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Der späte Gast – Eine "märchenhafte" Erzählung aus dem Harz

Seit eh und je reiten die Hexen auf ihren Besen in hellen Vollmondnächten durch die Lüfte zum Brocken hinauf.
 
Der Brocken ist das Ziel von Geistern, Unholden, Hexen und dem Teufel selbst.
 
Nicht zuletzt Goethe hat dafür gesorgt, dass die Gegend rund um den Brocken weltbekannt wurde.
 
Hoch oben am Brocken: Hexenaltar und Teufelskanzel vor dem Hintergrund des Wurmberges.
 
Auf diesen Felsgruppen wurde zur Zeit der Romantik aus dem Faust rezitiert. Die Walpurgisfahrten waren legendär. Ein buntes Volk verkleidete sich entsprechend dazu.
 
Doch auch an anderer Stelle gibt es Teufelswerk zu bestaunen. So an der Teufelsmauer, deren Reste von Blankenburg über Timmenrode, bis hin zu Neinstedt und Ballenstedt zu finden sind.
 
Die Sage dazu: Einst stritten sich der Liebe Gott und der Teufel um die Gebiete des Harzvorlandes. Der Liebe Gott sagte zum Teufel: "Wenn du es schaffst in einer Nacht eine Mauer zu errichten noch ehe der erste Hahn kräht, die unsere Gebiete aufteilt, dann soll dir die eine Hälfte gehören."
 
Der Teufel war einverstanden. Gesagt, getan, und er ging ans Werk. Wie besessen schichtete er einen Mauerstein auf den anderen.
 
Fast war er fertig. Er wollte gerade den letzten Mauerstein in die letzte Lücke setzen.
 
Da kam aus Timmenrode eine Bauersfrau daher, die nach Blankenburg zum Markt wollte. Auf dem Rücken eine Kiepe. Und darin ein Hahn. Der fing an zu krähen.
 
Da hatte der Teufel die Wette verloren. Wütend und außer sich vor Zorn nahm er große Felsen und zertrümmerte damit sein fast vollendetes Werk. Und die Reste der Mauer können wir noch heute überall in der Landschaft bestaunen.
 
Eine Köhlerhütte, wie sie in dieser Geschichte eine Rolle spielt.
 
Holzkohle wurde in früheren Zeiten für die Herstellung von Eisen und Stahl benötigt. Ganze Wälder wurden dazu abgeholzt.
 
Die Bode ist der größte aller Harzflüsse. In Myriaden von Jahren hat sie sich tief in das Gestein hineingefressen.
 
Oberhalb von Thale hat sie eine wilde Schlucht geschaffen.
 
Aus dieser führt der Hexenstieg zum Hexentanzplatz hinauf.
Thale: Bodetal | Vorwort

Wenn die Tage früh dunkel werden und es auf Weihnachten zugeht, dann beginnt die Zeit der fantastischen Geschichten und der Märchen. Weihnachtszeit ist Märchenzeit. Haben früher unsere Großeltern im dämmrigen Licht einer Petroleumlampe oder unsere Urgroßmütter am lodernden Herdfeuer während des Strickens oder des Spinnens ihren Kindern Märchen erzählt, so machen es die heutigen Eltern vorm Einschlafen im gut beleuchteten und beheizten Kinderzimmer. Und wohl alle Kinder waren und sind fasziniert von diesen Geschichten, die in einer Zeit spielen, als die Welt noch ohne moderne Technik ausgekommen ist. Ohne Fernsehen, ohne Computer, und als es noch richtige Winter gab. Eine Zeit des dörflichen Lebens, der Pferdefuhrwerke und der Handwerksarbeit. Diese Zeit mag uns aus heutiger Sicht romantisch vorkommen, war aber natürlich mit viel harter Arbeit verbunden. Doch einen Vorteil hatte sie: Alles ging damals etwas langsamer zu. Stress und Hast wie in der heutigen Zeit gab es damals in diesem Maße noch nicht. Doch hat wohl jede Zeit ihre Vor- und Nachteile. Und ehrlich gesagt, wer von uns möchte schon wirklich damals gelebt haben und auf die modernen Errungenschaften der Neuzeit verzichten. Es werden wohl nur die wenigsten sein. Aber es macht einfach Spaß, sich an diese Zeit zu erinnern, als die Welt unserer Urahnen noch so ganz anders war. Und am Passendsten ist das eben zur Weihnachtszeit.

