Kindheitslexikon: Jahn-Schule Kölleda/DDR-Bildungssystem allgemein: Schulanekdoten und sonstige Erinnerungen

Die Hierarchie des Bildungssystems in der DDR erklärte mir meine Mutter stets mit folgendem Spruch:
"Das Ministerium für Volksbildung sagt den Bezirksschulräten, was sie machen sollen.
Die Bezirksschulräte sagen den Kreisschulräten, was sie machen sollen.
Die Kreisschulräte sagen den Direktoren, was sie machen sollen.
Die Direktoren sagen den Lehrern, was sie machen sollen.
Die Lehrer sagen den Schülern, was sie machen sollen.
Und die Schüler machen, was sie wollen."

Als wir noch Kinder waren, haben wir uns die Schulranzen manchmal aus Spaß verkehrt herum aufgehockt und so getan, als würden wir Akkordeon spielen.
Einige Jungen hatten daraus eine Art Kampfsport entwickelt, indem sie mit Absicht mit den Ranzen vor der Brust aufeinanderprallten. Das robuste DDR-Lederwerk hielt das aus!

Schülerlotsen-Dienste gab es unregelmäßig an unserer Schule. Übernahmen Schüler der älteren Klassen. Als ich noch klein war, kann ich mich erinnern, machte das lange Zeit Dirk Schneider.

In der Zweiten Klasse war es lange Zeit so, dass an einem bestimmten Tag in der Woche unser Unterricht erst ab der dritten Stunde begann. Etliche Kinder, deren Eltern früh zur Arbeit mussten, wurden aber dennoch schon zur normalen Zeit gebracht.
Wir hielten uns die zwei Stunden im Spielzimmer vom Hortgebäude auf, Raum 10, das südlichste Zimmer auf der Westseite des Gebäudes. Irgendwie hatte es sich so eingebürgert, dass wir zuerst an den Tischen saßen und malten oder Spiele spielten; und dann, fast gegen Ende der zwei Stunden, gingen die Jungen an die Schubkisten mit den Plastikstecksteinen. Wir bauten daraus abenteuerlichste Flugmaschinen, mit denen wir Luftschlachten führten. Die von "Star Wars" hätten von uns noch etwas abgucken können!

Ebenfalls im zweiten Schuljahr hatte meine Mutter, sie war an unserer Schule Lehrerin für Kunst und Germanistik und daher für alle möglichen künstlerischen Projekte zuständig, für meine Klasse einen Riesenadventkalender gestaltet, bei dem dann jeden Tag ein anderer Mitschüler ein Türchen aufmachen durfte.

Jede Wintersaison kam ein Schaustellerkind zu uns in die Schule, Mandy Götze. Ihre Eltern betrieben ein Rummel-Fahrgeschäft und verbrachten jedes Jahr den Winter in ihrem Winterquartier im benachbarten Battgendorf. Den Rest des Jahres zog sie mit ihrer Familie von Volksfest zu Volksfest durch die ganze Republik. Damit war sie natürlich irgendwie eine exotische Besonderheit bei uns an der Schule.
Jahrzehnte später, ich lebte mittlerweile längst in Wien, sah ich sie einmal als erwachsene Frau in einem Beitrag der MDR-Abendnachrichten wieder.

In der Unterstufe hatte mal irgendjemand von den Jungen aus mehreren Radierern ein kleines Auto gebaut. Dazu hatte er unter anderem aus einem Radierer Räder ausgestanzt und diese mit Nadeln an den Seiten eines zweiten Radierers befestigt. Das Objekt fuhr!

