Interview mit Onkologin der Stefan-Morsch-Station in Flensburg

Prof. Dr. Nadezda Basara ist Chefärztin im Malteser Krankenhaus St. Franziskus-Hospital in Flensburg.
 
Als Leukämie-Expertin behandelt und begleitet sie in Flensburg seit der Eröffnung der Stefan-Morsch-Station im Januar 2012, auch Leukämiepatienten.
Flensburg: Malteser Krankenhaus |

Prof. Dr. Nadezda Basara ist Chefärztin im Malteser Krankenhaus St. Franziskus-Hospital in Flensburg und Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie. Als Leukämie-Expertin behandelt und begleitet sie in Flensburg seit der Eröffnung der Stefan-Morsch-Station im Januar 2012, auch Leukämiepatienten. Durch jahrelange Erfahrung weiß Sie, dass die Patienten nicht nur auf medizinische Hilfe angewiesen sind, sondern auch auf emotionalen Beistand von Familie, Bekannten und Freunden.

Stefan-Morsch-Stiftung: Diagnose Leukämie – Wie gehen Sie vor, wenn Sie einem Patienten das erklären müssen?
Basara: Das ist eine sehr schwierige Aufgabe, mit der ich schon vor dem Erstgespräch beginne. Zuerst bitte ich den Patienten, dass er Angehörige zur gemeinsamen Besprechung der Diagnose dazu ruft. Die Patienten ahnen dann, dass es sich um eine ernste Diagnose handeln muss. Die Gesprächsatmosphäre soll für den Patienten so angenehm wie möglich sein und darf nicht gestört werden. Ich fange langsam an, erkläre die Befunde und die Diagnose. Außerdem ist mir wichtig zu sagen, dass es heute medizinische Möglichkeiten gibt, mit denen Leukämie geheilt werden kann.
Stefan-Morsch-Stiftung: Wie reagieren die Patienten aus Ihrer Perspektive auf die Diagnose?
Basara: Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Ich bin seit dreieinhalb Jahren in Norddeutschland und war vorher in Rheinland-Pfalz und Sachsen. Im Vergleich erscheinen mir die Norddeutschen sehr gefasst und sie stellen viele Fragen. Manche Patienten versuchen im Diagnosegespräch Stärke vor den Angehörigen zu zeigen, um sie zu schonen. Aber meistens reagieren Patienten und Angehörige im Laufe des Gespräches emotional.
Stefan-Morsch-Stiftung: Mit welchen emotionalen Belastungen wird der Patient während der Behandlung konfrontiert?
Basara: Die Belastung ist riesig. Die Patienten sind am Boden zerstört. Alle Pläne, die sie für ihr Leben haben, werden in dem Moment zerschlagen und die Zukunft ist ungewiss. Außerdem realisieren sie, dass sie eine lange Zeit in Behandlung sein werden und sich ihr gewohntes Leben verändern wird. Viele Patienten sorgen sich auch um ihre finanzielle Sicherheit und um die ihrer Familie. Als weitere Belastung können ganz neue Konflikte in der Familie hinzukommen. Vor allem, wenn es in der Familie einen möglichen Stammzellspender gibt, mit dessen Hilfe dem Patienten geholfen werden könnte. Manchmal lehnt der Familienangehörige aber die Spende ab. Andererseits habe ich Fälle erlebt, in denen Familienangehörige keinen Kontakt hatten, aber trotzdem Stammzellen spendeten. Manche Familien finden so wieder zusammen.
Stefan-Morsch-Stiftung: Ist eine psychologische oder psychotherapeutische Betreuung Teil der Behandlung?
Basara: Ja, in Deutschland ist das ein Muss. Alle hämatoonkologischen Krankenhäuser müssen laut Leitlinien psychoonkologische Hilfe anbieten oder vermitteln. Psychoonkologen sind konkret auf die psychologische Behandlung von Krebspatienten ausgerichtet. Die Behandlung ist vom Bedarf des Patienten abhängig. Aber auch Angehörige können betreut werden.
Stefan-Morsch-Stiftung: Welche seelsorgerischen Anlaufstellen gibt es für Leukämiepatienten allgemein?
Basara: Es gibt, vor allem in christlichen Krankenhäusern Seelsorger und Sozialdienste, die Patienten frühzeitig besuchen, wenn der behandelnde Arzt feststellt, dass Bedarf besteht.
Stefan-Morsch-Stiftung: Wie beziehen Sie als behandelnde Ärztin Angehörige mit ein?
Basara: Die Behandlung von Leukämie ist ein sehr langer Prozess. Deshalb möchte ich von Anfang an die Angehörigen involvieren. Ich erkläre ihnen schon beim ersten Gespräch, dass der Patient von ihnen viel Unterstützung und Ablenkung braucht. Einzelgespräche mit Familienmitgliedern kommen auch vor. Das hängt davon ab, wie entscheidungsfähig der Patient ist. Manche schicken ihre Angehörige auch bewusst alleine. Wenn ich davon ausgehen muss, dass der Patient nicht geheilt werden kann und sterben wird, rate ich der Familie, sich Gedanken zu machen, was im Todesfall zu tun ist.
Stefan-Morsch-Stiftung: Was können Freunde und Bekannte für den Patienten tun?
Basara: Sie können sehr viel tun um den Erkrankten von der Krankheit und der Behandlung abzulenken: Indem sie mit ihm Zeit verbringen, Spiele spielen, gemeinsam Filme schauen und immer wieder nachfragen, ob es was zu erledigen gibt.
Stefan-Morsch-Stiftung: Was sollten sie vermeiden?
Basara: Freunde sollten sich nicht zurückziehen und den Patienten meiden, sondern ihn unterstützen und ablenken. Die Gespräche sollten sich auch nicht ständig um die Krankheit oder um Tod drehen.
Stefan-Morsch-Stiftung: Worauf sollten Familie, Freunde und Bekannte von Patienten im Kindesalter achten?
Basara: Kinder verstehen ihre Lage häufig noch nicht. Es ist wichtig, ihnen einen möglichst kindgerechten Alltag zu bieten. Das heißt vor allem spielen, spielen, spielen.
Stefan-Morsch-Stiftung: Wie wirken sich Haustiere auf das emotionale Befinden der Leukämiepatienten aus?
Basara: Generell spielen sie eine sehr positive Rolle, denn sie helfen, den Patienten abzulenken. Aber der Kontakt zu Haustieren ist wegen dem Infektionsrisiko nicht in jeder Behandlungsphase möglich. In der ersten Phase nach einer Knochenmark- oder Stammzelltransplantation ist der Kontakt verboten und erst wieder erlaubt, wenn die immunkompetenten Zellen wieder gebildet sind und sich der Körper gegen Infektionen wehren kann.
Stefan-Morsch-Stiftung: Was würden Sie sich wünschen, dass sich strukturell ändert, um Leukämiepatienten zu entlasten?
Basara: Es werden zu wenig Mittel bereitgestellt, um die Patienten psychoonkologisch zu versorgen. In unserer Klinik wurden im vergangenen Jahr 1200 Tumore neudiagnostiziert, unter ihnen 60 Leukämiepatienten. Mit einer halben Stelle werden Tumorpatienten psychoonkologisch betreut. Nicht alle Patienten können so versorgt werden. Es müssen ausreichend Strukturen geschaffen werden, dass sich jeder Patient bei einem Psychoonkologen vorstellen kann. Der Patient sollte dann die Entscheidung treffen, ob er die Unterstützung eines Psychoonkologen möchte. Im Moment leitet der behandelnde Arzt den Kontakt zum Psychoonkologen ein, wenn er feststellt, dass Bedarf besteht.
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