Nicht weit entfernt von Hannover liegt der Harz. Und gibt es irgendwo eine Landschaft, die sagenhafter und märchenhafter sein könnte als gerade diese? Nicht erst seit Goethes Faust war das kleine Gebirge um den Brocken die Heimstatt von Hexen, Geistern und Teufeln. Schon Jahrhunderte davor ritten die garstigen Frauen auf ihren Besen zum Blockesberge hinauf, auf dem die grauen Nebel waberten und der Schnee im Winter meterhoch lag. Dort oben trieben sie im rötlichen Feuerschein ihre satanischen Feste mit dem Teufel. Früher glaubten die Menschen tatsächlich an Hexen und Berggeister, konnten sie sich doch viele Erscheinungen in der Natur nicht erklären. Und heute noch wird jedes Jahr im Harz zur Walpurgisnacht daran erinnert. Wenn am letzten Tag des Aprils die Hexen und Waldgeister ihr Unwesen treiben. Wenn um Mitternacht die Maikönigin erscheint und dem ganzen Spuk ein Ende bereitet, dann ist der lange Winter in den Bergen endgültig vorbei.

Überall im Harz trifft man auch heute noch auf Zeugen dieser vergangenen Sagenepoche. So zum Beispiel an den Schnarcherklippen bei Schierke, die Goethe in seinem Faust verewigt hat. An der eindrucksvollen Teufelsmauer zwischen Blankenburg und Ballenstedt, die auch eine schöne Sage zu bieten hat. In den vielen Harzhöhlen wie in der Jettenhöhle, dem Weingartenloch, der Einhornhöhle, der Heimkehle oder den großartigen Rübeländer Tropfsteinhöhlen. Dort waren es Berggeister oder auch Zwerge, die die Sagenwelt bestimmten. Natürlich auf dem Brocken, wo in der romantischen Zeit des 19. Jahrhunderts zur Walpurgisnacht auf den Felsgruppen von Teufelskanzel und Hexenaltar aus dem Faust rezitiert wurde. Und ganz besonders im Bodetal bei Thale. Kann eine Landschaft mystischer, sagenumwobener und märchenhafter sein als diese grandiose Schlucht? Wenn man an der Bode entlangwandert, die sich tief ins Gestein hinein gefressen hat und zu den himmelhohen Felswänden von Rosstrappe und Hexentanzplatz hinaufschaut. Dann ist man mittendrin in dieser märchenhaften Gegend. Und natürlich denkt man unweigerlich an die Sage vom Riesen Bodo, der bei der Verfolgung der schönen Prinzessin Brunhilde beim Sprung von der Rosstrappe über die Schlucht zum Hexentanzplatz hinüber in die grausige Tiefe stürzte. Das alles und noch viel mehr zeigt die sagenhafte Seite des Harzes.

Häufig war und bin ich in dieser romantischen Natur unterwegs. Und wenn ich dann auf die Klippen und Felswände schaue. Wenn ich die knorrigen Bäume betrachte, die ihr Wurzelwerk weitverzweigt über den Boden kriechen lassen. Wenn ich die kehrenreichen Wege des Hexenstieges zum Hexentanzplatz oder erst recht den der Schurre zur Rosstrappe hinauf steige. Oder wenn ich am Bodekessel, auf dessen Grund der Sage nach der Ritter Bodo in einen Höllenhund verwandelt sein trostloses Dasein fristen muss, stehe und in die brodelnden Fluten blicke. Dann hat mich alles dieses dazu angeregt, mir selber einmal solch eine märchenartige Geschichte auszudenken. Und diese Geschichte, die vor diesem Hintergrund entstanden ist, möchte ich Euch hiermit erzählen. Denn Weihnachtszeit ist Märchenzeit.