Das Nachfolgende erlebte ich mit meinem Klassenkameraden Dirk Meier in der dritten Klasse.
Entschuldige, Dirk, wenn ich Dich oute, aber die Geschichte war so geil, dass sie einfach der Nachwelt erhalten werden MUSS.
Besagter Dirk trat als Kind gern als "Experte" auf allen möglichen Gebieten auf. So wie bei der folgenden Geschichte:
Da die alte Birke in unserem Vorgarten in die Jahre gekommen und einsturzgefährdet war, hatten wir die örtliche Feuerwehr beauftragt, sie umzusägen und zu zerkleinern. Die ungefähr einen Meter langen zersägten Teilstücke lagerten dann noch Monate auf dem Erdstreifen zwischen unserem Gartenzaun und dem Fußweg. (Also auf einem Streifen, der zwar rechtlich, glaube ich, noch zu unserem Grundstück gehörte, praktisch aber schon auf der Straße lag.) Aus irgendwelchen Gründen hatten wir nicht unmittelbar eine Möglichkeit, die Holzzylinder abtransportieren zu lassen. (Ein paar davon fanden übrigens Verwendung als Sockel für Blumenschalen in unserem Garten, aber das nur am Rande.)
Um jetzt auf den Punkt zu kommen: Es war jedenfalls irgendwann im Frühjahr 1985, als meine beiden Mitschüler Dirk Meier und Marcel Hanika (beide lebten in derselben Straße) auf dem Nachhauseweg von der Schule an dem Holzstämmelager vor unserem Gartenzaun vorbeikamen. Marcel deutete auf einige konfettigroße Löcher in der weiß-schwarzen Rinde der Stämme und meinte beiläufig: "Da ist der Holzwurm drin."
Dirk daraufhin seeehr (!) professorenhaft: "Das sind Stichproben!"

Eine Kunstfigur, die besagter Dirk Meier in seiner Kindheit mal kreiert hatte: "Das böse Onkel-Friedolin-Gespenst".

Bis Mitte der Achtziger ging an unsere Schule ein Junge namens Holger, so ungefähr fünf, sechs Jahre älter als ich. Er trug oft eine rote Adidas-Windjacke, was damals zu DDR-Zeiten natürlich ein Hingucker war.

Zu Weihnachten 1985 bekam ich unter anderem meine zweite Federmappe für die Schule geschenkt. Sie war in wesentlichen Bestandteilen grün, kann ich mich noch erinnern.

Als ich noch Kind war, verhunzte ich gern die Aussprache von zwei Bruchzahlen, nämlich zwei Halbe und zwei Drittel. So, wie es auf der Hand liegt, in zwei Zweitel und zwei Dreitel. Und ich weiß noch, meinen soeben erwähnten Klassenkameraden Dirk Meier machte das immer total neurotisch, er flippte jedes Mal vollkommen aus, wenn ich das sagte. Und nachdem ich das mitbekommen hatte, betrieb ich das dann natürlich mit Fleiß.

Eine Erinnerung zum Sportunterricht ist "Harry". Das Markiergerät, welches zum Linienziehen (mit gelöschtem Kalk) auf dem Fußballfeld eingesetzt wird, trug an unserer Schule den Spitznamen "Harry". In Bezug auf dieses Gerät sprachen alle bloß von "Harry". Keine Ahnung, wie das zustande kam.

"Bemme": Es muss im September 1987 gewesen, als ein junger Hausmeister namens Schlevoigt oder Schneevoigt an unsere Schule kam, den alle "Bemme" nannten. Worauf dieser Spitzname zurückzuführen war, habe ich allerdings nie erfahren.

Ein Phänomen, das ich auf dem Schulhof über viele Generationen von Schülerinnen hinweg beobachtete: Sobald sie 11, 12 Jahre alt wurden, bekamen die irgendwie einen Mutter-Tick und begannen, kleine Mädchen aus der ersten, zweiten Klasse zu betüddeln. In dem Alter mutierten sie alle zu Glucken. Machte wahrscheinlich die Hormonumstellung.

"Großbackburg": Der seinerzeitige stellvertretende Direktor an unserer Schule, Herr Urbansky, fasste die Dörfer, aus dem die auswärtigen Schüler an unserer Schule kamen, immer gern mit dem Kunstwort "Großbackburg" zusammen. Dabei handelte es sich um eine Verschmelzung der Namen der Dörfer Großmonra, Backleben und Burgwenden. Der Ausdruck war bereits ein "running Gag" an unserer Schule.

