Barock trifft Krimi

Dona Leon (Foto: © Bild: www.thesndaytimes.co.uk CC)
 
Stiftsbibliothek St. Gallen (Foto: © Bild: www.stibi.ch CC)
 
Regine Weingart (Foto: © Bild: www.solidaritaetshaus.ch CC)
Sankt Gallen (Schweiz): Stiftsbibliothek | Am 18. Juni stellte Donna Leon, die weltbekannte amerikanische Bestsellerautorin, dem Schweizer Publikum im Barocksaal der Stiftsbibliothek St. Gallen persönlich mit “Tod zwischen den Zeilen“ den 23. Fall ihres Commissario Guido Brunetti vor.

Diese Umgebung passte doppelt, denn im Buch geht es um Diebstahl und Mord in Zusammenhang mit einer historischen Bibliothek und einem musikalischen Hang zum Barock frönt Leon, indem sie regelmäßig zu Opernaufführungen der Koloratur-Mezzosopranistin Cecilia Bartoli pilgert, sowie zahlreiche Einspielungen und neu auch das Orchester “Il Pomo d’Oro“ fördert.

Stiftsbibliothekar Dr. phil. Cornel Dora, moderierte als charmanter Gastgeber der ältesten Bibliothek der Schweiz mit einem einmaligen Buchbestand von rund 170.000 Büchern und anderen Medien, von denen die nach 1900 erschienenen Dokumente ausgeliehen werden können, einen kurzweiligen Abend vor 100 angetanen ZuhörerInnen und entlockte ohne jede Anstrengung der geradezu sprudelnden Donna Leon nicht nur, dass Sie keine Messages, sondern Fictions habe und sich derzeit sehr mit Bienen beschäftige, da dies zentrales Thema ihres nächsten Buchprojektes sei.

Überhaupt hat die am 28. September 1942 in Montclair, New Jersey geborene und seit 1981 in Venedig und inzwischen auch der Schweiz lebende Weltenbummlerin aus einen reichen Erfahrungsschatz der Welt eine Menge zu sagen.
Nach dem Studium in der Heimat – wohin sie mittlerweile nicht mehr zurückkehren möchte – und Italien (Siena und Perugia) unterrichtete sie Englisch und englische Literatur ehe sie als Reisebegleiterin in Rom und Werbetexterin in London tätig war, sowie später an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran (bis 1979), China und neun Monate in Saudi-Arabien unterrichtete. Von 1981 bis 1995 war sie an der Außenstelle der Universität Maryland auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Vicenza tätig.
Ihre Dissertation über Jane Austen konnte sie nicht abschließen, da der Entwurf, die Bücher und alle Notizen, an denen sie fünf Jahre lang gearbeitet hatte, 1979 während der Flucht vor der islamischen Revolution in Iran verlorengingen, was “als das wahrscheinlich Beste, was mir je in meinem Leben passiert ist“ eingestuft wird. “Wenn ich das Konzept nicht verloren hätte, hätte ich die Doktorarbeit beendet und mein Leben als Akademikerin zugebracht“ das Fazit, was ihre Fangemeinde nur zu gerne bestätigt.

Abwechselnd lasen Donna Leon verschmitzt in englisch und die ausdrucksstarke St. Gallener Schauspielerin Regine Weingart Passagen, wie zur Frühlingszeit – in Venedig eine besonders herrliche Pracht – Brunetti zu einem ungewöhnlichen Tatort: der altehrwürdigen Biblioteca Merula gerufen wird. Wertvolle Folianten liegen aufgeschlitzt da, und der amerikanische Forscher, der ein Dauergast war, ist verschwunden. Brunetti entdeckt eine eigenartige Welt: er spricht mit Bibliotheksangestellten und Besuchern, mit einem ehemaligen Priester, Aldo Franchini, der immer Tertullian liest, und der edlen Spenderin, Contessa Morosini Albani. Als es einen Toten gibt, weiß Brunetti, dass mehr auf dem Spiel steht. Mit großem Gespür und ungewöhnlichen Methoden geht er dem Verbrechen auf den Grund – und entdeckt einen florierenden Schwarzmarkt für Bücher.

