere einen selbst gebauten Holzkohleofen, wie sie im Westen bei Streiks Verwendung fanden und man sich im Fernsehen abgeguckt hatte, nur kleiner.
Viele wickelten sich einfach in Decken. Das friedliche Beieinander, immerhin waren es inzwischen wenigstens zweihundert Personen, wurde nur ab und an durch Lieferanten, die die Wartenden mit neuen Getränken oder Broten versorgten, unterbrochen. Vereinzelt kam es noch mal zu Wachablösungen, aber man konnte beobachten, dass fast alle durchhielten.

Gegen acht Uhr am Freitag morgen gingen die Lichter in der Fachverkaufsstelle an, der RFT-Filialleiter und die RFT-Fachverkäuferinnen hatten den Hintereingang benutzt, um lästigen Fragen aus dem Weg zu gehen und es kam zu ersten Bewegungen und Streitereien unter den Wartenden. So waren tatsächlich Leute dabei, die den Schlaf des Nachbarn ausgenutzt hatten, um sich einige Plätze nach vorn zu mogeln.
Es ergab sich, dass die kleine, etwas pummelige und ständig verträumte Fachverkäuferin Lisa-Marie die Wartenden zu spät bemerkte und nun durch die Haupttür des Geschäftes gehen musste. Als man ihrer Gewahr wurde, stürmte eine Unmenge an Fragen auf sie ein. Geduldig erklärte sie den durchgefrorenen und nervlich etwas angeschlagenen Bürgern, dass man im Laufe des Tages eine Farbfernseh-Lieferung von sechs Stück erwarte, das Verharren auf diesem Platz nun aber keinen Sinn mehr mache, da diese Geräte bereits durch Vorbestellung und gegen Vorkasse vergeben sein.
Bevor sie die RFT-Fachgeschäfts-Vorderhaupteingangstür schloss, winkte sie noch einmal freundlich zu den Menschen und sagte: "Tschüüüüüß, wir sehen uns dann nächsten Monat!"
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Erster Geschichtenerzähler aus Naumburg (Saale) | 15.04.2015 | 21:05  
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