Auch wenn ich hier niemanden "vorführen" möchte – dass der Spitzname von Geografielehrerin Frau Franke unter uns Schülern "Frau Frankenstein" war, kann man, glaube ich, schon erwähnen … 

Mein Klassenkamerad Lars Seidenfaden aus Backleben pflegte bei Bemerkungen, die nicht komisch waren, stets zu sagen: "Kugelwitz. In keiner Ecke zum Lachen."
Und zu unserer Musiklehrerin Frau Radetzky ließ er mal eine äußerst bizarre Scherzbemerkung los: "Geben Sie auch Gas, wenn Sie Klavier fahren?" Hätte von den Monty Pythons stammen können.
Und Ludwig van Beethoven nannte er im Musikunterricht immer "Beethaufen".
Im Spaß habe ich ihn manchmal Seidenfladen, Seifenladen (Eine historische Volksmundbezeichnung für Drogerien.) und Samenfaden genannt. Er reagierte darauf stets nicht sonderlich amüsiert – verständlich. Die anderen Schüler nannten ihn manchmal "Sidde" – als Verballhornung auf Seidenfaden.
Einmal erzählte er in Biologie, wie er am Ortsrand von Backleben auf dem Gelände eines längst aufgegebenen Friedhofes einen Totenschädel ausgegraben habe.

Mein Freund Matthias Bauer hatte einmal, als er mal eine Zeit lang am Vormittag eine Freistunde hatte, einen kleinen "Catering-Service" eröffnet. Und zwar ging er in dieser Stunde immer in die Bäckerei Wickler, um von dort gegen einen geringen Aufpreis Bestellungen von Mitschülern mitzubringen. Er hatte auch einen Namen für sein "Unternehmen" gefunden: "Bau'is Brötchen-Express" – BBE.

In der Siebten Klasse war Chemielehrerin Gabriele Läufer im Chemieunterricht einmal völlig in Gedanken und versuchte, einen Bunsenbrenner auszublasen. Sah zum Schreien komisch aus!

Zwei Rechtschreibfehler:
- Eine Mitschülerin schrieb mal in einem Deutsch-Diktat das Wort "Stadtgraben" fälschlicherweise "Stadtkram". So wie man es im lokalen Dialekt sprach. (Es heißt ja auch immer: "Wie man's spricht, schreibt man's.")
- Als ich mit 12 Jahren im Herbst 1988 zum ersten Mal das Wort "Hot Dog" zu Papier brachte, schrieb ich: "Hotock".

Im Frühjahr 1989 waren wir von PA aus zu irgendeinem Feldeinsatz kurz vor Großneuhausen. Der Feldweg dorthin, der senkrecht von der Fernverkehrsstraße 85 Richtung Weimar nach Westen abzweigte, war übersät mit vom Regen ausgewaschenen Schlaglöchern. In einem Fahrzeug schaukelte es dort daher wie auf hoher See bei Wellengang.
Als wir nach getaner Arbeit im Robur-Bus zur Schule zurückfuhren, brach die ganze Klasse verursacht durch diese Schaukelei in Euphorie aus. Alle begannen das Fußball-Lied "Einer geht noch, einer geht noch rein" zu singen. Einzig René Prötel, der mir schräg gegenüber saß, sang irgendein Scherzlied über eine kleine Maus. Die beiden begleitenden Lehrer amüsierten sich bloß.

Ein Ritual jedes Jahr zu Schuljahresende. Es erfolgte als Allerletztes der obligatorische Abschlussappell. Bei dem Organisatorisches mitgeteilt wurde oder Schüler für ihre Leistungen ausgezeichnet wurden. Beendet wurde er damit, dass die Direktorin allen Schülern recht frohe und erholsame Ferien wünschte. Und dann brach die Hölle los! Vor Begeisterung ohrenbetäubend laut grölend stürmten sämtliche 600 Schüler unserer Schule in Richtung Essenraumeingang, als wäre der Teufel hinter ihnen her!!!!! Irgendwann, noch vor meiner Schulzeit, hatte sich dieses Ritual mal so eingebürgert und wurde dann jedes Jahr zum Schuljahresende vollzogen!