Leons Inspiration erfolgte durch den Fall Girolamini, als 2012 in Italien einer der grössten Bücherdiebstähle der neueren Zeit bekannt wurde. 4000 wertvolle Drucke waren aus der Biblioteca dei Girolamini in Neapel gestohlen worden, um über den Antiquariatshandel verkauft zu werden.

Zum Thema Bücherdiebstahl sagt Donna Leon: “wenn ich ein schlimmes Verbrechen anprangern sollte, wäre es nicht ein Banküberfall, da geht es nur um Geld. Alte Bücher aber können nie mehr ersetzt werden.“ Und weiß auch zu berichten, dass in Italien über 4.000 Menschen ein Zeitschiften-Abo bezahlt haben, welches ihnen ein Anrufer von La Finanza telefonisch andrehte und damit ihr schlechtes Steuergewissen nutze.

Paola Brunetti berichtet davon auch bzgl. ihres Onkels, einem Hotelier auf dem Lido, der nach Rio auswandern und eine Sambaschule eröffnen will, ihrem Commissario, Doch ihm ist mehr an Artischockenherzen – denen aus Venetien und nicht aus Rom – mit je einer Zehe Knoblauch und reichlich Olivenöl nebst einem gut gekühlten Weißwein gelegen, ehe er sich über zwei Wachteln mit einem Berg junger Erbsen und goldgelben Kartoffeln macht, den davon darf wie der morgentlich begonnen Lektüre der Tageszeitung einfach Nichts übrig bleiben.
Hierzu ergänzend gesteht Leon, dass die deutschen TV-Produktionen zwar ein Erfolg aber eben zu deutsch sind, um die wirklichen italienischen Charaktere – das ewige Dolce Vita - abzubilden.
Geradezu bestätigend, wenn auch in der Schweiz kommt die Gender angehauchte und überflüssige Publikumsfrage, weshalb nur Paola und nie auch Guido koche, was sie mit der entwaffnenden Feststellung: weil sie ihn liebt beantwortet und nachlegt, dass dies niemals aus Italien, Spanien, etc. gefragt würde!

Das Teatro La Fenice – eine kulturelle Hochburg – war der Handlungsort ihres Debütromans Venezianisches Finale der 1992 unter dem Titel Death at La Fenice bei Random House in New York erschien, während die deutsche Übersetzung 993 im Diogenes Verlag veröffentlicht wurde, dem Donna Leon erfreulicherweise so konstant die Treue hält.
So war die Stiftsbibliothek Dt. Gallen eine überaus stimmige Stätte für die schweizerzische Präsentation ihres jüngsten Werkes, dem der Erfolg nicht nur zu wünschen, sondern ebenso sicher sein dürfte, wie die Fortsetzung, denn das Bekenntnis war klar und eindeutig: “ich liebe ihn viel zu sehr, als dass ich ihn sterben lassen könnte: es gibt auch keinerlei Plan dazu!“.
Die Brunetti-Romane, welche im jährlichen Rhythmus erscheinen, führen stets die deutschen Bestsellerlisten an.
Sie wurden in 35 Sprachen übersetzt und in zahlreichen Ländern veröffentlicht. Auf Leons Wunsch hin erscheinen sie aber nicht auf Italienisch, damit die Venezianer, von denen sie ihre Geschichten und Anregungen hat, weiter unvoreingenommen mit ihr umgehen und weil sie, die auf Fernseher wie Telefon verzichtet, weiter unerkannt ein normales Leben führen kann.

Erich Neumann, freier Journalist über www.presse.ag
und Medienunternehmer www.cmp-medien.de
Postfach 618, D – 87584 Kaufbeuren
GSM +49 1 60 962 86 676, e-Mail newsletter@cmp-medien.de

© Bild: www.thesndaytimes.co.uk CC – Dona Leon
© Bild: www.stibi.ch CC – Stiftsbibliothek St. Gallen
© Bild: www.solidaritaetshaus.ch CC – Regine Weingart
© Bild: www.stibi.ch CC – Stiftsbibliothekar Dr. phil. Cornel Dora
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.