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Fachkräftemangel

Wunstorf: Wunstorf City | Die Sonne brannte gnadenlos vom stahlblauen Himmel, die Menschen flanierten halb-nackig durch Wunstorfs Fußgängerzone und Ludwig tupfte sich mit einem altmodischen Stofftaschentuch schnaufend die Schweißperlen von der Stirn.
„Wüsstest du auf Anhieb, was ein Orthoptist ist?“, fragte ich ihn, nachdem wir uns ein kühles, alkoholfreies Weizenbier beim Italiener am Brunnen bestellt hatten. “Oder ein Geomatiker?“

Ludwig zuckte mit den Schultern und nahm sein Bier in Empfang. „Wozu sollte ich das wissen wollen? Willst du wieder einsteigen? Ich dachte, du seist froh endlich deine Rente genießen zu können.“
Ich winkte ab und prostete ihm zu.“ Mein Enkel sollte das für die Schule im Internet recherchieren und da hat er mich dann gleich – geistig neureich – vorgeführt. Es gibt jetzt anscheinend für jeden noch so harmlose Arbeit `ne tolle Bezeichnung. Wer früher Vertreter war ist jetzt Referent und wer im Lager Sachen eingeräumt hat ist jetzt Fachkraft für Lagerlogistik. Hört sich doch gut an.“
Vor der Apotheke quälte ein Straßenmusikant auf grausame Art ein Akkordeon und sang dazu russische Weisen.
„Dann ist der da bestimmt ein Mobiler-Open-Air-Entertainer“, brummte Ludwig und betupfte wieder seine Stirn.
„Eher `ne Fachkraft für akustische Grausamkeiten“, fiel mir spontan ein. „Die armen Angestellten in den Geschäften tun mir leid, weil die sich das den ganzen Tag anhören müssen.“
Wir erfanden noch ein paar weitere Berufsbezeichnungen bis Ludwig plötzlich, todernst, sagte, dass er sich als Biber-Beauftragter beworben habe.
„Was hast du gemacht?“, fragte ich und war froh, dass das Glas in meiner Hand schon halb leer getrunken war.
„Ich hab mich als Biber-Beauftragter des Landes Niedersachsen beworben.“ Er legte einen Zeitungsartikel auf den Tisch um die Bedeutung seiner Aussage noch ein wenig zu bekräftigen.
„Biber-Beauftragter? Was soll das denn sein? Muss man da den Bibern bei Behördengängen helfen, die Formulare auszufüllen?“
Ludwig verzog die Mundwinkel und tippte mit dem Zeigefinger auf das Papier. “Wer keine Ahnung hat kann wenigstens lesen, bevor er Müll erzählt. Das ist echt ein total wichtiger Job. Die Biber……“
„Du veräppelst mich jetzt“, unterbrach ich ihn. „Mag ja sein, dass es so einen Job gibt und dass er wichtig ist, aber du hast doch nicht wirklich vor……..
Er lächelte wie ein Buddha und prostete mir schweißtriefend zu.
„Vielleicht werde ich auch Pferdeflüsterer oder Zitronenfalter.“
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 11.08.2013 | 18:25  
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