Kaufbeuren verschläft fast das pulsierendes Kuba

Standing Ovations für PASIÓN DE BUENA VISTA (Foto: © Bilder: www.podium-kaufbeuren.de CC – Bernd Passauer)
 
Publikum bei improvisierter Sambatanzschule (Foto: © Bilder: www.podium-kaufbeuren.de CC – Bernd Passauer)
 
Estanislao “Augusto“ Blanco Zequeira und Sotto Victor-Antunez (Foto: © Bilder: www.podium-kaufbeuren.de CC – Bernd Passauer)
 
Lisbet Castillo-Montenegro mit Band und TänzerInnen (Foto: © Bilder: www.podium-kaufbeuren.de CC – Bernd Passauer)
Kaufbeuren: Stadtsaal | Die Leidenschaft der Schönen Aussicht hatte auch Peter Brosche, den rührigen Impresario des Kulturverein Podium und sein engagiertes Team erfasst, als sich die Chance bot, “Pasión de Buena Vista“: Das Tanz und Musik Erlebnis – live aus Kuba – in die Wertachstadt zu holen.
Nach über 500.000 begeisterten Besuchern in über 35 Ländern mit über 400 Shows, kam es zurück nach Europa. Ausgezeichnet u. A. mit dem Medienpreis Baden-Württemberg, dem “Radio Regenbogen Award“ in der Kategorie “Best Show“, sowie als einem der größten Erfolge: dem Live Auftritt in der TV Show “Wetten dass..?“ auf Palma de Mallorca mit ca. 13 Millionen Fernsehzuschauern! Im Zuge dessen kam auch die Publikumshitsingle “La vida es un carnaval“ aus dem Album “Pasión de Buena Vista“ auf den Markt und der Live Auftritt bei der Radio Regenbogen Charity Jubiläumsgala “Ball der Sterne“ in Mannheim war ebenfalls ein einzigartiges Erlebnis für die KünstlerInnen.

Dennoch stand das Wagnis Anfangs unter keinem allzu guten Stern, als bigBOX ebenso keine Option war, als die Verantwortlichen in Kaufbeuren abwinkten.
Kulturauftrag ist eben mehr, als sich als Oberbürgermeister mit bsw. einer überlebensgroßen Jesus-Statue selbstverliebt und konzeptlos – wie die Verkehrspolitik am jüngsten Beispiel der Ampel in der Sudetenstraße mit Rückstau in den Kreisel – ins Gespräch zu bringen und dann keine Taten folgen zu lassen, sondern sogar noch hemmend zu wirken, indem die Bewerbung der Veranstaltung als zu früh eingestuft wurde.
Mit deren Aussetzen waren also über die fehlende Unterstützung hinaus sogar noch Steine in den Weg gelegt und die eigenen überdimensionalen Wahlbanner an der Spittelmühle konterkariert worden.
Wirtschaftlich wäre die Rechnung nur bei Vollauslastung aufgegangen und so bleibt bei ca. 70 % verkaufter Karten ein Minus für die Veranstalter, doch hat sich der Abend dennoch mehr als nur gelohnt.
Zukunftsweisendes Stadtmanagement ist nicht nur von bei Einkaufsmärkten von pulsierendem zu träumen, sondern tatkräftig zuzugreifen, wenn es in die Wertachstadt kommt und eine solche Chance nicht zu verschlafen! Blamagen wie bei der Kfz-Schaden-Statistik oder dem Grünen Pfeil müssten als Negativkriterien für bundesweites Negativimage längst reichen!

Die Kunst-Enthusiasten des Podium scharten sich also um den “Verrückten von Kaufbeuren“, wie sich Brosche selbst dem Publikum bei der Anmoderation vorstellte und die sonstigen Schwächen mit Größe ausklammerte, und stemmten das schier Unmögliche.
Allein die zusätzliche Stromversorgung für die 60 to. Equipment waren eine von vielen Herkulesaufgaben, die Dank Unterstützung der VWEW Vereinigte Wertach-Elektrizitätswerke GmbH und des Engagementes zahlreicher Freiwilliger gelöst wurden und die Zurückhaltung der eigentlichen Kulturverantwortlichen vergessen ließen.

Dies dokumentierten die ca. 500 restlos begeisterten BesucherInnen, welche bei der mit Standing Ovations frenetisch geforderten Zugabe endgültig den brodelnden Stadtsaal rockten und an seinen Siedepunkt brachten, was Bürgermeister Ernst Holy zur verzückten Bemerkung veranlasste: “Du musst dem Allgäuer nur lange genug die richtige Musik spielen, dann geht er sogar auch sich heraus!“.

Dass dies nicht nur mit alpenländischen Melodien gelingt, bewies ein absolut professioneller Auftritt, dem dennoch eine ehrliche Leichtigkeit und patriotische Überzeugung anhaftete und dies nicht nur, wenn vom Commandante Che Guevera gesungen wurde.

