Südsee – unbekannte Spiegelbilder vom anderen Ende der Welt – das Museum der Kulturen der Welt in Berlin

   
Fremd wie ein Ausserirdischer wirkt diese Götterfigur von den Gesellschaftsinseln
Berlin: museum der kulturen der welt | Berlin- Völkerkundemuseum

Seltsame Wesen aus surrealen Welten, gemacht aus den Bildern unserer Träume und von unbekannter Stofflichkeit, Natur pur und Sciencefiction zugleich, bevölkern die Vitrinen des Museums in Berlin Dahlem. Meist sicher weggepackt hinter Glas glotzen sie mich an, spiegeln sich plötzlich auch noch hinter mir - kaum aus dem Augenwinkeln gelassen- neu materialisiert und doch gleich wieder gespalten von dutzendfachen Lichtschwertern aus Neon, nur um sofort wieder grinsend irgendwo anders in den Wunderkammern zu verschwinden. Lewis Caroll was here.

Ich war im Völkerkundemuseum Dahlem schon vor 40 Jahren einmal zum ersten Mal anlässlich einer Studienfahrt mit der Akademie der bildenden Künste aus München. Neben verschiedenen Kunstaktionen in der damals im sozialistischen Staat eingekesselten Stadt sollte ich mich damals mit einem der Kunstwerke im damals einzigen Museumskomplex der Exklave mit Zeichnungen, Fotos, Gedanken, Forschungen auseinandersetzen, um mich auf meine Prüfung für das staatliche Lehramt vor zu bereiten. Im dichten Nebeneinander der Gemälde aus Barock und Klassizismus der Obergeschosse gelang es mir nicht „ mein“ Kunstwerk zu finden, mit dem ich mich gerne persönlich beschäftigt hätte. Wie bei den Gesichtern, an denen wir in einer Bahnhofshalle vorbei huschen, erschienen die kunstvollen Portraits mir abweisend, blieben ihre Geschichten hinter der maskenhaften Strenge mir letztlich fremd. Nach langem Herumirren schlossen sich die großen Glastüren hinter mir im Untergeschoss. Ich war untergetaucht in eine völlig fremde Welt, die mich sofort begeisterte, in Besitz nahm und auch für den Rest meines Lebens nicht mehr los lies.
Nicht zum letzten Mal zogen mich meine Schritte, wenn ich mal wieder in Berlin war, immer wieder dorthin in die magischen Welten der Südsee, mit den Gedanken weit reisend bis ans andere Ende der Welt.

Mit diesem unheilbaren Virus infiziert, setzte ich immer wieder alles dran, diese fremden Welten auch wirklich mit dem Flieger zu erreichen, war begeistert von abgelegenen Gegenden und ihren Menschen im Gebirge von Papua-guinea, am großen Sepik-fluss und auf den melanesischen Inseln. Mit innerstem Hochgefühl, gelang es mir immer wieder dort auch gegen Bares, meist aber im Tausch gegen die Massenprodukte unserer technisierten Welt, authentische Alltagsgegenstände, deren innere Ausgewogenheit und Ausstrahlungskraft sie in meinen Augen zu höchsten Kunstwerken erhoben hatten, zu erwerben. Die Sammlung wuchs und vor ein paar Jahren wurde auf dieser Basis das Haus der Kulturen und internationale Maskenmuseum in Diedorf gegründet. ´
Die Begeisterung für diese Anderswelt und ihre Kunst konnte ich andererseits nicht als etwas Neues für mich allein verbuchen. Eine riesengroße Anzahl von bedeutenden Künstlern vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jhdts., unter Ihnen Gauguin, Picasso, Kirchner, Nolde, die Künstler des Expressionismus, Surrealismus, Kubismus und der Abstraktion, hatten diese neue Bildsprache längst für sich entdeckt. Dennoch darbte ich fast schon wie ein Sterbender vor lauter Sehnsucht dahin, wenn ich einmal für gefühlt „längere“ Zeit dieser Sucht nach dem Fremden nicht frönen durfte und hier in unseren kalten Landen vielleicht auch nur über wenige Monate im monotonen Schuldienst weg gesperrt war, bis ich endlich wieder genug Zeit und Geld zusammen gespart hatte, um weitere Weltreisen zu unternehmen.

