Die sieben Gesichter des Kammerjecken

 

Haarig ist das Narrenleben im Norden

"Hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz', und wenn die Katz' it hoorig isch, dann fängt sie keine Mäuse nicht! Hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz'." Dieser Narrenspruch, von Kindesbeinen an zu den sechs tollen Tagen vor Aschermittwoch ständig und überall hinausposaunt, ist für mich der Inbegriff von Karneval, Fasching, oder wie wir im Südwesten sagen, von Fastnacht. Wenn ich mich daran erinnere, kribbelt es mir schon in Bauch und Beinen, schon beim bloßen Gedanken duftet es um mich herum ganz unwillkürlich nach krossen Brezeln, röschen Wecken und sauguten heißen Würsten.

Obschon ich bald ein halbes Jahrhundert am Schmotzige Dunschtig, dem badischen Nationalfeiertag in der Fasnet, nicht mehr am Marktbrückle in der Meßkircher Altstadt unterm alten Rathausbalkon gestanden, geschrien und mit den Händen nach den an Schnüren herabbaumelnden Würsten geangelt und geschnappt habe. War das immer ein Spaß. Was haben wir den Augenblick herbeigesehnt, bis am späten Vormittag der Narrenruf jeglichen schulischen Ambitionen ein jähes Ende bereitete. Dann gab es kein Halten mehr. Ein gnadenloser Sturzbach an Jungen und Mädchen ergoss sich in Sekunden in die Flure, schoss durch das Treppenhaus und flutete die enge abschüssige Gasse, die zum Marktbrückle am Rathaus führt. War das ein Gebrodel unterm Rathausbalkon, als würde sich ein Vulkan gleich mächtig Luft verschaffen wollen. Dabei ging es bei diesem kultigen Spaß um ein ganz banales Wurstschnappen. Aber uns Kindern bereitete dies einen wahnsinnigen Spaß.

Normalerweise verblassen Erinnerungen über die Jahrzehnte. Aber die Bilder dieses Vergnügens tauchen jedesmal am Donnerstag vor Rosenmontag ganz ungefragt aus der Versenkung wieder auf und ziehen mich in ihren Bann, als wäre es gestern gewesen. Und nicht vor einem halben Jahrhundert. Ein normaler Gruß ist in jenen Tagen tabu gewesen. Auf ein Narri gibt es im Südwesten nur ein Narro zur Antwort, und daheim in Meßkirch balancierte jeder zwischendurch immer ein Hoorig zwischen den Lippen. So begrüßten und erkannten sich Meßkircher bei Fasnetsumzügen und Narrentreffen im gesamten Bodenseegebiet und von Oberschwaben bis hinüber in den Schwarzwald. Hoorig ist lokale Identität, ist für mich ein schlichter, aber unvergesslicher Lockruf der Heimat. Nichts Bedeutungsschweres, nur eine simple Bewandtnis: Aus den zahllosen Figuren des Fasnachtsbrauchtums stechen die Meßkircher Katzen hervor, mit ihrem wunderschönen schwarz-weißen Häs, was so viel wie Kostüm bedeutet, ihrer hölzernen Katzenlarve als Maske und einem herrlich weißen Rüschenkragen.

Im Norden hingegen würde mich jeder beim Hoorig-Schreien schnell und schmerzlos einer geschlossenen Anstalt überstellen. Dabei geht es meinem Gemüt wie einer hoorigen Katze. Es ist putzmunter und gesund. Haarig wird es erst, wenn sich bei der Katze das Fell lichtet und im gleichen Atemzug ihr Elan schwindet, Mäusen den Garaus zu machen. Und weil es so haarig ist mit dem Hoorig-Rufen im Norden, und ich nun auch schon in die Jahre gekommen bin und bisweilen Mut und Kraft fehlen, mit dem eigenen und nicht leichten Fasnets-Kostüms, das wie ein Schellenbaum anmutet, allein durch Einkaufszentren zu hopsen und mich zum Affen zu machen, bleibt nur das Kammerspiel übrig: Davon zeugen auf den Fotos die sieben Gesichter des Kammerjecken. Was das ist? Nun, da Straßenfasnet oder Straßenkarneval im Alleingang eine langweilige Farce ist und in dieser fünften Jahreszeit auch noch der Braunschweiger Schoduvel aus Sicherheitsgründen abgesagt werden musste, überlebt die Fasnets-Emotion nur als Kammerspiel in den eigenen vier Wänden.

Hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz', und wenn die Katz' it hoorig isch, dann fängt sie keine Mäuse nicht! Hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz'." Und heute Nacht ist schon wieder alles vorbei und wartet, eingemottet im Schrank, auf die Wiederbelebung in Jahresfrist.
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2 Kommentare
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Maren Schütz aus Garbsen | 17.02.2015 | 22:59  
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Katja Woidtke aus Langenhagen | 18.02.2015 | 07:45  
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