Der späte Gast

Tiefe Dunkelheit lag über den Bergen. Schwarze Wolkenfetzen jagten vom Sturm getrieben über den Himmel und ließen nur selten einige Sterne und die schmale Mondsichel zum Vorschein kommen. Unten am Eingang des schroffen Taleinschnittes lag ein altes Gebäude, das aus den groben Natursteinen der Gegend errichtet war. Das Gasthaus „Zum schwarzen Eber“. Die Fensterläden waren zugezogen, und nur wenig Licht drang durch die Ritzen nach draußen.
Drinnen saß eine fröhliche Runde um einen schweren Holztisch in der Nähe des flackernden Kamins. Die Bierbecher kreisten, und es wurde unaufhörlich erzählt. Doch draußen wurde der Sturm stärker. Der Wind griff unter die Fensterläden und rüttelte kräftig daran. Die Männer hörten auf zu lachen und steckten ihre Köpfe zusammen. „Hört ihr“, sagte ein hagerer Mann und beugte sich weit über den Tisch. „Der Wind heult und bläst zum Angriff. Wir können froh sein, dass wir die Unterkunft noch vor Einbruch der Dunkelheit erreicht zu haben. Wer weiß schon, was sonst mit uns geschehen wäre?“ “Was sollte schon passieren?“ entgegnete ein anderer großgewachsener Mann mit zottligen Haaren. „Ihr glaubt doch wohl nicht mehr an den alten Hexenzauber? Das sind doch alles erfundene Geschichten.“ „Sprecht nicht so laut“, wandte sich der Wirt ihnen zu. „Wer weiß, wer hier alles mithört. Die Waldgeister haben lange Ohren, und ich muss hier schließlich leben. Ihr aber zieht morgen weiter nach Quedlinburg.“ „Ihr glaubt doch nicht etwa auch an diesen alten Spuk, Herr Wirt?“ Der Wirt bückte sich mit schäumenden Krügen in der Hand tief zu ihnen hinunter und flüsterte: „Ihr kommt aus der Stadt, vielleicht mag es bei Euch keine Hexen und Geister mehr geben. Aber bei uns ist das anders. Wer hier nach Einbruch der Dunkelheit durch den Wald geht, kann sie manchmal mit eigenen Augen sehen. Und manchen Wanderer, der mein Wirtshaus im Hellen nicht mehr erreicht hat, haben sie in die Irre geführt oder über die Klippen abstürzen lassen. Schon manch einer ist nie wieder aufgetaucht.“ Ein Schaudern ging über die Gesichter einiger Männer, und die Frauen am Nebentisch rückten ängstlich zusammen. „Und wenn Ihr schon nicht daran glaubt, mein Herr, so spottet nicht darüber und haltet lieber den Mund.“ „Schon gut Herr Wirt, ich wollte keinen kränken. Aber meine Meinung kennt ihr jetzt, und ich werde sie auch nicht ändern. Reicht uns bitte noch einmal volle Krüge, so dass unser Geist leichter wird und wir nicht mehr an so finstere Dinge denken müssen.“ Damit war das Thema erledigt, und es wurde sich wieder über Anderes unterhalten. Doch einigen sah man an, dass sie sich nicht mehr auf die Gespräche konzentrieren konnten und schon gar nicht mitlachten. Sie schauten immer wieder zu den Fenstern, wenn eine Windböe an den Läden riss und hofften, dass die Nacht so schnell wie möglich vorbei gehen würde.

