Verstorbene ohne Angehörige

Wer Verstorbene vermisst - auf dem Öjendorfer Friedhof - Feld 317 - gibt es Gedenktafeln mit Namen von Verstorbenen, die ohne Angehörige bestattet wurden. Die Liste der Namen reicht zurück bis 2013.
 
Blick auf ein Reihengrab im Grabfeld 205 des Öjendorfer Friedhofs. Ausser einer Nummer bekommen Verstorbene ohne Angehörige hier nichts mit auf ihr Grab.
 
Unternehmenssprecher Lutz Rehkopf im Interview am 29. April 2014. Grabkreuze von Amts wegen sind ihm nur aus dem Raum Köln bekannt. In Hamburg gibt es so etwas (noch) nicht. (Foto: Max Bryan)
Als ich im Frühjahr des vergangenen Jahres den Obdachlosen Andre Heinz Martinßen (†49) zu Grabe trug, zeigten die Gräber der Verstorbenen ohne Angehörige auf dem Öjendorfer Friedhof noch keine Namen. Überall dort steckten nur diese kleinen gelben Sichtreiter in der Erde, mit nur einer Nummer darauf und ich fragte mich, wie das denn sein könne? "Im Tod nur eine Nummer"?

Wochen zuvor war der damals 49-jährige Andre Heinz Martinßen einsam und allein in einem Zelt unter der Hamburger Kennedybrücke gestorben. Medien hatten über den Fall berichtet. "Andy" - wie seine Freunde ihn nannten, war obdachlos. Bestattet wurde seine Urne in einem Reihengrab - ohne Name - ohne Datum.

Ein Skandal?

Öjendorfer Friedhof - Feld 205 - Grabnummer 205-03-156. Jedes Jahr teilen bis zu 900 Menschen dieses Schicksal. Mit nur einer unscheinbaren Nummer auf dem Grab wurden und werden in Hamburg immer noch Menschen bestattet. Obdachlose, Einsame, Jeder, der niemanden mehr hat, kommt erst mal hier nach Öjendorf - viele davon ins Grabfeld 205 - dort, wo Menschen ohne Angehörige auch in Begleitung des Friedhofs mit bestattet werden.

Reihengräber

Es geht um die Gräber von Verstorbenen ohne Angehörige, die bislang nur eine "Nummer" mit auf´s Grab bekamen. Darunter auch Andre Heinz Martinßen (†49), einer meiner früheren Interviewpartner. Hier in einem Video von 2013: http://www.youtube.com/watch?v=A9P0QEqhEVg&list=UU...

"Andy" war obdachlos und starb am 20. Februar 2014 allein in einem Zelt unter der Kennedybrücke und wurde am 29. April 2014 - also erst 2 Monate später - in einem Reihengrab ohne Name und Datum bestattet. Mehr als 2 Monate stand seine Urne im "Regal", bis der Zeitpunkt für ein Sammelbegräbnis gekommen war und die Ausschilderung der Reihengräber im Grabfeld 205 ist nun wirklich katastrophal.

Kein Name, kein Datum, kein Hinweis

Ein Blick über die Reihengräber im Feld 205 des Öjendorfer Friedhofes macht deutlich, wie anonym Verstorbene ohne Angehörige dort bestattet werden. Nichts ausser einer Nummer erinnert an die Verstorbenen. und selbst die kommt irgendwann noch weg. Wie sollen Freunde und Bekannte das Grab später mal wiederfinden, wenn nicht mal diese einfache Nummer bleibt?

Hamburger Bestattungsgesetz

Schon damals - im Mai 2014 - stellte ich fest, dass das Hamburger Bestattungsgesetz keine weiteren Leistungen vorsieht. Kein Kreuz, kein Stein, kein Name, nur eine Nummer, die Verstorbene ohne Angehörige mit auf ihr Grab bekamen und jahrelang wurden mittellose Menschen so bestattet. Darunter auch Andre Heinz Martinßen, auch er war obdachlos und wurde nur 49 Jahre alt. Am 29. April des vergangenen Jahres wurde er bestattet, in einem Reihengrab - ohne Name - ohne Datum - fast anonym - tut die Stadt denn gar nichts?

Nachfrage bei der Hamburger Friedhöfe AöR und "Nein", mehr sei nicht vorgesehen, wenn der Verstorbene keine Angehörigen mehr hat, dann sei dies das "Standardverfahren", das heißt, der Verstorbene wird in einem Reihengrab auf dem Öjendorfer Friedhof beigesetzt und Grabkreuze seien "hierfür nicht vorgesehen", teilte ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage hin mit (April 2014).

Danach startete ich meinen Aufruf !

Kumpels halfen

Und ob es nicht jemanden gäbe, der dem Andy ein Kreuz bauen könne - fragte ich in die Runde und tatsächlich meldete sich jemand. Gebaut haben das Kreuz Marcel & Masse - zwei ehemalige Obdachlose, die heute für Hinz & Kunzt arbeiten.

Marcel (40) ist fest angestellt bei Hinz & Kunzt und total stolz darauf dort sein zu dürfen. "Es ist anstrengend und man hat am Ende des Tages echt so ´ne Birne, aber ich möchte das hier nicht mehr missen", sagt der junge Mann, der hier als Hausmeister arbeitet und über Hinz und Kunzt auch eine Wohnung bekam.

Ob er ein "Goodguy" ist - "ein guter Junge" - so wie es auf seinem T-Shirt steht - frage ich Marcel - und der Mann mit dem Pinsel in der Hand wird nachdenklich.

