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„...der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn!“

Freundlicher Empfang in Gräfenhainichen
 
Aufmerksame ZuhörerInnen in der Paul-Gerhardt-Kapelle
 
Die Vorsitzende des Paul-Gerhardt-Freundeskreises in historischer Kleidung
40 Reisende aus den Gemeinden Wennigsen, Gehrden und Bredenbeck waren Mitte Oktober fünf Tage in Gräfenhainichen, Wittenberg und Lübben (Spreewald), - drei Orte, die das Leben des Liederdichters Paul Gerhardt (1607-1676) geprägt haben.

In seinem Geburtsort Gräfenhainichen wurden sie vor der Paul-Gerhardt-Kapelle mit Trompetenklängen zu "Geh aus mein Herz ...." und anderen bekannten Chorälen begrüßt. Die Vorsitzende des Paul-Gerhardt-Freundeskreises, Wilma Deißner, empfing die Reisenden in der Kleidung einer wohlhabenden Zeitgenossin des Liederdichters.

Die Kapelle, die im 19. Jhdt zu seinen Ehren errichtet wurde, haben Mitglieder des Paul-Gerhardt-Freundeskreises zu einem kleinen Museum umgestaltet. Gesangbücher, Bilder und Schautafeln, die seinen Lebensweg erläutern, ein Pfarrergewand, das er getragen haben soll, ein Modell seines Elternhauses mit land- und gastwirtschaftlicher Hofstelle lassen auf ein Leben schließen, das geografisch auf die Provinzen Anhalt, Brandenburg und Kursachsen begrenzt war. Aber gleichzeitig verdeutlichen die ausgestellten Gegenstände die geistliche Weitherzigkeit, die sich in Gerhardts Liedern ausdrückt, - ebenso wie die weltumspannende Wirkung seiner Dank-, Lob - und Trostlieder: "... der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann...."

Wilma Deißner erzählte der Gruppe von japanischen, amerikanischen und von Besuchergruppen anderer Nationalitäten, von einem ukrainischen Maler, der ein Portrait des Dichters vor dem Panorama Gräfenhainichens gemalt und es der Kapelle zum Geschenk gemacht habe. "Paul Gerhardt gehört nicht den Deutschen allein, sondern der ganzen weltweiten Christenheit", zitierte sie einen von seinen Liedern berührten Anhänger. Gesangbücher mit seinen Chorälen in finnischer, estnischer, in Suaheli oder chinesischer Sprache belegen das.

Beim Spaziergang durch die gemütliche Kleinstadt fielen den Besuchern Tafeln an exponierten Stellen des Ortes auf. Sie zeigen Paul Gerhardt und einige seiner Liedertexte in Deutsch, Englisch oder Französisch. In den frühen neunziger Jahren habe man sie dort angebracht. Sie verdrängten jene Parolen, die vierzig Jahre lang die deutsch-sowjetische Freundschaft oder den Sieg des Sozialismus priesen und schufen so dem Gotteslob "Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust..." und anderen Kirchenliedern Platz.

Dass es einer hartnäckigen Überredungskunst bedurft habe, um den damaligen PDS - Bürgermeister davon zu überzeugen, christliche Verse in der Stadt sichtbar zu machen, verschwieg die Vorsitzende des Freundeskreises nicht. Letztendlich trafen sich aber touristische mit geistlichen Interessen. Denn dass Paul Gerhardt auch zu einem Motor des wirtschaftlichen Aufschwungs in der kleinen sachsen-anhaltinischen Gemeinde werden könnte, sahen die Stadtväter und - mütter nach der Wende sehr bald ein.

In der Stadtkirche Gräfenhainichens trafen die Calenberger die Pfarrerin der Gemeinde, Angelika Schiller-Bechert. Sie beeindruckte mit ihrem zuversichtlichen und engagierten Bericht über die heutige Situation der Kirche in Mitteldeutschland. So versuche sie, die sieben Gemeinden, die sie betreue, auch mit unkonventionellen kirchlichen Angeboten zusammen zu halten, ohne in die Klagen darüber einzustimmen, dass nach der Wende viele Menschen ihr Interesse an der Kirche verloren hätten. "Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit..." könnte Paul Gerhardt ihr als Ermutigung mit auf den Weg durch Zeit und Ewigkeit gegeben haben: im Wechsel der Zeiten bleibt es gut, sich an die beständige Gegenwart Gottes zu halten!