Die Stunden verrannen. Der Wirt legte einige Male Fichtenholz in den Kamin nach, das bei dem Sturm schneller verbrannte als üblich. Ein gemütlicher Harzgeruch breitete sich aus, und häufig stoben Funken vom knackenden Holz auf und flogen in den Abzug hinauf.
Der kleine Zeiger der alten Eichenuhr mit ihren schweren Gewichten, die neben der Eingangstür hing, hatte bereits die Elf überschritten und einige Gäste hatten sich schon in ihre Schlafkammern zurückgezogen. Da sprang plötzlich mit einem Ruck die Tür auf und eine dunkle Gestalt trat ein. Der Wind fegte durch den Raum, und alles was nicht niet- und nagelfest war, wurde von seinem Platz gerissen. Nur mühsam gelang es dem Eintretenden mit Hilfe des hinzuspringenden Wirtes, sich gegen die schwere Holztür stemmend, diese wieder zu schließen. Krachend fiel sie ins Schloss. Sich den ersten Schnee von den Kleidern klopfend, drehte sich der späte Gast um und sah in die Gesichter der noch aufgebliebenen Gäste, die alle zum ihm herüber schauten. Der Schreck stand ihnen noch in die Gesichtszüge geschrieben.
Endlich ergriff der Wirt das Wort: „Seid gegrüßt, Fremder. Wie kommt es, dass Ihr zu so später Stunde noch unterwegs seid, wenn jeder vernünftige Mensch schon eine Unterkunft aufgesucht hat und die Tiere des Waldes längst schlafen? Nur Eule und Fledermaus treiben sich noch draußen herum.“ Ein Lächeln flog über das Gesicht des Eingetretenen, der seinen dunkelgrünen Rock abgenommen hatte und ihn neben der Tür über eine Stuhllehne warf. „Ihr habt recht, Herr Wirt. Es gehört sich nicht, dass man zu so später Stunde noch unterwegs ist. Doch dringende Geschäfte treiben mich. Ich komme hoch oben von Stiege unter der Großen Harzhöhe. In unserem alten Silberbergwerk haben die Pumpen versagt, und unaufhörlich läuft Wasser in den Schacht hinunter. Ich muss schnellstmöglich Hilfe holen, sonst ist uns bald der ganze Schacht abgesoffen, und dann wäre unsere Arbeit für Wochen stillgelegt. Ihr wisst, was das bedeuten würde. Ohne Arbeit bekommen wir keinen Lohn, und einige Familien aus unserem Ort nagen so schon am Hungertuche. In Thale soll es einen Bergbauingenieur geben, der uns wohl helfen kann. Ihn zu holen bin ich unterwegs. Gleich morgen muss er mit mir hinauf in die Berge kommen. Kann mir einer der Herren sagen, wo ich diesen Fachmann finden werde?“ „Das kann ich Euch wohl sagen“, meldete sich eine Stimme aus der hinteren Ecke des Raumes. Ein wettergegerbter Mann mit dichtem Bart beugte sich nach vorne. „Auch ich bin in Bergbauangelegenheiten unterwegs und will zur Hütte nach Thale. Morgen in aller Herrgottsfrühe werde ich aufbrechen, dann könnte Ihr Euch mir anschließen.“ „Das klingt gut“, entgegnete der späte Gast. „So brauche ich morgen nicht lange suchen und kann mir nun erst einmal bis zum Morgengrauen Ruhe gönnen.“ „Wollt ihr Euch nicht zu uns setzen?“, fragte einer der Städter am großen Tisch vor dem Kamin. „Gern will ich das tun. Es ist zwar schon spät, doch bei diesem Sturm bekommt man ja sowieso kein Auge zu, wenn der Wind durch alle Ritzen pfeift und heult. Herr Wirt, bringt mir bitte einen großen Krug Gerstensaft und etwas guten Tabak. Den habe ich beim Aufbruch in aller Eile vergessen.“

Es dauerte nicht lange, und schon kam der Wirt mit schäumendem Krug und einer runden Tabaksdose an. „Dieses ist ein vorzügliches Pfeifenkraut, mein Herr. Ich beziehe es aus dem Herzoglichen Handelshaus in Wolfenbüttel. Es kommt aus Jamaica.“ „Habt Dank, Herr Wirt.“
