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Spreche ich etwa chinesisch?

Wohin mit Goethe?
 
Frau Chattering schiebt Goethe durch die Tür.
Es hat klingelt. Hans öffnet die Tür. Noch ehe er etwas sagen kann, legt Frau Chattering schon los:
„Ach, Herr Ebenkuhl, sie sind meine letzte Hoffnung. Der Heinrich, was mein derzeitiger Freund ist, hat mich kurzfristig auf ‘ne Mittelmeer Kreuzfahrt eingeladen. Morgenfrüh um sechs geht es los. Nur wo bleibe ich mit Goethe“. Sie holt kurz Luft. Eine Gelegenheit für Hans, auch einmal zu Wort zu kommen.
„Wieso Goethe, der ist doch längst tot.“
„Spotten sie nicht, Herr Ebenkuhl“, rattert da das Maschinengewehr wieder los. „Nicht der Goethe, sondern mein Goethe. Ach der ist doch allerliebst, der Große, und wie der sich benimmt. Der nimmt nichts vom Tisch, sondern wartet geduldig, bis was runter fällt. Das ist dann Seins. Ist ja klar. Das brauche ich dann nicht aufzuheben. Der bettelt nicht, würde ich ja auch nie dulden. Der meldet sich, wenn er mal raus muss. Ja, und beim Fressen ist er so bescheiden. Ein Becher Hundefutter, das reicht ihm für den ganzen Tag. Ja, und mit was zwischen drin ist nichts. Da geht gar nichts. Und wie schlau der ist. Mit dem kann man sprechen, wie mit einem Menschen.“
„Au Backe“, meldet sich Franz jetzt leise. „Hans, pass bloß auf, da kommt was auf dich zu. Denk an Mathilde!“
Aber die Chattering redet weiter ohne Punkt und Komma.. „Der wird eine Bereicherung für ihr bescheidenes Leben. Goethe wird ihnen richtig Freude bereiten. Ja und es ist ja so gesund, drei Mal am Tag muss er raus, mindestens für 1 Stunde. Das Beste dabei ist, sie kommen dann auch täglich an die frische Luft. Weil, wissen sie, Goethe braucht das.“
„Aber Frau Chattering“, Hans wollte höflich ablehnen. Aber schon kommt sie ihm wieder zuvor: „Ach, ich danke ihnen. Das ist ja wirklich nett. Ich wusste, dass ich mich auf sie verlassen kann. Sie sind ja ein so feiner, verständnisvoller und hilfsbereiter Mensch.“ Damit zieht sie Goethe, einen moppeligen, kleinen Mischling, hinter einem Mauervorsprung hervor und schiebt ihn wie selbstverständlich an Hans vorbei in die Wohnung, „Danke nochmal, Danke“, und schon war sie weg. Traurig sieht Goethe ihr nach. Hinter dem Vorsprung fand Hans was der Hund nötig hatte.
„Mann, Hans, Was hast du dir da aufhalsen lassen, und ich habe dich noch gewarnt“, meldet sich Franz wieder. „Wie bringst du das nur deiner Mathilde bei?“
Als wäre das ihr Stichwort gewesen, kommt diese aus dem Esszimmer in den Flur. „Abendbrot ist fertig. Übrigens, wer war das? Und wer ist das?“
„Das ist Goethe, der Hund von Frau Chattering. Die ist gerade los auf Kreuzfahrt und wusste nicht, wohin mit ihm. Da ist man doch als Nachbar gefragt. Da hilft man doch gerne. Da ist man ja fast zu verpflichtet.“
„Und wie stellst du dir das alles vor? Auf mich kannst du da nicht zählen.“
„Ach das mach ich schon“, sagt Hans schnell, froh dass er so glimpflich davon gekommen ist. „Gassi gehen und füttern ist ja kein Problem.“
„Wie du meinst. Aber ohne mich. Komm lass uns Abendbrot essen. Aber der Hund bleibt weg vom Tisch.“
Hans weist Goethe einen Platz in der entferntesten Ecke zu. Der legt sich auch prompt dahin. Kaum jedoch sitzt Hans am Tisch und beginnt sein Brot zu schmieren, da ragt auch schon Goethes Schnauze fast bis Oberkante Tisch.
„Ich denke, du bettelst nicht. Leg dich also wieder in deine Ecke.“
Doch Goethe reagiert nicht. „ Mach Platz“, befiehlt Hans ärgerlich. Doch Goethe tut, als würde ihn das alles nicht angehen.
„Platz jetzt, mach jetzt endlich Platz“, schreit Hans voll Wut. Goethes Schnauze rührt sich nicht vom Fleck.
„Was bist du bloß für ein blöder Hund“, schreit Hans. „Sprech‘ ich etwa chinesisch?“
Goethe hebt den Kopf: „Das nicht“, bellt er zurück. „Aber auch nicht hündisch.“
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