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MTV-Dedenhausen-Vorsitzende Angelika Mattern: „Der Demografiewandel macht vor keinem Verein Halt“

Angelika Mattern (zweite von links) geht voran: Auch bei Schnee und Eis ist sie mit ihrer MTV-Walkinggruppe auf Tour. Mit ihr walken Birgit Bollmann (links), Jürgen Bollmann und Claudia Speck. (Foto: Angelika Mattern)
 
Angelika Mattern (vorn Dritte von rechts) mit dem Chor in Aktion beim Konzert 2011. (Foto: Angelika Mattern)
Angelika Mattern steht seit November 2012 dem MTV Dedenhausen von 1907 vor. In der über hundertjährigen Geschichte des Männerturnvereins ist sie die erste Frau an der Spitze des Clubs. Seit 2006 ist sie zudem die Vorsitzende der Chorvereinigung Dedenhausen.



Frau Mattern, was zeichnet die Chorvereinigung Dedenhausen aus? Und wo zwickt es?

Bezeichnend ist, dass die Chorvereinigung trotz ihres fortgeschrittenen Alters immer noch besteht, und als feste Institution in Dedenhausen nicht wegzudenken ist. Dann der Altersunterschied zwischen jung und alt: Unser jüngstes Mitglied ist 18, unser ältestes aktives Mitglied ist 78 Jahre. In jedem Verein gibt es Tiefs, Querelen und menschliche Unzulänglichkeiten, die uns alle dennoch fröhlich weitersingen lassen. Wir sind zwar kein Profichor, aber bei unseren Konzerten präsentieren wir unser breit gefächertes Repertoire. Damit erfreuen wir immer wieder zahlreiche Zuhörer, die uns bestätigen, weiterzumachen. Wo es zwickt? Wir freuen uns über neue Mitglieder, damit es hier nicht mehr zwickt.

Wenn Sie an die Geschichte der Chorvereinigung denken: Welche Errungenschaften waren wichtig?

Die Chorvereinigung ist ein Zusammenschluss des Männergesangvereins Concordia von 1897, des „Kirchenchores“ und des „Flüchtlingschores“. Die Inschrift unserer Fahne lautet:
„Hoch deutscher Wein, hoch deutsche Maid, hoch deutsches Lied für alle Zeit“ war seinerzeit Bekenntnis und Lebensgefühl. Dann kam der Erste Weltkrieg und der Chor musste eine Zwangspause einlegen. Nach dem Krieg wurde mit über 20 Vereinen ein großes Fest gefeiert. Ein Zitat aus der Festrede: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder“. Dann kam der Zweite Weltkrieg und der völlige Zusammenbruch des Dorflebens. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Vereinstätigkeit durch die Besatzungsmacht stark eingeschränkt. Dedenhausen wuchs durch die Flüchtlinge und die ausgebombten Hannoveraner fast um das Doppelte. Alle mussten zusammenrücken und aufeinander Rücksicht nehmen. Da man kein Geld hatte, um Noten zu kaufen, wurden diese per Hand geschrieben oder die Stücke wurden solange geprobt, bis man sie auswendig singen konnte. 1945 wurde der Kirchenchor gegründet. 1947 bildeten die Flüchtlinge einen Flüchtlingschor und pflegten das Liedgut ihrer Heimat. 1948 wurde der Männergesangverein wieder ins Leben gerufen und 1958 wurden die drei Chöre zur Chorvereinigung Dedenhausen zusammengeführt.
Aufgabe des Vereins war es von jeher die Pflege und Ausbreitung der geistlichen und weltlichen Chormusik aus alter und neuer Zeit. (Einige Passagen sind Zitate aus unserer Festschrift zum 100-jährigen Bestehen.)

Was zeichnet den MTV aus?