Wer Gräfenhainichen besucht, kommt an „Ferropolis“ nicht vorbei. Diese „Stadt aus Eisen“ ist ein stählernes Museum, das beherrscht wird von fünf riesigen Schaufelbaggern. Die stehen da wie eiserne Dinosaurier aus einem Zeitalter, in dem noch Tausende Bergleute im Tagebau die Braunkohle für die Kraftwerke, Brikettfabriken und Schwelereien in der Umgebung förderten. Eine kundige Begleiterin aus dem Bauhaus Dessau erzählte von entfesselten Industriekräften, sicheren Arbeitsplätzen und von großartigen Leistungen der Arbeiter und Ingenieure, aber auch von dem Industriestaub, der sich auf Hausdächer, Pflanzen und Lungen legte und von den schwer wiegenden Verletzungen gegenüber der Umwelt. Als die mitteldeutsche Braunkohleindustrie 1991 ihre Arbeit einstellte, schufen Menschen vor Ort diesen Themenpark mit einer riesigen Arena vor stählerner Kulisse. Rockkonzerte mit Udo Lindenberg, Peter Maffay und anderen Größen der Popkultur ziehen seitdem die Massen an. Als ein „Expo“ – Projekt wurde "Ferropolis" zu einer weltbekannten Sehenswürdigkeit. Heute kann man in der Dübener Heide und um Gräfenhainichen herum „Berg, Hügel, Tal und Felder“ genießen und sich mit Paul Gerhardts Worten am „Schall“ der „hochbegabten Nachtigall“ erfreuen ohne von dem ohrenbetäubenden Lärm der Riesenbagger erschreckt zu werden.

Der Besuch in der Lutherstadt Wittenberg bot weitere Höhepunkte. Ein gemeinsamer Gottesdienst in der Stadtkirche, eine Führung, die das Jahresthema der ev.-luth. Kirchen "Reformation und Musik" zum Inhalt hatte und ein Abend im Wittenberger Brauhaus gehörten dazu.
An der im 17. Jhdt renommierten theologischen Fakultät der Wittenberger Universität erwarb sich Paul Gerhardt sein theologisches Rüstzeug. Mit ihm verteidigte er später in Berlin seine lutherische Glaubensüberzeugung in den konfessionellen Auseinandersetzungen gegen den calvinistischen Großen Kurfürsten. Auch wenn aus heutiger Sicht die damaligen konfessionellen Unterschiede kaum noch nachvollziehbar sind, ist Paul Gerhardts Mut zum Widerstand gegen Fürstenmacht sowie seine Glaubens- und Gewissensstärke bewundernswert..

Schließlich siegte aber doch die Macht des Fürsten. Paul Gerhardt musste Brandenburg verlassen. Im kursächsischen Lübben nahm man ihn gern auf. Bis zu seinem Tod im Jahre 1676 war er Pfarrer in dem Spreewaldstädtchen, das stark unter dem 30-jährigem Krieg gelitten hatte. Helmut Haß, Mitglied des Lübbener Paul-Gerhardt-Vereins führte die Reisegruppe als Paul Gerhardt gekleidet durch das Lübbener Schloss, durch die Stadt und in die Paul-Gerhardt-Kirche. Vor der Kirche erklang das fröhlich gesungene Morgenlied von der "güldenen Sonne", die der herbstlich-bunten Szene mit "ihrem Glänzen" tatsächlich ein "herzerquickendes, liebliches Licht" verlieh - wie auch der anschließenden Fahrt durch die Kanäle des Spreewaldes mit dem Genuss von Schmalzbroten und Spreewaldgurken.
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