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Braunschweig-Wolfenbüttel als Wiege der modernen Normung - Herzog Carl I. hatte eine Herz für Trinker!

Herzog Julius
 
Stark unterbemessene Braunschweiger Weinflasche um 1775
Wolfenbüttel: Schlossplatz | Bekannt ist, dass schon die Pharaonen die Steinquader ihrer Pyramiden in unglaublicher Präzision fertigen ließen und auch die alten Römer die Spurbreite ihrer Fahrzeuge halbwegs normen mussten, damit diese die Trittsteine beispielsweise im Luxus-Badeort Pompeji, wo diese ähnlich unserem heutigen Zebrastreifen zur Überquerung von Straßen dienten, ungehindert passieren konnten. Doch das waren Hochkulturen und diese Zeiten liegen Jahrtausende zurück.

Ein Herzog als Waffen-Pionier

Während man aber in den sogenannten Bauernkriegen noch mit Dreschflegeln aufeinander einschlug, wandelte sich nur wenig später das kämpferische Getümmel „dank“ eines innovativen Braunschweiger Herzogs in recht modern anmutende Waffentechnik.
Julius (* 29. Juni 1528 in Wolfenbüttel; † 3. Mai 1589 ebenda), Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel, regierte von 1568 bis zu seinem Tode 1589 und gilt als einer der bedeutendsten Herrscher seines Fürstentums. Er heiratete 1560 Hedwig von Brandenburg (1540–1602), eine Tochter des Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg.
Fürst Julius verstand schnell, dass man mit Kriegsgerät Geld verdienen konnte und bot völlig neuartige Kanonenkugeln an. Diese Schlackekugeln ließ er in einheitliche zweiteilige Formen gleicher Gestalt gießen und einige Serien mit dem Monogramm H J, wohl für Herzog Julius (das H könnte aber auch für seine Gattin Hedwig stehen, behaupten andere Autoren) und der Jahreszahl 1575 markieren. Sie wurden in enormer Stückzahl insbesondere in seiner ehemaligen Residenz-Stadt Wolfenbüttel gefunden, sogar als Straßenpflaster.
Er war zwar ein äußerst geschäftstüchtiger Wirtschaftsführer im neuen Geiste des Merkantilismus, aber die Kugeln aus der zweiteiligen Form „floppten“, denn sie waren nicht hart genug um Mauern zu sprengen, so blieb man letztlich auf Tausenden der Geschosse aus Schlacke sitzen.
Besonders wichtig waren ihm und auch seinem Nachfolger Sohn Heinrich Julius aber auch der Ausbau der Residenzstadt Wolfenbüttel. Sogar Grachten ließ Julius von niederländischen Experten anlegen; heutzutage existiert nur noch das sogenannte Relikt "Klein Venedig". Tiefgestaffelte Befestigungsanlagen mit Wällen und Bastionen, dreistöckige Kasematten, mit einer Garnison von 3.000 Soldaten besetzt, sollten ferner potenzielle Belagerer abschrecken. Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges war Wolfenbüttel letztlich die stärkste Festung in Norddeutschland.


Herzog Carl - Weinkenner und Wirtschaftsförderer

Offenbar aber war diese einfache Form der Normung von Kriegsgerät nicht vollständig in Vergessenheit geraten, als sich ein späterer Nachfolger, Carl I., mit unliebsamen Beschwerden seinen trinkfreudigen Untertanen konfrontiert sah. Die Zecher waren es nämlich leid, ständig Schankbetrug aus unterbemessenen Weinflaschen zu erfahren. Es muss für den Weinliebhaber und Schöngeist Carl wohl tatsächlich eine Herzensangelegenheit gewesen sein, hier endlich für Abhilfe zu sorgen, denn bereits um das Weihnachtsfest 1749 ordnete er an, dass künftig in seinem Herzogtum nur noch Weinflaschen verwendet werden dürfen, die sein fürstliches Spiegel-Monogramm trugen und in eine zweiteilige Metallform zu blasen wären. Auch hier war es ein früher Versuch zu normen, auch wenn es um eine lapidare Glasverpackung ging! Nicht gerade uneigennützig gestattete man natürlich, „auswärtige“ Bestellungen in abweichenden Formen und Maßen zu fertigen. Diese sogenannten „Mogel-Flaschen“ wurden zwar auch in eine Halbform ohne das fürstliche CC geblasen, aber der Boden so tief eingestochen, dass das Volumen viel zu gering war. Der Konsument wurde also wörtlich „hinters Licht geführt“, insbesondere wenn Rotwein der Inhalt war. (siehe Foto „Braunschweiger Mogelflasche“).
Wirtschaftsförderer Carl hatte ohnehin stets große Pläne. Ob es der Weinbau, die Seidenraupenzucht, das Hüttenwesen oder die Porzellanmanufaktur Fürstenberg war, viele Projekte betrieb der Regent mit großem Eifer, wenngleich nicht immer mit Erfolg.
Genormte Dinge gehören inzwischen schon lange Zeit zu unserem Alltag und erleichtern den Menschen viele Arbeitsabläufe oder garantieren uns beispielsweise beim Einkauf Verpackungen mit präzisen, immer gleichen Mengen. Das Braunschweig einst eine Keimzelle der modernen Normung war, sollten wir dabei aber nicht vergessen.
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2 Kommentare
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History 4 free aus Peine | 26.09.2019 | 06:30  
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Romi Romberg aus Berlin | 26.09.2019 | 10:42  
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