J.F. Ruthe: Eine Biografie

Im Zusammenhang mit Erkundungen über meine Moritzberger Ahnen stieß ich auf
'Leben, Leiden und Widerwärtigkeiten eines Niedersachsen'. Unter diesem Titel veröffentlichte

Johann Friedrich Ruthe (*16.04.1788 Egenstedt, †24.08.1859 Berlin) einen Teil seiner Biografie. Sie liest sich wie eine Abrechnung seiner Sturm-und-Drang-Jahre

Sie liest sich zugleich wie eine Erklärung mit dem Schlußstrich unter einem Lebensabschnitt; zwischen den Zeilen wie eine abenteuerliche Periode, über die defamierende Gerüchte im Umlauf sind und denen Paroli geboten werden soll. Sie liest sich größtenteils wie eine Abenteuergeschichte. Doch ich gewann den Eindruck, der Autor möchte den Fokus auf Gefühle während seiner schicksalschwersten Zeit lenken. Die erfolgreichen Jahre, den Aufstieg als Lehrer, seine naturwissenschaftliche Arbeit und die damit verbundenen Anerkennungen erwähnt er nicht. Die Biografie umfaßt lediglich den Zeitraum von 1788 bis etwa 1813. Ruthes autobiografische Schrift erschien 1841 im Selbstverlag. Sie ist nur in wenigen Bibliotheken zu finden.

Katholisch getauft und erzogen beginnt Ruthes Schulausbildung, mit dem Basisunterricht beim Pfarrer eines kleinen Dorfs. Dann siedeln seine Eltern nach Himmelsthür um. Johann Friedrich besucht noch einige Zeit die Schule in Egenstedt. Das Dorf an der Innerste oberhalb der Domäne Marienburg bei Hildesheim gelegen, ist sein Abenteuerspielplatz. Sein Vater, „Schweinemeister“ auf der Domäne Steuerwald, holt ihn zu sich auf den großen Gutshof.
Dort bekommt Johann Friedrich Privatunterricht, zunächst von dem Kapuzinerpater Breitenbach, der ihm wohlwollend um den Jungen kümmert. Dann wird die Pastorenstelle an einen Dominikaner vergeben, dessen Einfluß ein nachteiliges Bild bei dem heranwachsenden Jungen hinterläßt. Dennoch kann Ruthe das Gymnasium-Josephinum in Hildesheim besuchen.

Die Stadt gehörte damals zum Distrikt Oker im napoléonischen Königreich Westphalen. J.F. Ruthe muß sich kurz vor Beginn eines beabsichtigten Studiums als Soldat stellen. Im allgemeinen folgen die einberufenen Männer nur widerstrebend den auferlegten Pflichten. Desertation war nichts Ungewöhnliches und außerhalb des Militärs, oft nicht einmal ehrenrührig, weil die Staatsmacht als Fremdherrschaft galt. Die ungeliebte Regierung verfolgt und ahndet Desertationen selbstverständlich.
Um der Flucht der in Hildesheim konskribierten jungen Männer von Anfang an zu unterbinden, wurden sie unter militärischer Bewachung in Marsch gesetzt, nachts sogar in Gefängnissen eingesperrt. Ruthe empfinder das als entwürdigend, hatte mit solchen Massnahmen auch nicht gerechnet. Die Mutter hatte ihm zum Abschied 12 Thaler Reisegeld zugesteckt.

Beim Abmarsch aus Hildesheim begleiteten den Zug Ruthes Schwester, sowie seine Jugendliebe Auguste die angehenden Soldaten eine zeitlang auf der Landstrasse nach Braunschweig. Zunächst glaubte er dort, sich die vielen alten Bauwerke anschauen zu können, doch dann fand er sich unter Verbrechern im Gefängnis eingesperrt. Erstmalig denkt er an Flucht. In Magdeburg findet er zusammen mit einen Gesinnungsgenossen dazu Gelegenheit. Beide Deserteure können sich über die Landesgrenze nach Preußen absetzen. Aber anstatt zu bleiben, beschließt Ruthe in seine Heimatstadt zurückzugehen, wohlwissend dort strenger Verfolgung ausgesetzt zu sein. Doch weder bei seiner Mutter in Himmelthür, noch bei einer Schwester in Neuhof kann er sich verstecken. Er muß sich in den ihm vertrauten Wäldern Hildesheims verbergen.
Im bevorstehenden Winter versucht er zusammen mit seinem Vater bei dessen Bruder in Höxter (Bödexen) Unterkunft zu finden. Doch die Verwandten gehen das große Risiko, einen Deseteur zu unterstützen, nicht ein. Auf verborgenen Wegen kehren Vater und Sohn wieder nach Himmelsthür zurück. Schließlich findet die Mutter innerhalb der Stadt Hildesheim einen Unterschlupf.

