Nazi sein ist etwas ganz anderes

  Berlin: Reichstag | Nazi sein ist etwas ganz anderes

Edgar Most ist gestorben. Sie wissen gar nicht, wer dieser Mann war? Most war einst jüngster Bankdirektor in der DDR; er lernte das Handwerk des Geldverleihens von der Pike auf an und rettete nach der sogenannten Wende viele Arbeitsplätze, weil er zum einen wusste, woher Bartel den Most holt, zum anderen war er einer der wenigen, die sich ebenso aufrichtig wie erfolgreich für seine ostdeutschen Landsleute einsetzte. Wie kaum jemand kannte er die Machenschaften, denen sehr viele DDR-Bürger zum Opfer fielen. In einem Buch redet er Klartext: „Die DDR-Bevölkerung ist nach allen Regeln der Kunst verschaukelt worden.“ Und auch die Konsequenz prophezeite er unumwunden: „Der Osten verarmt, vergreist und verdummt.“
An welchem Abgrund wir 1989 auch gestanden haben mögen, 25 Jahre später sind wir nach Mostscher Prognose einen gehörigen Schritt weiter. Man kann dies trotz Geschwafel von Leuchttürmen und Aufschwüngen belegen, es glaubt den Laber ohnehin keiner mehr. Die Jungen sind weg, die noch Jüngeren wollen weg, nur die Alten müssen bleiben und sich ihre Almosenrente einteilen, so gut es geht. Eine Freundin schrieb zu Weihnachten: „Es sind die kleinen Momente, wie die viertel Stunde auf dem Balkon, wo wir (ihr Mann und sie; R.St.) einen Glühwein trinken, die in der Summe unser Glück ausmachen.“ Wie schön! Dieses viele Glück! Es könnte alles so gemütlich sein im Osten – wenn da nicht ein paar renitente Straßenrowdys wären, die nicht mehr mitmachen wollen beim Spiel, das immer nur sie als Verlierer kennt.
Ich wiederhole Edgar Most: „Der Osten verarmt, vergreist und verdummt.“ Das ist geschafft.
Aber was kommt jetzt? Kommt wirklich die Stunde der nationalen Sozialisten? (Die Linken verabschieden sich ja anscheinend.) Ich wünschte es mir. Ich habe nichts einzuwenden gegen Sozialisten, die ihre Nation mögen und sie zu einer verschworenen Gemeinschaft verbinden. Eine Gemeinschaft ist stark und kann viele Flüchtlinge verkraften. Aber Deutschland ist nicht stark, Deutschland ist zerrissen, in Deutschland regieren wie anderswo dienstbare Frauen und Männer und Medien vereint für die Mächtigen; das schließt gleichzeitiges Regieren für die aus dem System Geworfenen aus.
Warum ist Lenin die russische Revolution geglückt? Auch weil er klug war, aber hauptsächlich, weil der Zar seine Bauern wie Dreck behandelte.
Einhundert Jahre scheinbare Zivilisation später kann man anders formulieren, wie sich die Leute fühlen, die in Dresden, in Schwerin und anderswo auf die Straße gehen. Sie formulieren es ja selbst.
Noch ein drittes Mal Edgar Most: „Der Osten verarmt, vergreist und verdummt.“
Sie dort auf der Straße brüllen: Lügenpresse! Die Tageszeitung junge Welt, die ich abonniert habe, wählt den Slogan: Sie lügen wie gedruckt, wir drucken wie sie lügen. Das hört sich nicht unähnlich an. Ich glaube, beide haben recht – sind aber doch grundverschieden, oder stimmt das gar nicht?
Und wenn sie dort auf der Straße brüllen: Wir sind das Volk, stimmt es nicht ganz, sie sind nur ein Teil vom Volk. Vielleicht ist es aber das „nur“, das sie immer bloß hören, was ihren Zorn befeuert. Sie meinen wohl auch sich, das Volk von damals, das sich „nur“ von ihrem Politbüro befreien, jedoch nicht in der Gosse enden wollte.
Nazi sein ist etwas ganz anderes.

Rainer Stankiewitz, Crivitz
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6 Kommentare
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Wolfgang H. Zerulla aus Burgwedel | 14.01.2016 | 15:40  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 14.01.2016 | 18:10  
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Wolfgang H. Zerulla aus Burgwedel | 14.01.2016 | 20:36  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 15.01.2016 | 02:05  
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Norbert Höfs aus Schwerin | 15.01.2016 | 07:58  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 15.01.2016 | 17:22  
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