Gedanken beim Vorbeifahren
Was ist uns unsere Heimat wert?

Gestern am 23.06.2026 fahre ich durch die westlichen Wälder von Untermeitingen nach Günzburg. Das Wetter war herrlich, der Himmel blau, und von Weitem sah man wie gewohnt die markante Zwiebelhaube der Wallfahrtskirche Maria Vesperbild. Doch der Blick blieb an etwas anderem hängen: direkt an der Straße ein großer „Mahn-Windpark“ aus Holzmodellen und ein unübersehbares Schild: „10 KM UM Maria Vesperbild KEIN WINDRAD!“.

Dieser Anblick hat mich beschäftigt. Es sind heute meine ganz persönlichen Gedanken, die ich hier teilen möchte – wohlwissend, dass viele von Ihnen, liebe Nachbarn und Mitbürger, die Sache vielleicht ganz anders sehen. Aber genau das ist der Punkt: Dieser Ort zwingt uns zum Nachdenken.

Als ich diese hölzernen Windräder vor der Kulisse der Kirche sah, schossen mir sofort zwei völlig gegensätzliche Gedanken durch den Kopf:

Mein erster Impuls: Volles Verständnis für den Protest. Maria Vesperbild ist nicht irgendein Ort. Es ist ein jahrhundertealtes Kulturgut, ein Rückzugsort für jährlich hunderttausende Pilger, die hier Stille, Trost und spirituelle Kraft suchen. Wenn man sich vorstellt, dass im umliegenden Waldgebiet riesige, über 260 Meter hohe Windkraftanlagen die Baumkronen überragen, verändert das unser Landschaftsbild und die Atmosphäre dieses Ortes radikal. Ist es da „selbstsüchtig“, diesen Ort schützen zu wollen? Ich finde nein. Denkmalschutz, der Erhalt unserer Kulturlandschaft und die Bewahrung von Orten der Ruhe sind zutiefst menschliche und berechtigte Anliegen. Heimat ist schließlich mehr als nur eine Kulisse.

Mein zweiter Impuls: Die Realität der Energiekrise.
Gleichzeitig wissen wir alle, in welcher Zeit wir leben. Der Klimandel ist spürbar, die Energiepreise sind hoch, und wir wollen – und müssen – weg von fossilen Energieträgern. Bayern, und gerade unsere heimische Industrie, braucht dringend sauberen Strom. Wenn wir aber pauschal um jeden schönen Ort, jeden Wald und jede Gemeinde eine 10-Kilometer-Bannmeile ziehen, wo sollen die Windräder dann überhaupt noch stehen? Müssen wir nicht alle bereit sein, einen Teil der Last zu tragen, anstatt das Problem immer nur auf die Nachbarn abzuwälzen?

Und was ist mit dem Stromnetz?
Ein weiteres Argument, das mir oft in Gesprächen begegnet, ging mir durch den Kopf: „Warum überhaupt hier bauen, wenn das Netz den Strom an windigen Tagen gar nicht aufnehmen kann?“ Jeder von uns hat schon von Windrädern gehört, die stillstehen, obwohl der Wind bläst, weil die Leitungen voll sind.

Das ist ein berechtigter Kritikpunkt an der aktuellen Politik. Aber meine persönliche Reflexion dazu ist: Wir können nicht warten, bis das perfekte Netz da ist, um dann erst mit dem Bau von Anlagen zu beginnen. Infrastruktur muss parallel wachsen. Gerade der Süden Deutschlands braucht regionale Erzeugung, um im Winter nicht im Dunkeln zu stehen. Aber die Frage bleibt: Muss es ausgerechnet in dieser Masse direkt vor unserer Haustür sein?

Mancher mag sich nun fragen: Ist das Argument mit den Massen an Pilgern in der heutigen Zeit überhaupt noch haltbar? Wir alle lesen die Nachrichten über historische Rekorde bei den Kirchenaustritten – auch in unserem Bistum Augsburg. Verliert diese Kirche nicht ohnehin rasant an Bedeutung?

Die nackten Zahlen zeigen hier ein erstaunliches Paradoxon. Ja, die Institution Kirche schrumpft. Aber Orte wie Maria Vesperbild scheinen von diesem Trend seltsam entkoppelt zu sein. Mit jährlich fast einer halben Million Besuchern bleibt der Ort ein Publikumsmagnet. Warum? Weil in einer immer unruhigeren Welt die Sehnsucht nach Stille, Natur und persönlicher Einkehr bei den Menschen nicht abnimmt – völlig unabhängig davon, ob sie noch Kirchensteuern zahlen oder nicht. Der Ort funktioniert für viele Menschen als spirituelle Tankstelle im Grünen. Das macht die Debatte so komplex: Wir schützen hier nicht nur eine schrumpfende Institution, sondern einen real existierenden Zufluchtsort für hunderttausende Menschen.“

Es gibt hier keine einfache Wahrheit, kein klares „Richtig“ oder „Falsch“. Der Protest in Maria Vesperbild hält uns einen Spiegel vor und stellt uns eine unbequeme Frage: Wie viel Veränderung unserer Heimat sind wir bereit zu akzeptieren, um unsere Zukunft zu sichern?

Dabei fällt mir eines auf: Eine solche Diskussion soll und darf nicht nur von denjenigen geführt und initiiert werden, die – aus absolut nachvollziehbaren, emotionalen Gründen – gegen ein Projekt sind. Eine lebendige Demokratie lebt vom Austausch aller Perspektiven.

Es reicht nicht, wenn die Befürworter der Energiewende oder diejenigen, die das Projekt pragmatisch als Chance sehen, „wohlig schweigen“. Man darf nicht einfach darauf hoffen, dass die eigene, rationale Beurteilung schon irgendwie von ganz allein in den Köpfen der anderen auftauchen wird. Wenn nur die eine Seite laut ist, entsteht ein verzerrtes Bild. Deshalb mein dringender Wunsch: Auch die Befürworter müssen aufstehen, Gesicht zeigen und ihre Argumente, ihre Sichtweisen und ihre Zukunftsvisionen für unsere Region deutlich machen. Nur im echten, beidseitigen Dialog finden wir tragfähige Kompromisse.

Ich möchte Sie alle dazu anregen, genau darüber nachzudenken:

Wo verläuft für Sie persönlich die Grenze zwischen dem notwendigen Klimaschutz und dem Schutz unserer Identität und Kultur?

Welche Kompromisse – vielleicht ein kleinerer Windpark, der die Sichtachsen der Kirche schont, oder eine direkte finanzielle Beteiligung der Bürger vor Ort – wären für Sie denkbar?

Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung und sprechen Sie darüber. Und wenn Sie eine Position gefunden haben, lassen Sie sie nicht nur am Stammtisch oder in den sozialen Medien verpuffen. Gehen Sie auf unsere regionalen Politiker zu, schreiben Sie den Gemeinderäten, den Kreisräten oder unseren Abgeordneten.

Wir Bürger müssen diesen Diskurs aktiv und von allen Seiten mitgestalten, damit am Ende Entscheidungen getroffen werden, die sowohl unserer Verantwortung für die Umwelt als auch der Liebe zu unserer schwäbischen Heimat gerecht werden.

Bürgerreporter:in:

Wolfgang Weiss aus Untermeitingen

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