Nicht nur Musik, die an Sommer, Strand und Urlaub erinnerte erklang, sondern die TänzerInnen brachten auch das lateinamerikanische Lebensgefühl nah, obwohl sie – der fehlenden Bühnengröße geschuldet – zahlenmäßig reduziert agierten.

Die Musiker – Rhythmusgruppe mit Schlagzeug, Congas und Bass, sowie Bläser mit Posaune, Trompete und Saxofon – waren perfekt besetzt und besonders überragend der Satzgesang. Die Tanzshow rekrutierte neben sehr viel eigenem Rhythmus und artistischen Einlagen kurzerhand das Publikum und verwandelte den Stadtsaal kurzerhand in eine improvisierte Sambatanzschule.

Durch die Nähe der KünstlerInnen zu den Musikern des Buena Vista Social Clubs, der in den 90er Jahren durch den gleichnamigen Film von Wim Wenders weltbekannt wurde, gab es jede Menge Wiedererkennungswert. Bekannte Hits aus der damals veröffentlichten CD des Gitarristen Ray Cooder wurden gespielt, so durfte auch das oft zitierte "Chan Chan" natürlich nicht fehlen.

Der musikalische Background und die Komplexität der kubanischen Musik spiegelten die kubanische Mentalität über die heute in aller Welt bekannte Musikstile wie Rumba, Mambo, Cha-Cha-Cha und Salsa wider, welche alle ihren Ursprung in vier Grundelementen haben.
Außer Klanghölzern und Trommeln finden sich hier keine weiteren Instrumente. Unter Zugabe von melodischen Instrumenten entwickelte sich die heute kommerzialisierte Form des Rumba sowie weitere Modetänze wie der Mambo. Aus dem “Son“, der an einem Wechselgesang zwischen Sänger und Chor zu erkennen ist, entwickelte sich der heutige “Salsa“.
Der „Danzon“ wurde lange Zeit von der Oberschicht nicht akzeptiert, ist heute jedoch der beliebteste Tanz in Kuba. Aus ihm entwickelte sich der Cha-Cha-Cha. Bei dem „Trova“ sangen reisende Sänger traurige und schöne Balladen. Die Texte wurden in der Zeit der Revolution thematisch verändert und als Propaganda gebraucht. Später fanden die Musiker wieder zu ihren ursprünglichen Themen zurück.
Das, was Kuba-Reisende heute als kubanische Musik wahrnehmen, ist also eine Synthese afrikanischer Perkussion und Rhythmen mit spanischen Coplas und ihrer Instrumentierung. Der “Son“ ist dabei eindeutig der Publikumsliebling. "Erfunden" wurde er von den Zuckerarbeitern in Santiago in den 20er Jahren. Anfangs war er ein Stück für 3 Personen, begleitet von der spanischen und lateinamerikanischen (drei Doppelsaiten) Gitarre. Claves und Maracas bildeten den Rhythmus. Erst mit der rasanten Verbreiterung des “Sons“ kamen auch mehr Instrumente hinzu: der Holzbass, Bongos, die Marimbula (Resonanzkörper mit Metall-Lamellen) und in den 40er und 50er Jahren Trompeten aus der amerikanischen Bigband-Tradition.
So entsteht ein komplexes, polyrhythmisches Klanggebilde, das sich für europäische Ohren zuerst wie ein heilloses Durcheinander anhört, später aber fasziniert und den Hörer in seinen Bann zieht.

Als Hauptakteure zogen das Publikum ganz besonders in ihren Bann:
Lisbet Castillo-Montenegro, die 1982 in Jiguaní, einer kleinen Stadt in der Sierra Maestra, das Licht der Welt erblickte. Sie wuchs in einer Künstlerfamilie auf, sodass Musik bereits in jungen Jahren eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielte. Durch ihren Vater, der ein bekannter Sänger und Gittarist in Bayamo war, entdeckte Lisbet endgültig ihre Liebe zur Musik. Mitte der 90er Jahre lernte sie Cándido Fabré, einen der berühmtesten Komponisten Kubas, bei einem Auftritt kennen. Seine Songs wurden bereits von Künstlern wie Celia Cruz und Oscar D`León performt. Fabré war von dem überragendem Talent der jungen Sängerin so begeistert, dass er sich dazu entschloss ihre professionelle Gesangsausbildung zu fördern. So nahm Lisbets Karriere ihren Lauf. Sie performte auf vielen unterschiedlichen Festivals, wie z. B. auf dem Festival de Changui, dem Musica National de Bayamo, dem Sindo Garay und vielen mehr. Schnell war sie bekannt als “La Morena del Son“ und gewann über die Jahre 19 Preise. Lisbet hatte die Ehre mit den Legenden Ibrahim Ferrer & Pío Leyva gemeinsam auf einer Bühne zu stehen. Daraus entwickelte sich mit der Zeit eine musikalische Freundschaft die bis zum Tode der Beiden hielt. Lisbets ehrenwürdigster Moment war dennoch der Tag an dem Omara Portuondo sie persönlich als ihre ebenbürtige Nachfolgerin ankündigte.