Der MTV existiert inzwischen mehr als 100 Jahre und hat beide Weltkriege er- und überlebt. Bezeichnend ist, dass sich der MTV stets als eine große Familie gesehen hat und immer noch sieht, auch wenn es mal Querelen und menschliche Unzulänglichkeiten gab und gibt.
Für die Vorstandsarbeit finden sich immer wieder Mitglieder, die den Verein mit ihren Ideen und ihrer tatkräftigen Unterstützung (finanziell, handwerklich, ehrenamtlich) bereichern. Auch in der zweiten und dritten Reihe können wir uns auf unsere Mitglieder verlassen.
Auch bei uns zwickt und zwackt es wie in allen anderen Vereinen beim Verwaltungskram. Uns Ehrenamtlichen wird viel zu viel Verwaltungsarbeit auferlegt und auch erwartet, dass wir technisch auf dem neuesten Stand sind. Z. B. wird ja zurzeit bzw. schon länger das einheitliche SEPA-Lastschriftenverfahren für Unternehmen und Vereine eingeführt. Ich kann Ihnen gerne einmal die Checkliste zeigen, worum wir kleinen Vereine uns alles kümmern müssen. Dank meiner beruflichen Kenntnisse und meines eigenen kleinen Unternehmens sind mir viele Dinge bekannt. Aber das ist ja nicht in jedem Verein der Fall.
Und wo es noch zwickt? Ja, auch wie in allen anderen Vereinen: Die Mitglieder schwinden. Das Freizeitangebot ist enorm, alternativ wird oft der Weg ins Fitnessstudio gewählt. Junge Menschen ziehen meist nach Ihrem Studium und wegen ihres Berufs weg.

Was haben Sie sich für Ihre Amtszeit beim MTV auf die Fahnen geschrieben?

Die bisherige gute Vorstandsarbeit meiner Vorgänger gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen auf jeden Fall fortzuführen. Im Sinne der großen Familie, neue Mitglieder zu gewinnen, die bisherigen Sparten zu fördern und unterstützen sowie den Verein durch neue Sportangebote attraktiv zu halten.

Viele Vereine beklagen das fehlende Engagement des Nachwuchses. Welche Beobachtungen machen Sie beim MTV?

Das fehlende Engagement des Nachwuchses rührt daher, dass es enorm viele Freizeitangebote für die Jugendlichen außerhalb des MTV gibt und dass neben Schule, Studium, Computer, Fernsehen usw. wenig Zeit bleibt, den Verein durch aktive Mitarbeit zu unterstützen oder gar in diesem Sport zu treiben. Eltern, die wenig Bezug zu Vereinen haben, können dies ihren Kindern auch nicht unbedingt vermitteln.
Da wir hier auf dem Dorf leben, kennt jeder jeden. Deshalb läuft es bei uns noch gut. Wir haben zwei eigene Jugendtrainer – wobei die Fußballjugend zu einer Spielgemeinschaft zusammengeschlossen ist. Unsere Kinderturngruppen werden ebenfalls von jungen Frauen betreut. Unser Jugendwart ist gerade 19 Jahre, unser Kassenwart 24 Jahre jung.
Wir in Dedenhausen können uns über dieses Engagement unseres Nachwuchses glücklich schätzen.

Und welche bei der Chorvereinigung?

Bei der Chorvereinigung ist das ähnlich. Junge Menschen mögen sich nicht festlegen, jeden Dienstag um 20 Uhr in die Gaststätte Zum Bahnhof zum Singen zu gehen. Doch das beobachte ich nicht nur bei jungen Menschen, auch beim sogenannten Mittelalter ist das der Fall. Den ganzen Tag arbeiten, private Verpflichtungen, da bleibt nur noch wenig Zeit für einen Verein. Aber ich bin da guter Dinge. Unser jüngster Sänger ist 18 Jahre – vielleicht macht das gerade Schule.

Welche Veranstaltungen haben Sie in diesem Jahr mit der der Chorvereinigung geplant?
Zum einen treffen wir uns regelmäßig dienstags zum Singen in der Gaststätte Zum Bahnhof in Dedenhausen um 20 Uhr, um mit unserer Chorleiterin, Gabriele Kolbert, lustige, getragene, romantische, neue und alte Lieder zu üben.
Eine Terminübersicht für 2013:
27. Okotober, 17 Uhr: Abendmusik (kleines Konzert)
17. November, 17 Uhr: Volkstrauertag (jedes Jahr)
29. November, 16 Uhr: Adventssingen in Bambis Garten
26. Dezember, 10.30 Uhr: Weihnachtssingen (jedes Jahr)
Hinzukommen die zahlreichen privaten Ständchen (Geburtstage, Ehejubiläen) zu denen wir eingeladen werden.

Wenn jemand Interesse daran hat, beim Chor mitzumachen, wo bekommt er Informationen?
Auf unserer Ortshomepage dedenhausen.de, die regelmäßig durch unseren fleißigen Administrator, Dominik Pritsch „gefüttert“ wird, werden Neuigkeiten veröffentlicht.