Durch brutale Behandlung eines Strickreiters (Gendarm) wird Ruthes Mutter gezwungen das Versteckt ihres Sohns preiszugeben. Der wird verhaftet, kann fliehen, trennt sich aber wiederum nicht von seiner heimatlichen Umgebung, sondern verbirgt sich, immer auf der Hut vor den Strickreitern erneut in der freien Natur.
Schließlich wird er gefasst und soll unter Bewachung seinem ehemaligen Regiment zugeführt werden. Ihm droht die Erschießung. Auf dem Weg nach Kassel, in Lutter am Barenberge kann er zusammen mit anderen fliehen.
Die Umstände dieser Flucht erscheinen wie eine Wiederholung eines dramatischen Geschehens, an dem sein älterer Bruder, Johannes Lorenz, beteiligt war. Dabei kam es zu einer Schießerei. Ein Gendarm wird getötet. Später vermischen sich in Gerüchten diese beiden Ereignisse und belasten J. Friedrich psychisch.
Zum Zeitpunkt der Ereignisse am Barenberg verliert das Königreich Westphalen seine Macht, Jérôme Bonaparte flieht 1813 nach Frankreich..

Inzwischen ist Ruthe in Berlin und versucht dort seit 1811 fuß zu fassen. Schließlich findet er am Anatomisch-Zoologischen-Museum eine Anstellung. Obwohl nahezu mittellos immatrikuliert er sich an der Universität als Student der Medizin. Ruthe leidet Hunger, bis er durch den hildesheimer Botaniker Heinrich Friedrich Link und den Naturwissenschaftler Karl Asmund Rudolphi Unterstützung erfährt.
In der Hoffnung auf eine finanzielle Unterstützung seitens der Kirche geht er in seine Heimatstadt, die nun wieder zum Bistum Hildesheim gehört. Er erhält eine Audienz beim Fürstbischof Franz Egon von Fürstenberg und wird mit 2 Talern abgespeist. Sein Medizin-Studium kann er nicht fortsetzen.

Ab 1813 bis Ende März 1823 ist Ruthe Lehrer für Naturgeschichte an der Plamannschen Lehr- u. Erziehungsanstalt, wird zehn Jahre später Lehrer an einer Oberschule in Frankfurt a/ Oder. 1825 unterrichtet er am Köllnischen Gymnasium in Berlin. Dann wechselt er 1929 an die Städtische Gewerbeschule (heute Friedrich-Werdersche Oberrealschule in Berlin).
In den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts veröffentlich Johann Friedrich Ruthe etliche Aufsätze zur Entomologie, entdeckt und beschreibt neue Arten. Er arbeitet an einem Werk der ‚Naturgeschichte der Mark Brandenburg und und der Niederlausitz‘. Davon erscheint 1827 die Flora als Teil 1, der 1834 in zweiter Auflage vorliegt.
Die biologischen Exkursionen, an die sich Theodor Fontane als einer von Ruthes Schülern erinnert, hat er aus gesundheitlichenGründen längst aufgeben müssen, als er von Gicht geplagt seine Lebenserinnerung zu schreiben beginnt. Nach der Pensionierung im Herbst 1842 läßt er die Herausgabe seiner anfangs populärwissenschaftlichen Zeitschrift, ‚Herold‘, ruhen. Er ist mit einer „Märklerin“ verheiratet und hat acht Kinder, doch darüber schreibt er so gut wie nichts.
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