In der letzten Sommerferienwoche – das Wetter war da meistens schon etwas herbstlich-trüb – fand immer der Verkauf der Schulbücher fürs neue Jahr statt. Er ging in der Regel im Vorzimmer des stellvertretenden Direktors über die Bühne. Auch wenn man als Schüler das Ferien-Ende natürlich mit gemischten Gefühlen aufnahm, war es trotzdem immer irgendwie ein feierlicher Akt, die neuen Bücher in Empfang zu nehmen.

Die Hans-Beimler-Wettkämpfe waren wehrsportliche Wettkämpfe der Freien Deutschen Jugend und der Gesellschaft für Sport und Technik. Sie wurden von 1967 an jährlich, zunächst in den Klassen 8 bis 10, mit Einführung des Wehrunterrichts 1978 nur noch in der 8. Klasse, ausgetragen. Benannt nach einem deutschen KPD-Politiker, der im Spanischen Bürgerkrieg fiel.

Da wir gerade bei Namensabwandlungen waren. In der Parallelklasse hatte ich mal einen Mitschüler mit Nachnamen Müller. Ich nannte ihn manchmal aus Spaß "Mülli-Vanilli" – in Anspielung an das damals aktuelle Pop-Duo Milli Vanilli.
Worauf er jedes Mal mit dem gleichen Spruch reagierte: "Altrogge, du grichsd ehne inde Fresse!" Er hat seine Ankündigung allerdings nie in die Tat umgesetzt.

In der Schule war mal eine Zeit lang die Grußformel "Schnick-Schnick, Hooligan, Hooligan" üblich. Keine Ahnung, was das bedeutete.

Drei Schulklassen unter mir war ein Junge namens Alexander Fricke. Ein echter Spaßvogel. Ständig zu irgendwelchen überdrehten Scherzen aufgelegt. Ich kann mich noch erinnern, wie er einmal im Mary-Poppins-Stil immer wieder mit aufgespanntem Regenschirm die Mauer von der Treppe bei Raum 9 heruntergesprungen ist.

Während meiner Schulzeit ging mal über einen bestimmten Schüler, ich nenne hier keinen Namen, die Sage um, er wäre in der Dritten Klasse mit dem Fahrrad über die Autobahn (!) nach Erfurt gefahren. Aber ich vermute stark, dass es sich hierbei nur um einen Mythos handelte.

Gegen Ende der Zehnten Klasse bin ich auf unserem Schulsportplatz einmal während des Sportunterrichtes in einem 100-Meter-Lauf gegen unseren damaligen Schulhausmeister angetreten. Irgendetwas mit "Eisen" war sein Name, Eisenbrandt, glaube ich. Erst ganz kurz vor dem Ziel überholte er mich. Der Wettkampf war irgendwie so eine Schnapsidee, die in der Schule mal zwischen Tür und Angel entstanden ist.

Da ich gerade beim Thema Abschlussrituale war: Es war an unserer Schule so üblich, dass die Schüler der zehnten Klassen an ihrem letzten Schultag als Schulanfänger verkleidet in die Schule kamen. Und in dieser Aufmachung auch einen Umzug durch die Stadt veranstalteten. Eine Aktion, die auch von der lokalen Presse immer mal wieder bildlich festgehalten wurde.

Positiv unter den Lehrern erwähnt werden müssen:
- Musiklehrerin Frau Helga Radetzky, die bei mir die Begeisterung für traditionelles deutsches Volksliedgut geweckt hat. (Was dazu geführt hat, dass ich noch heute bei Wanderungen im Frühjahr und im Herbst alte Volksweisen singe, die wir mal im Musikunterricht gelernt haben.)
- Geschichtslehrer Herr Peter Urbansky, der, zwar nicht ganz allein, aber doch in einem hohen Maße mit daran "schuldig" ist, dass heute Heimatgeschichte eine von mir sehr intensiv gepflegte Freizeitbeschäftigung ist.
Der Rest der Lehrer geht von überwiegend neutraler Erinnerung bis hin zu … na ja …
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