Der späte Gaste holte eine geschwungene Pfeife aus der Brusttasche hervor, stopfte sie sich mit dem wohlriechenden Kraut, steckte sie zwischen die Zähne und zündete sie an, so dass der Tabak rot aufglühte. Blaue Qualmwolken zogen durch den Raum und verbreiteten einen angenehmen Duft. Doch dann verflog die Gemütlichkeit schnell wieder. Der Wind griff erneut unter die Fensterläden und rüttelte heftiger als zuvor daran, und durch den Abzug des Kamins fegte eine Böe herein und ließ das Feuer sekundenlang wild aufflackern. Furcht stand auf den Gesichtern der Frauen am Nebentisch. „Man könnte meinen“, erhob der späte Gast wieder das Wort, „die Sturmgeister hätten sich gegen uns verschworen. Ich bin froh, dass ich den Schwarzen Eber noch mit heiler Haut erreicht habe. Als ich vorhin durch das wilde Bodetal herabkam, ist mir Angst und Bange geworden. Tannen stürzten um, als wären sie von Geisterhand entwurzelt.“
Der hagere Mann an der Stirnseite des Tisches, der vor Stunden schon einmal auf das Thema Geister zu sprechen gekommen war, horchte auf. Den ganzen Abend hatte er nichts mehr gesagt und nur des Öfteren ängstlich zu den Fenstern geschaut. Nun fragte er, wenn auch flüsternd: „Habt ihr vorhin in der Schlucht auch Geister oder gar Hexen gesehen?“ „Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen. Oft war mir so, als verfolgten mich irgendwelche Schatten. Vielleicht waren es nur dunkle Wolken oder das später einsetzende Schneetreiben. Aber vielleicht waren es auch wirklich die Geister des Waldes.“
Tiefes Schweigen lag jetzt über dem Raum. Nur das Heulen des Windes war zu vernehmen. Der Hagere wandte sich an den Fremden: „Einige hier meinen, es gäbe keine Geister. Was sagt Ihr dazu?“ „Dem kann ich wiedersprechen. Es können nur Städter sein, die so reden. Jeder, der hier bei uns in den Bergen lebt, weiß, dass es sie gibt.“
Der großgewachsene Mann aus Quedlinburg mit den zottligen Haaren entgegnete. „Habt Ihr denn Beweise dafür, oder habt ihr gar selber schon einmal welche gesehen?“ „Oh ja, mein Herr. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen, hier ganz in der Nähe am Eingang des Bodetales.“
Die Städter am Tisch schauten sich verwundert an, während die Einheimischen am Nebentisch zustimmend nickten. „Könnt Ihr uns davon erzählen“, ergriff der Zottlige wieder das Wort. „Eigentlich tue ich es nur ungern in einer solchen Nacht. Wer weiß, was für Lauscher draußen mithören.“ „Bitte, erzählt uns Eure Geschichte“, meldeten sich jetzt auch einige andere Städter zu Wort. Der späte Gast runzelte die Stirn und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Nun gut, so will ich Euch doch davon berichten. Aber rückt alle etwas näher heran, so dass ich nicht so laut sprechen muss. Herr Wirt, schenkt mir bitte noch einmal nach bevor ich anfange.“
Die Männer rückten alle etwas näher zusammen, und auch die Einheimischen vom Nebentisch setzten sich hinzu. Nach kurzer Zeit kam der Wirt, schenkte aus einem schweren Steinkrug ein und setzte sich dann ebenfalls zu der Runde.
Der späte Gast nahm einen großen Zug aus dem Becher, strich sich den Schaum vom Schnurrbart und zündete seine ausgegangene Pfeife erneut an. Blaue Dunstwolken zogen durch den Raum, während ihn die anderen erwartungsvoll anblickten. Dann begann er:

„Lange ist es her, seitdem das, von dem ich euch jetzt berichten werde, geschehen ist.“ Er blickte in die Runde, in erwartungsvolle Gesichter und fuhr dann fort. „Ich war noch ein Junge von 14 Jahren, und unsere Familie lebte oben in der Nähe von Stiege mitten im Wald. Mein Vater war der Köhler Hans Eichenstein. Ihr mögt ihn noch kennen, Herr Wirt, als Alteingesessener. „Sehr gut kann ich mich an ihn erinnern“, warf der Wirt ein. „So manches Mal hat er bei mir übernachtet, wenn er in Wirtschaftsangelegenheiten nach Thale unterwegs war.“
Der späte Gast strich sich durch den Bart und fuhr dann weiter fort. „Inzwischen ist er schon viele Jahre tot. Sein Vater war Köhler, sein Großvater und auch schon sein Urgroßvater. Wir lebten damals recht gut, da für den Bergbau sehr viel Holzkohle benötigt wurde und die Hüttenfeuer brennen mussten. Aber wir hatten auch viele Einschränkungen, da wir weit ab von jeder Siedlung entfernt lebten. Ich weiß, dass meine Mutter darunter litt, obwohl sie sich nie beklagt hatte. Andere Frauen in der Stadt lebten wohl angenehmer. Aber dafür hatten wir genug zu essen. In den Bergwerksorten die Leute waren da oft schlimmer dran. Oft bauten sie jahrelang taubes Gestein ab und verdienten keinen Taler. Die Männer mussten sechs Tage unter der Erde bleiben und kamen nur zum Sonntag nach oben zu ihren Familien. Wie schlimm war doch ein solches Leben.
Ich hatte noch drei Geschwister. Meine jüngste Schwester war gerade geboren, dann folgten noch eine Schwester und ein Bruder. Ich war der Älteste.
Eines Tages, wie jeden anderen Tag auch, half ich dem Vater bei der Arbeit. Wir schichteten Holz zu einem hohen Haufen auf, das später mit Erde überdeckt und zum Glimmen gebracht werden sollte. Ich kann mich an jene Situation nicht mehr genau erinnern. Vielleicht war das Holz nicht gut gestapelt oder der Boden war vom Regen aufgeweicht und glitschig geworden. Jedenfalls, wie dem auch sei, kam der Stapel plötzlich unter lautem Poltern ins Rutschen und begrub meinen Vater unter sich. Ich war sofort von panischer Angst erfasst, denn es lagen schwere Hölzer auf dem Haufen. In Windeseile zog ich die Holzstücke zur Seite und musste dabei höllisch aufpassen, dass von oben nichts nachrutschte und auch mich noch unter sich begrub. Ich weiß nicht mehr wie lange ich dazu gebraucht hatte. Aber schließlich bekam ich den Vater frei. Er hatte die Besinnung verloren. Er röchelte und blutete aus mehreren Wunden. Auch aus dem Mund rann Blut hervor. Ich sah sofort, dass er schwer verletzt war, vielleicht sogar im Inneren. So schnell ich konnte, lief ich zur Hütte zurück, die Gott sei Dank nicht weit entfernt war und holte die Mutter zu Hilfe. Sie erschrak sich sehr. Doch weiß ich heute noch genau, wie ruhig sie dabei blieb und wie überlegt sie handelte. Mit vereinten Kräften schafften wir es, den Vater zur Hütte zurück zu tragen und auf das Bett zu legen. Noch immer war er nicht zu sich gekommen. Die Mutter zog ihm vorsichtig die Kleidung aus und tupfte seine blutenden Wunden mit einem Tuch ab. Einige Male stöhnte er dabei laut auf.
Nachdem ihn die Mutter so gut wie möglich behandelt hatte, war guter Rat teuer. Wo sollten wir jetzt einen Arzt herbekommen. Vielleicht war der Vater lebensgefährlich verletzt und es war höchste Eile geboten. In Stiege gab es keinen Arzt, der nächste war erst in Thale zu finden. Doch dahin war es fast ein Tagesmarsch. Schließlich beschloss die Mutter, mich nach Stiege zu schicken, das nur wenige Kilometer entfernt lag. Dort sollte ich zu unserem Onkel gehen und der sollte schnellstmöglich den Arzt aus Thale holen. Ich wandte ein, dass es doch besser wäre wenn ich sofort nach Thale ginge, denn das würde viel Zeit ersparen. Schon einmal war ich mit dem Vater den Weg gegangen und würde ihn sicherlich wieder finden. Doch die Mutter meinte, dass dieses viel zu gefährlich sei. Sie traute es mir nicht zu.
Es war schon später Nachmittag, als ich dann endlich aufbrach. Zuvor hatte ich den Vater noch einige Zeit beobachtet und hatte das Gefühl, dass es nicht gut um ihn stehe. Da kam ich zu dem Entschluss, ohne der Mutter etwas davon zu sagen, doch nach Thale zu gehen. Ich hatte mir heimlich einen Kanten Brot und ein Stück Wurst eingesteckt und ging dann auf schmalem Pfad Richtung Stiege davon. Kaum war ich aus den Augen der Mutter verschwunden, verließ ich den Weg, schlug einen weiten Bogen um die Hütte herum und ging dann in entgegengesetzter Richtung weiter.
Wege gab es hier freilich nicht. Doch natürlich kannte ich das Gelände bis auf weite Entfernung von unserer Hütte. Dadurch, dass ich dem Vater bei der Arbeit unterstützen musste, war mir der Wald wohlvertraut. Ich wusste genau wo er dicht und undurchdringlich war und wo er lichter war und ich gut vorankommen konnte.
Das Wetter hatte sich am Nachmittag leider verschlechtert. Durch die Lücken der dichten Fichtenwipfel, die über und über mit Zapfen behängt waren und in deren Zweigen schwarze Raben saßen, konnte ich erkennen, wie sich die Wolken immer mehr zusammenballten. Die Sonne war längst verschwunden und es wurde immer trüber. Nebel zogen auf.
Noch war ich mir nicht im Klaren darüber, welchen Weg ich wählen sollte. Es gab nämlich zwei. Der eine führte über Hasselfelde nach Wienrode hinunter, und von dort am Harzrand entlang nach Thale. Es war ein Fahrweg für Pferdefuhrwerke, der gut ausgebaut war. Die zweite Möglichkeit bestand darin, quer durch den Wald hinabzusteigen, um später auf einen schmalen Pfad zu stoßen, der dann direkt durch das Bodetal nach Thale führte. Dieser Weg war wesentlich kürzer. Aber er war auch der gefährlichere. Wie jedermann in unserer Gegend wusste, wurde die Schlucht des Bodetals in einigen Nächten von Waldgeistern und Hexen heimgesucht. Auf ihren Besenstielen ritten diese dann durch die Lüfte zum Hexentanzplatz hinauf, um dort ihre satanischen Feste zu feiern. Natürlich hatte ich Angst davor, diesen dunklen Gestalten der Nacht zu begegnen. Und diejenigen, die einmal auf sie getroffen waren, sind meistens nie wieder aufgetaucht. Das wusste bei uns jedes Kind. Nach längerem Überlegen entschloss ich mich doch für diesen kürzeren Weg. Der Vater war in höchster Not, und jede Stunde, die verloren ging, konnte seinen Tod bedeuten.

