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Musikschule Wertingen: Herausragendes Musikerlebnis im Schloss

Raphaela Gromes (Violoncello) und Julian Riem (Klavier) verzauberten das Publikum beim Konzert im Wertinger Schloss.
  von Christian Kaufmann

Zu einer schönen Tradition geworden ist inzwischen das Gastspiel des Duos Raphaela Gromes (Violoncello) und Julian Riem (Klavier) in Wertingen an einem Abend des Juni. Heuer fand das Konzert erstmals an einem Sonntag und im Festsaal des Schlosses statt – die im Vergleich zu den Vorjahren viel zahlreicheren Zuhörer dankten dies.



Die 2016 mit dem Preis des Deutschen Musikrates ausgezeichnete Cellistin und der renommierte Pianist begannen den ansonsten ausschließlich Sonaten gewidmeten Konzertabend mit dem „Adagio und Allegro“ von Robert Schumann – in mehrfachem Sinn eine programmatische Eröffnung: Das Adagio setzt ein wie ein Abendlied, das Erinnerungen besingt, in dem altes Leid anklingt, doch sogleich versöhnlicher Rückblick überwiegt. Das Allegro lebt von immer neuen fragenden, drängenden, bestärkenden Sprachgesten. So zeichnen sich alle Werke des Abends in der Interpretation von Gromes und Riem durch einen hohen Anteil liedhafter Passagen aus, sind alle virtuosen Passagen einbezogen in ein nie abreißendes Gespräch.

Verschiedene Facetten eines Erlebens

Im Mittelpunkt des ersten Teils stand die Sonate in a-Moll, „Arpeggione“ von Franz Schubert, der erste Satz wurde zum ersten Höhepunkt des Konzerts: So unterschiedlich die Melodien auch auf den ersten Blick scheinen, für das Duo zeigen sie verschiedene Facetten eines Erlebens, einer Persönlichkeit. Gromes und Riem verleihen mittels in vollkommener Einigkeit gestalteter Temponuancen, Dynamikabstufungen und Klangschattierungen den Themen und Entwicklungsteilen einen Atem, einen Geist. Nie exaltiert, stets introvertiert und zugleich transparent leisten sie den Beweis, dass Schuberts Romantik in der Wiener Klassik verwurzelt, die Rede vom klassisch-romantischen Zeitalter berechtigt ist.

Der zweite Satz führt in eine Traumwelt: Glasklare Glockenklänge des Klaviers werden in der – durch die unendliche, in geheimnisvollem Piano doch den Raum füllende Melodie des Violoncello geleiteten – Phantasie des Hörers zu den Glocken einer versunkenen Kirche oder des Landes, durch das der Schubertsche Wanderer zieht, in dem er aber keine Heimat finden kann.
In weiterem Sinn rondoartig, verspielt löst sich der dritte Satz nicht ganz vom Traum oder, anders gesagt, reißt den Hörer nicht ganz aus dem Traum. Auch in der hohen Lage, die das für das namensgebende Instrument mit höherem Tonumfang geschriebene Werk dem Violoncello abverlangt, bleibt der tiefgründige Klang, der französische Streichinstrumente wie Gromes' Vuillaume kennzeichnet, stets erhalten; tänzelndes Spiccato und behutsam eingesetzte grummelnde, fast schon geräuschhafte Klangeffekte dienen dem vielfältigen Ausdruck.

Überwältigender Eindruck

Nach der Pause dann wird der Träumende aufgeschreckt: Herbe, brüchige, trockene, flüchtige Klänge und die hereinbrechende Atonalität spiegeln im „Prologue“ von Claude Debussys 1915 komponierter Sonate für Violoncello und Klavier die Orientierungslosigkeit und das Ringen mit dem Abgestumpften und Abstumpfenden ihrer Zeit wider. So überwältigend dieser Eindruck gewesen ist, so überraschend zieht im attacca folgenden Satz „Serenade et Final“ ein immer wieder neu erstehendes, bald sirrendes, bald perlendes Spiel den Hörer in seinen Bann.

Dialog der Künstler

Einen zweiten Höhepunkt erreichte das Konzert mit dem Kopfsatz der Sonate in A-Dur von César Franck: Der Vortrag kehrt zur Romantik zurück, die nach dem mit Debussy zurückgelegten Weg anders, gereifter, aber auch dramatischer und intensiver geworden ist. Wieder treten Raphaela Gromes und Julian Riem in intimsten Dialog: Durcheilt das Klavier Kaskaden, spannt das Violoncello einen Melodiebogen darüber. Spricht das Violoncello in Fragen, begleitet, besänftigt und bestärkt es das Klavier. Dann beben beide, Instrument und bravourösen Instrumentalisten alles an Geläufigkeit und Klangvolumen abverlangend, vor Erregung. In Recitativo und Fantasia erweisen sich die Musiker einmal mehr als Meister einer kraft höchst differenzierter Artikulation erzählenden und schildernden Ton-Sprache.
Der Allegretto-Schlusssatz schlägt den Bogen zu Schumanns Liedgesang. Unvergesslich vor allem in den immer wieder kurz aufblühenden Dur-Wendungen, gibt er dem Hörer (nochmals) Gelegenheit, in die Welt, die die Musik eröffnet, einzutreten und ein Gespür für die Tiefe des Erlebens, die Echtheit des Ausdrucks und die innige Verbundenheit, die das Duo auszeichnen, in den Alltag mitzunehmen.

Mit einer passenderen Zugabe als Edward Elgars „Chanson de Nuit“ hätten sich Gromes und Riem für den begeisterten Applaus nicht bedanken können.
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