Nach einer schwierigen Vergangenheit in Heim und Wohngemeinschaften fand Marcel im Leben auf der Straße einen "Fluchtpunkt", "da konnte ich dem Stress entfliehen", erzählt der Hinz & Künztler rückblickend. "Irgendwann dann hatte ich die Nase voll" und heuerte hier bei Hinz & Kunzt an, dem Herausgeber der gleichnamigen Obdachlosen-Zeitung, die überall in der Stadt von Obdachlosen verkauft wird und Marcel nutzte seine Chance. "Ich will daran festhalten, an der Wohnung, an dem Job - ich bin so froh, dass ich diese Chance bekommen habe", sagt Marcel im Interview und hat genau im Blick, was jetzt noch zu tun ist.

"Nur noch ein bisschen Lasur muss drauf" und natürlich das Namensschild nicht vergessen ...

Trotz "Platte"

"Masse" (31) hat früher selbst auch schon "Platte" gemacht und kennt die Probleme, wenn man irgendwann den Anschluß zur Realität verliert. "Irgendwann lebst du in deiner eigenen Welt", erzählt er und berichtet, wie er am Boden zerstört war, wie er lustlos durch Hamburg irrte, nichts habe ihn mehr interessiert, weder seine Ex, noch sein Kind, er habe sich "einfach gehen lassen", bis Marcel dann kam, der Hausmeister hier bei Hinz und Kunzt, der habe ihm geholfen "ohne zu regeln", sagt der 31-Jährige und genau das sei auch wichtig. Die bloße Anwesenheit - ohne zu reglementieren - helfe schon dabei "neue Wege zu gehen".

Ein Kreuz auf Reisen

Der Öjendorfer Friedhof liegt weit draußen und da ich kein Auto habe, blieb nur die Bahn.

Fragende Blicke

Detlef S. (56) - auch "Wolle" genannt - weil er ein bisschen aussieht wie "Wolle Petry" - war Andy´s bester Freund und hatte mir beim Transport des Kreuzes in der U-Bahn sowie dem Eingraben des Selbigen auf dem Öjendorfer Friedhof danach noch geholfen - 18 Monate ist das jetzt her - und HEUTE?

Heute braucht es kaum noch Kreuze, weil die Stadt reagiert hat und zumindest ein Teil der Verstorbenen ohne Angehörige im neuen Grabfeld 317 des Öjendorfer Friedhofes bestattet werden. Dort, wo die Namen der Toten in unmittelbarer Nähe zu deren Gräbern auch zu lesen sind. "IM TOD NICHT LÄNGER NUR EINE NUMMER - IM TOD AUCH EIN NAME" - zumindest dort trifft das ansatzweise zu und am 19. November war es dann soweit - das neue Grabfeld 317 auf dem Öjendorfer Friedhof wurde eingeweiht.

Kreis schließt sich

19. November 2015 - Die neuen Grabsteine im Feld 317 erinnern an Verstorbenen ohne Angehörige. Auf Gedenktafeln sind die Namen der Toten eingraviert - einsame Menschen, die niemanden mehr haben.

http://www.youtube.com/watch?v=A9P0QEqhEVg&list=UU...

"Es wird immer wichtiger, allen Verstorbenen ein würdiges Andenken bewahren zu können, gerade in Zeiten, wo immer mehr Menschen einsam sterben", erklärte Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) in ihrer Eröffnungsrede am 19. November.

Anschließend hielt Sabine Erler, Pastorin für Trauerkultur in der Propstei Wandsbek-Billetal, eine Andacht zu Ehren der Verstorbenen ohne Angehörige. "In unserem Umgang mit Tod und Bestattung entscheidet sich das Leben", sagte sie.

Rede und Gedenken

Auch ich war eingeladen ein paar Worte zu sagen. "Max Bryan, Blogger und Bürgerreporter, erinnert an seinen obdachlosen Freund Andre Heinz Martinßen", hieß es in der Pressemitteilung der Hamburger Friedhöfe AöR zum 19. November und meine Rückschau war nicht unkritisch. Immer wieder gab es Beschwerden auch von Freunden und Bekannten, die das Grab ihrer Verstorbenen nicht wiederfinden konnten und lange geschah nichts.

Erst jetzt - 3 Jahre später - konnte das neue Grabfeld auf dem Öjendorfer Friedhof eingeweiht werden.

Hausförmige Steine

Auf den Gedenksteinen links und rechts des Weges am Grabfeld 317 des Öjendorfer Friedhofes sind die Namen der Verstorbenen ohne Angehörige zu lesen, die dort und unmittelbar auf den angrenzenden Rasenflächen bestattet sind.

Ein Konzept, das über Jahre hin entwickelt wurde. Ziel war es, die Namen derjenigen Menschen lesbar gemacht werden, die ohne Angehörige verstorben sind und von Amts wegen bestattet wurden. Ist dies der Fall, übernimmt die Stadt die Kosten der Bestattung.

Carola Veit (SPD)

"Heute haben wir diese neuen Grabsteine eingeweiht - wodurch Verstorbene ohne Angehörige - die bislang namenlos bestattet wurden - nun auch namentlich zu lesen und zu finden sind", erklärt Hamburgs Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit auf Nachfrage hin und eigentlich ein schönes Ende, will man meinen. Ob das auch so bleibt, muss sich aber erst noch zeigen.

Neuesten Erkenntnissen zu Folge - nämlich - werden Verstorbene ohne Angehörige ausserhalb der neuen Gedenkstätte immer noch mit nur einer Nummer auf dem Grab bestattet. Ein ausführlicher Bericht dazu erscheint noch vor Weihnachten.

"Im Tod nur eine Nummer - gilt das immer noch?"


(Fortsetzung folgt ...)
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1 Kommentar
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Max Bryan aus Hamburg | 12.12.2015 | 00:09  
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