Ich war inzwischen gut vorangekommen. Berge und Täler hatte ich hinter mir gelassen. Noch befand ich mich im Nadelwald, dessen dickbäuchige Fichten- und Tannenwipfel mir manchmal zunickten und mir den Weg zu weisen schienen.
Doch dann kam ich aus dem vertrauten Gelände heraus. Nun musste ich nur die ungefähre Richtung beibehalten, dann würde ich schon irgendwann auf den Pfad treffen, der zur Bode hinunter führte. Ich war ja den Weg schon einmal gegangen, damals allerdings am hellichten Tage.

Nach einer Weile traf ich auf einen kleinen Bach, der zwischen Farnen über Felsstufen bergab plätscherte. Ihm folgte ich nun. Zunächst führte er nur wenig Wasser. Doch von überall her kamen kleine Rinnsale dazu, so dass er bald größer wurde und zu rauschen begann. Die Felsbrocken zu seinen Seiten waren über und über mit Moosen bewachsen. Dazwischen hatte sich Blaukraut ausgebreitet.
Der Wald wandelte sich nun merklich. Standen bei uns oben unter der Harzhöhe nur Fichten und Tannen, so tauchten nun immer mehr knorrige Laubbäume auf, die ihre Wurzeln weitverzweigt über den Boden kriechen ließen.

Inzwischen musste es wohl auf den Abend zugehen. Als ich über eine weite Lichtung schritt und wieder den Wald betrat, wurde mir bewusst, dass die Dunkelheit über die Berge kroch. Mir fröstelte ein wenig. Unbedingt musste ich den Pfad finden, solange es noch etwas hell war. Ansonsten würde ich mich hoffnungslos verlaufen. Das durfte nicht geschehen.
Meine Schritte wurden schneller, so unwegsam das Gelände auch war. Ich musste an meinen armen Vater denken, der vielleicht mit dem Tode ringend zu Hause auf dem Bette lag. Schweiß rann mir die Stirn herunter, obwohl ich eine Gänsehaut hatte.

Der Bach führte jetzt steiler hinab und stürzte dabei über schroffe Felsstufen. Diese musste ich abwärts klettern, denn umgehen konnte ich sie nicht. Zu steil strebten die enger werdenden Talwände empor. So kam ich nun auch nur langsam voran. Durch die Baumkronen sah ich bereits mehrere Sterne blinken, und schnell griff die Dunkelheit jetzt um sich.
Doch dann endlich erreichte ich das Ende der kleinen Schlucht und kam in flacheres Gelände. Erleichtert atmete ich auf. Weit konnte der Pfad nicht mehr sein. Und ehe die völlige Dunkelheit hereingebrochen war, erreichte ich ihn.

Glücklicherweise hatte sich das Wetter wieder verändert. Die Nebelschwaden oben an den Hängen hatten sich verzogen. Der Himmel war nur noch zum Teil bewölkt. Der volle Mond, wenn er denn zwischen den Wolken hervorlugte, spendete mir ein mattes Licht, und die Sterne zeigten mir den Weg. An manchen Stellen konnte ich durch die Lücken im Geäst mit Hilfe des Großen Bären den Nordstern ausmachen.

Nach einer Weile hörte ich ein Rauschen, das immer lauter wurde. Das war die Luppbode, die ich bald darauf erreichen sollte. An ihr führte der schmale Pfad nun entlang, auf dem ich im Mondlicht gut vorankam. Und überall zwischen den schwarzen Stämmen der Bäume sah ich kleine Lichtpunkte tanzen. Es waren unzählige von Leuchtkäferchen, die ihr vergnügliches Spiel spielten.

Die Nadelbäume wurden nun immer weniger, und bald kamen sie nur noch selten vor. Dichter Eichen- und Buchenwald umgab mich. Hier war mir nichts mehr vertraut. Die dicken Stämme mit ihren knorrigen, weit verzweigten Ästen, die mir wie die Arme von Waldgeistern vorkamen. Alles das wirkte unheimlich auf mich. Doch dann dachte ich an meine Aufgabe und an meinen armen Vater und schritt mutig voran. Aber sicher fühlte ich mich dabei nicht.