In der über 100-jährigen Geschichte des Männer-Turnvereins sind Sie die erste Frau, die dem Verein vorsteht. Welche Resonanz erfahren Sie von den MTV-Mitgliedern?

Sie können sich bestimmt vorstellen, dass die Meinungen auseinandergehen. Alle reden zwar davon, dass es mehr Frauen in Führungspositionen geben muss. Aber wenn dann zur Tat (Wahl) geschritten wird, gibt es immer noch das eine Wenn und Aber. Ich persönlich habe unterschiedliche Feedbacks erfahren: Von „Du bist genau die Richtige“ bis „Na, ob die Fußstapfen der Vorgänger nicht etwas zu groß sind?“ Wie dem auch sei, ich bin gewählt und darüber freue ich mich sehr. Und zusammen mit meinen anderen Vorstandskollegen können wir viel bewegen.

Der Arbeitsaufwand als Vorsitzende von gleich zwei Vereinen ist bestimmt enorm. Können Sie beiden gerecht werden?

Ja, sicher. Der Arbeitsaufwand ist schon so groß, dass ich beide Vereine nicht nebenbei führen kann. Ich bin durch meine eigene Firma gut organisiert, werde großartig von meiner Familie und meinen Freunden unterstützt, und habe in beiden Vereinen ein verlässliches Team hinter mir. Ein Vorstand besteht ja nicht nur aus der Vorsitzenden. Ich bin allerdings auch keine Vorsitzende, die nur bzw. überhaupt delegiert. Ich packe gern selbst mit an!

Wo sehen Sie den MTV in zehn Jahren?


Ich wünsche mir, dass der MTV dann immer noch die große Familie mit mehreren Hundert Mitgliedern ist, und attraktive Sportarten für seine Mitglieder bieten kann. Und dass der Wunsch meines viel zu früh verstorbenen Vorgängers – der Anbau an unser Sportheim – bis dahin umgesetzt werden kann. Aktuelle Informationen finden Sie auf mtv.­dedenhausen.de im Internet.

Und wo sehen Sie die Chorvereinigung in zehn Jahren?
Für die Chorvereinigung wünsche ich mir, dass wieder mehr junge Menschen Lust und Spaß am Chorgesang bekommen und natürlich auch lange bei uns bleiben. Und dass sich für die jedes Jahr neu zu besetzenden Vorstandsposten immer Freiwillige finden. Dann wird die Chorvereinigung auch in zehn Jahren noch ihr Liedgut in ihren Konzerten präsentieren können.

Mal abgesehen von den beiden Vereinen: Was macht Dedenhausen lebenswert?

Ich bin ja nicht von hier, wohne aber seit 32 Jahren gern in Dedenhausen. Als geborene Essenerin habe ich 16 Jahre im Kohlenpott gelebt und vier Jahre in Bayern.
Was mich am Anfang in Dedenhausen sehr beeindruckt hat, war, dass jung und alt viel und gern zusammen gefeiert haben. Das ist heute auch noch so. Der dörflich-ländliche Charakter ist lebenswert. Wir haben zwar kein Geldinstitut und keinen Tante-Emma-Laden mehr, aber dafür haben wir ein Käselädchen und jede Woche einen kleinen Markt. Die Bahnanbindungen in die Richtungen Hannover und Wolfsburg sind für uns Dedenhäuser sehr wichtig. Wir kommen schnell in die Stadt zum Shoppen oder einfach nur, um den Trubel der Großstadt zu erleben. Lebenswert ist ebenfalls, dass die Vereine nicht nebeneinander arbeiten, um sich gegenseitig zu übertrumpfen. Jede Veranstaltung, egal ob von der Dorfgemeinschaftsjugend, vom Chor, der Feuerwehr, Kyffhäuser Kameradschaft, dem MTV oder Sozialverband – wir haben sogar einen Computerclub organisiert – wird gut angenommen. Früher hieß es: Gib einem Dedenhäuser fünf Mark und es gibt eine große Party.
Letztens habe ich einen schönen Satz gehört, den ich – gerade wegen des Demografiewandels, der vor keinem Verein Halt macht – gern wiedergeben möchte: Wir müssen alle enger zusammenrücken.
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