Sotto Victor-Antunez (geb. 1949) liegt die Musik im Blut. Als Kind einer Sängerin und eines Tres-Gitarre-Spielers begleiteten ihn die lebensfrohen Klänge und Rhythmen kubanischer Musik schon im Säuglingsalter. Sotto war sich schnell klar: “Musik ist mein Leben.“ Er startete mit Congas, studierte Trompete, spielte in mehreren Bands – unter anderem in der “Sierra Maestra“ von Juan de Marcos Gonzáles, und entdeckte schließlich den Gesang für sich. In den 80er Jahren schrieb er zusammen mit dem legendären Ibrahim Ferrer Geschichte. Auf einer Reise zu einem von 50 gemeinsamen Konzerten in zwei Jahren entstand das weltbekannte “Dos Gardenias“. Mit diesem Hit reiste Ferrer 1989 in die USA und wurde von einer Plattenfirma unter Vertrag genommen.

Estanislao “Augusto“ Blanco Zequeira war das glücklichste Baby der Welt wenn er in seiner Wiege liegend seinen Eltern beim Proben zuhören konnte, so erzählt es seine Familie. 1939 geboren und bereits im Alten von 6 Jahren vom musikalischen Fieber infiziert begann er verschiedene Schlaginstrumente zu spielen, erkannte dann aber bald dass seine Leidenschaft genau wie die der Mutter dem Singen galt. Bereits im Alten von 10 Jahren half er zahlreichen Landsmännern das Herz ihrer Geliebten zu erobern indem er für ein paar Pesos die wundervollsten Liebeslieder unter den Balkonen der jungen Frauen sang. Während seines Musikstudiums war es ihm nicht nur möglich sein Gesangstalent zu verbessern, sondern er lernte auch alle Instrumente der kubanischen Musik zu spielen und beherrscht diese noch heute. Bereits bevor er zur festen Größe in der Musikwelt wurde hat er die Bekanntschaft aller kubanischen Stars gemacht. Mit 13 begann die Freundschaft zu Ibrahim Ferrer mit dem er von da an viele Jahre gemeinsam auftrat und musizierte. Ebenso zählt Omara Portuondo zu einer seiner Freundinnen mit der er gemeinsam beim Auftritt zum Carneval in Santiago die Menschenmenge zum toben brachte.

PASIÓN DE BUENA VISTA, das waren – ganz wie in der Programmankündigung – heiße Rhythmen, mitreißende Tänze, exotische Schönheiten und unvergessliche Melodien, welche auf eine Reise durch die aufregenden Nächte Kubas entführten!

Die nicht nur bei “Besame Mucho“ eindrucksvollen Stimmen von Lisbet Castillo-Montenegro und den legendären Sotto Victor-Antunez Estanislao und “Augusto“ Blanco Zequeira wurden untermalt von rund 150 maßgeschneiderten Kostümen.

So waren Blicke auf die Straßen der karibischen Trauminsel zu erhaschen und wurde die pure kubanische Lebensfreude vermittelt!
Die Mischung aus einzigartigen Persönlichkeiten aus dem Herzen Kubas, fantastischen Performances, einem authentischem Bühnenbild steckte mit dem unwiderstehlichen kubanischen Charme, Temperament und Humor an, auch wenn auf die eindrucksvollen Video Projektionen als weiteres Zugeständnis an die Halle verzichtet werden musste.
Nach über 90 Minuten energiegeladener Show fiel der Vorhang viel zu früh und hinterließ zwei gravierend Eindrücke: die vitalen Wünsche nach Wiederholung und einer überfälligen Mehrzweckhalle mit geeignetem Zuschnitt.

Erich Neumann, freier Journalist über VZB Verband
der Zeitschriftenverlage in Bayern e. V.
und Medienunternehmer www.cmp-medien.de
Postfach 11 06, D – 82196 Gilching
GSM 01 72 3 55 08 00, e-Mail newsletter@cmp-medien.de

© Bilder: www.podium-kaufbeuren.de CC – Bernd Passauer
© Bild: Standing Ovations für PASIÓN DE BUENA VISTA
© Bild: Publikum bei improvisierter Sambatanzschule
© Bild: Estanislao “Augusto“ Blanco Zequeira und Sotto Victor-Antunez
© Bild: Lisbet Castillo-Montenegro mit Band und TänzerInnen
© Bild: Sotto Victor-Antunez
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