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aus dem 2006 erschienenen Buch "Suizid für Anfänger"

Volksgesundheit

Es ist schon eine Schande. Das Volk wird immer kränker. Es kränkelt und schwächelt an allen Ecken und Enden.
War man früher gesünder? Man könnte den Eindruck gewinnen. Was gab es denn damals für Krankheiten? Gut, ich meine mit "damals" nicht die Zeit, in der man sich an der Pest erfreute, oder die Schwindsucht bekam, sondern einfach nur "damals". Vor gar nicht so langer Zeit. Als man sich noch nicht täglich, nach dem Konsum des Fernsehprogramms fragte,ob man die gerade beschriebene Krankheit nicht auch ein klein wenig hätte. Daß es sich bei den meisten Sachen um Krankheiten handelt, die einmal in 10000 Fällen vorkommt, ist egal, aber man fühlt sich schon immer irgendwie so komisch.
Früher hatte man im Winter Schnupfen und im Sommer Sonnenbrand. Heute ist es mindestens eine Grippe und eine Vorstufe von Hautkrebs. Nun gut, in diesen Zeiten einen Sonnenbrand zu bekommen, ist schon eine Leistung, aber irgendetwas muß man doch aus dem Urlaub mitbringen.
Damals wurde ein Zuckerkranker noch als etwas besonderes behandelt. (wer sonst durfte schon in aller Öffentlichkeit seine Nadel zücken, ohne sich rechtfertigen zu müssen). Sagt man dagegen heutzutage ganz ehrlich, daß man sich kerngesund fühlt, erntet man nur mitleidige Blicke. "Naja, seien Sie mal so blauäugig, das von sich zu glauben. Bei einem Bekannten meines Schwagers, dessen Bruder. Der hat das auch geglaubt. Und wo ist er jetzt? Auf dem Friedhof." hört man dann gelegentlich. Daß der Mensch dort aber nur ist, weil er dort die Gräber ausschaufelt für Menschen, die krankheitstechnisch einfach alles hatten, und sich deshalb mit Tabletten, Salben und Wasserkuren außer Gefecht setzten, wird meist verschwiegen.
Es gehört zum guten Ton, wenigstens etwas zu haben, was nach Krankheit aussieht.
Im zweifelsfall ist man unterzuckert. Es ist einem nicht einfach nur schwindelig, nein, man ist unterzuckert. Ist meist nicht zutreffend, klingt aber toll.
Man darf auch nicht einfach Kopfschmerzen haben. Wie profan. Man hat Migräne! Meist abends im Bett, wenn man lieber schlafen oder lesen will, aber das ist ein anderes Thema.
Seit man in jeder Apotheke, in jedem Eduscho-Shop und warscheinlich auch bald an der Tankstelle, sein eigenes Blutdruckmeßgerät kaufen kann, wird es immer schlimmer. Nicht nur jeder Rentner oder jeder Leistungssportler hat so ein Ding ständig am Handgelenk, sondern auch schon fast jeder zweite Kindergärtnerin oder Jungmutter malträtiert ihre Untergebenen mit stündlichen Meßversuchen. Dann werden Tabellen ausgefüllt, die Ernährung umgestellt oder einfach gesagt, man müßte mal etwas Sport treiben. Prost!
Ich weiß nicht einmal, wie die Werte aussehen, bei denen es sinnvoll ist, sich vorsorglich schon einmal in die Holzschachtel zu legen. Warscheinlich werde ich bis an mein Lebensende einen zu hohen oder zu tiefen Blutdruck haben, ohne davon beeinträchtigt zu sein, und meine Chance auf Mitleid ausgenutzt zu haben.Dann falle ich um, ohne gewußt zu haben, daß ich bald umfallen werde. Wie schrecklich.
Das werde ich ändern müssen. Ich nehme mir vor, genau herauszubekommen, wie krank ich wirklich bin. Es kann doch ja wohl nicht sein, daß ich als einziger Deutscher keine Zipperlein habe. Ich gebe zu, bisher kannte ich Arztwartezimmer nur aus dem Fernsehen. Es ist mir zu langweilig, mit wildfremden Rentnern über Ihre Enkel zu reden, die ich ja auch nicht kenne, und noch nicht einmal kennen will.
Das kann sich bitteschön der Doktor anhören. Der wird dafür bezahlt, und da die Leute jede Woche zu ihm rennen, pardon, schleichen, kennt er warscheinlich auch schon die Enkel. Es werden ja genug Fotoalben mitgeschleppt. Man redet und zu Schluß vergißt man das Rezept. Ist egal, man braucht es eh nicht, und hat einen Grund, nochmal wiederzukommen. Was soll man denn sonst machen. Bevor man zum Schwarzwälderkirschtorte essen geht, kann man sich ja auch noch sein Diätrezept oder die Insulinspritze abholen. Liegt auf den Weg, und öffnet früher als das Kaffeehaus.
Ist aber dafür teurer. Man darf nicht vergessen, daß nicht alles von der Krankenkasse übernommen wird.. So weit sind wir noch nicht. Ja gut, die Medikamente schon, aber wer kommt für die Pralinenschachteln, Blumensträuße oder die Kaffekasse auf? Niemand. Es ist nicht leicht, schwerkrank zu sein.
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