Welch herrliches Gefühl, dort unter fremder Sonne, einmal nach dem Verlassen des Flugzeugs tief die andere Luft ein zu atmen, immer noch gefüllt mit dem Gestank nach verbranntem Kerosin, heißem Sand aber auch schon hier mit leicht daher schwebenden Geruchswölkchen nach überreif fauligen Mangos und arbeitsamem Schweiß drüben vom Markt. Gleichwohl ereilte mich oftmals auch in der Idylle immer mal wieder schon bald die Trauer, nicht nur in Gedanken der viel zu schnell endigenden Schulferien, dieser schon mit dem ersten Aufsetzen des Flugzeugs viel zu schnell wieder schrumpfenden Menge an Urlaubstagen, nein es lag an der Erkenntnis, dass diese Idylle gar nicht so war, wie ich sie sehen wollte. Und schon klebte dieses Stückchen bitteren Absinths mir auf den Lippen, verfolgte mich mit seinem Geschmack verborgen hinter herrlichsten Erlebnissen und interessantesten Erfahrungen und vergälte mir damit das so lange und heiß Ersehnte. Die Südsee war gar nicht so, wie ich sie sehen wollte.
Freilich war nicht alles so sauber im einzigen Hotel, in dem wir eine Nacht verbrachten, um mal wieder richtig duschen zu können. Das war es aber gar nicht. Daran waren wir auf unseren Reisen gewohnt und empfanden den Luxus in einem Hotelzimmer schlafen zu können, wirklich auch als gnadenvolle Besonderheit. Woher kam das Wasser für unsere ausgiebige Dusche? Hier und jetzt unter dem erfrischenden Strahl der Verschwendung mochte ich gerade mal nicht an die Menschen denken, die sich solchen Luxus nicht leisten konnten auch nicht an den Bauern, für den dieses Wasser, auf die Felder verteilt, lebensnotwendige Nahrungsmittel erzeugt hätte. Nein jetzt gerade nicht. Es war auch nicht dieser verschmierte Spiegel, dessen Bild mich zwar mit juckendem Stoppelbart aber glücklich grinsend wiedergab.
Nein! Aber schlieslich gab es immer öfter mal plötzlich knacksend diese Risse im Spiegelbild, im Bild der Südsee, das wir uns gemacht hatten.

In den kleinen Häfen des Bismarkarchipels, für kurze Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg preusisch stolzer Kolonialbesitz, tummeln sich Jachten und Segler aus den Vereinigten Staaten, schnell mal über Hawai weiter getörnt, deren Einmannbesatzung man allabendlich in den Bars und Bordellen der Siedlung zusammenkommen sieht. Die Südsee lockt mit freier Liebe. Seit Cook und bekannterweise gerade auch bei Gauguin gefestigtes Vorurteil. Nichts wie ein Kratzer im Spiegel.
Erinnerung an das Outback im Nordwesten Australiens. Um den örtlichen Supermarkt herum haben sich bis um 11 Uhr von nah und fern von den Lagerplätzen der Aborigines eine ganze Menge schwerfälliger Gestalten, Männer, Frauen, Kinder niedergelassen. Sie haben sich heran geschleppt, um auf den Verkauf von Alkoholika zu warten. Ausschank nur am Abend an Erwachsene, Verkauf im Geschäft erst ab Nachmittag, der beginnt um 12 Uhr. Mein Spiegel zeigt Risse.
Das Wissen, dass diese Papua am Sepik, nur wenn sie Glück haben, einmal im Jahr mit einer Horde von mit entsalztem Meerwasserfrisch geduschten, mit aus Australien gefroren eingeflogenem Steak wohl genährten Weissgesichtern beglückt werden, die sich aus den Schnellbooten herausquälen, durch den Flussschlick getragen werden, kurz die frisch initiierten Knaben beglotzen dürfen, deren Rücken mit verrosten Rasierklingen und Glasscherben zur Krokodilhaut mutieren soll. Schnell dürfen sie Ihre selbst gebastelten Kettchen und Schnitzereien ausbreiten, um ein paar Cent zum Einkaufen fremdländischer Luxusgüter im Missionsladen zu ergattern. Kein Geld für Moskitonetze und Malariamedizin, an der immer noch jeder dritte dort sterben muss..

Gespannt lauscht meine Nichte und ihre kleine Tochter, die uns heute in das Museum Dahlem begleiten den kleinen lustigen Anekdoten meiner Frau, die über unsere Reisen erzählt.
Wir wollen es noch einmal besuchen, bevor es dann in den ganz neu retro im barocken Stil wieder aufgebauten Stadtpalast in Berlin umziehen soll. Lange wird alles in Kisten verborgen bleiben. Wie können dort hinter den unechten Baukulissen unserer eigenen Vergangenheit dort die einzigartigen noch echten Dinge anderer Welten ihren jetzigen mystischen Charme bewahren?
„ Nicht an den Tauen ziehen!“ meint der Aufseher zu meiner kleinen Großnichte. Noch immer darf man auf die alten Südseeboote hinauf steigen, mit denen die Menschen aus Südostasien die polynesischen Welten entdeckt und besiedelt haben. Noch immer darf man im Dunkel der palmblattgedeckten Häuser Verstecken spielen. Einfach ein tolles Museum! Kinderträume scheinen sich zu erfüllen. Auch ich meine das Glucksen der Wellen zu hören, die sich am Bootsrumpf leise brechen, höre im Hintergrund aus Lautsprechern dunkle Trommel-rythmen, sehe auf Monitoren mir bekannte Kulthandlungen. Träume spielen sich ab. Realitäten durchdringen sich. Spiegelbilder im Vitrinenglas. Wirklichkeiten, Bilder, Träume...
1
1
Einem Mitglied gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Lesen Sie auch die Bildkommentare zum Beitrag
2 Kommentare
2.412
Romi Romberg aus Berlin | 26.08.2015 | 21:40  
593
www.maskenmuseum.de michael stöhr aus Diedorf | 02.09.2015 | 08:37  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.