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Neulich am Glühweinstand

Warte auf meinen Einsatz
Wunstorf: Lange Straße | Irgendwie kam ich mir komisch vor, so an einem helllichten Freitagmorgen an der Glühweinbude auf dem Wunstorfer Weihnachtsmarkt.
Aber zum Glück gab es ja auch alkoholfreien Punsch.
Ludwig kam mit zwei Plastiktüten beladen, vom Rathaus her,auf mich zugewackelt.
„Na, haste dir schon einen genehmigt“, sagte er breit grinsend und deutete auf mein halbleeres, dampfendes Glas. „Ganz schön kalt, wah.“
Er bestellte sich einen Glühwein mit Nüssen und inspizierte mein Glas.
„Was ist das denn?“ fragte er verwundert. „Kinderpunsch?“
Ich nickte. „Ich kann doch nicht hier in aller Herrgottsfrüh mitten in der Stadt Alkohol in mich reinschütten. Was sollen die Leute denn denken.“
Ludwig brüllte laut auf. „Oh Mann, was ist bloß aus dir geworden.“ Er klopfte mir auf die Schulter und schüttelte den Kopf. „So`n richtiger Spießer! Was soll`n die Leute denn denken“, äffte er mich nach und nahm seinen Glühwein in Empfang.“ Bist ja schon fast wie die meisten Jugendlichen heute.“
Er nestelte einen Zeitungsabschnitt aus seiner Jackentasche und reichte ihn mir. „ Jugendliche werden immer spießiger “ lautete die Überschrift des kurzen Artikels über eine Studie des Emnid Instituts, bei der festgestellt worden war, dass viele Jugendliche hauptsächlich Wert auf ihr Äußeres und den Besitz von Statussymbolen legten, im Gegensatz zu vielen Eltern oder gar Großeltern aus der Hippie- und Achtundsechziger Generation.

„Die haben sich aber in einem Punkt geirrt“, legte Ludwig nach zwei kräftigen Schlucken wieder los. „Die einst so revolutionären Opas und Omas sind inzwischen auch zu Spießern verkommen, wie man an dir Kinderpunschtrinker ja zweifellos erkennen kann. Outdoorjacke mit Wolfstatze und Angst davor, was die Leute denken könnten sind ja nicht gerade die Ideale der Revolutionäre, oder.“
Ludwig hatte mal wieder einen Clown gefrühstückt, das war klar, aber irgendwie war mir doch ein bisschen unwohl mit dem Kindergebräu und so bestellte ich mir demonstrativ einen Glühwein mit Schuss, - um 11 Uhr morgens mitten in Wunstorf.

Ludwig grinste wie ein Honigkuchenpferd und gackerte: „ So ist`s recht, alter Mann. Was scheren uns die Leute?“ Er donnerte sein Glas an meines und sagte: “Auf die spießigen Jugendlichen.“ Und dann erzählte er mir, dass er, zwei Tage zuvor, in der Pause auf dem Aue-Damm an einer Schule vorbei gelaufen sei und da hätten sich zwei Jungs, wie er sagte, so richtig in die Wolle gekriegt.
Der Eine habe den Anderen geboxt und der habe sich gewehrt, indem er den Boxer am Pullover zu Boden gerissen habe. Es sei nicht viel passiert und es sei auch kein Blut geflossen, aber der Eine habe ein großes Loch im Pullover gehabt, als er wieder aufstand.
Und dann habe er, Ludwig, ihn gehört, - den Satz, der das Ergebnis der Studie so herrlich belegte.
Der Junge mit dem kaputten Pullover habe laut aufgeschrieen und gerufen: „ Das war Kashmir, du Idiot.!“
Nach zwei weiteren Glühweinen ging ich beswingt nach Hause.
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1 Kommentar
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 15.12.2011 | 22:14  
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