Einige Stunden war ich schon unterwegs, als ich auf den Hauptlauf der Bode traf, in den an dieser Stelle die Luppbode mündete. Hier wurde der Fluss sehr breit. Große Klippen lagen in seinem Bett und ließen das Wasser, das am Tage kristallklar war, nun wie ein schwarzes Gekräusel um sie herum rauschen. Jetzt bei Nacht wirkte der Fluss düster und geheimnisvoll.
Unter einem überhängendem Felsen machte ich erst einmal Rast. Dazu setzte ich mich in das weiche Moos. Die Füße schmerzten mir vom langen Laufen. Ich rieb mir die Knöchel, die schon wundgeschert waren. Dann holte ich den Kanten Brot aus der Tasche und das Stück Wurst, das ich dazu eingesteckt hatte. Natürlich hatte ich einen tüchtigen Hunger bekommen, und so war auch bald alles verzehrt. Ein Schluck kalten Gebirgswassers dazu, und ich fühlte mich wieder gestärkt und zu neuen Taten bereit.
Wie mochte es wohl inzwischen zu Hause aussehen?, fragte ich mich. Vielleicht ging es dem Vater besser. Oder, und ich erschrak bei diesem Gedanken, war er schon tot? Die Mutter hatte jedenfalls eine schlimme Nacht. Sie wähnte mich jetzt bei dem Onkel in Stiege. Würde sie wissen wo ich mich befand, dann müsste sie auch um mich noch Todesängste ausstehen.
Nun war aber genug gerastet, ich musste weiter. Noch gut 12 Meilen Weges lagen bis Thale vor mir. So erhob ich mich aus dem weichen Moos und folgte dem schmalen Pfad, der nun in die Schlucht des Bodetales hinein führte. Die Füße schmerzten mir jetzt noch mehr als zuvor. Aber lange war mir das nicht mehr bewusst, denn zu sehr drückte der Wald auf mich nieder. Die Bäume schienen mich mit ihren knorrigen Gesichtern zu beobachten. Ihre schwarzen Äste beugten sie zu mir herunter, so, als ob sie nach mir greifen wollten. Und ihre langen Wurzeln ließen sie wie Schlangen über den Boden kriechen. Ich bekam Angst.“

An dieser Stelle unterbrach der späte Gast seine Erzählung. Der Sturm griff erneut unter die Fensterläden, als wollte er sie abreißen. Das Feuer flackerte wild im Kamin auf, und die Tür polterte als wenn jemand dagegen rennen würde. Die Männer schauten erschrocken auf. Selbst den Städtern, die ja nicht an Geister glaubten, wie sie sagten, wurde es unheimlich zumute.
„Wer von Euch würde einmal nach draußen gehen“, fragte der späte Gast „und schauen, ob alles in Ordnung ist? Schließlich wollen wir keine Lauscher an der Tür haben.“ Keiner der Männer rührte sich. „Auch Ihr nicht, mein Herr?“ Er schaute dabei den Zottligen an. Alle Anwesenden richteten ihren Blick nun auf diesen. Unsicher bewegte er die Augen. Doch dann stand er auf. „Ich werde nachsehen“, grummelte er in seinen langen Bart und begab sich zur Tür. „Ich werde mit Euch kommen“, entgegnete der späte Gast.
Vorsichtig öffneten die beiden Männer die Tür einen Spalt. Ein kalter Windzug kam herein und blies einige Schneeflocken mit in den Raum, die auf den warmen Dielen aber sofort schmolzen. Schnell waren die beiden durch den Spalt nach draußen verschwunden und zogen die Tür kräftig hinter sich zu. Die anderen schauten ihnen gebannt nach.
Die Zeiger der alten Eichenuhr neben der Tür bewegten sich bereits auf Mitternacht zu. Doch keiner der Gäste zog sich auf seine Schlafkammer zurück. Sie alle waren gespannt darauf, wie die Geschichte weitergehen würde. Der Wirt schenkte noch einmal nach und tauschte die heruntergebrannten Kerzen gegen neue aus.
Nur wenige Minuten waren vergangen, als die Tür wieder aufsprang. Schnell waren die beiden Männer im geschützten Raum und klopften sich den Schnee von den Schultern.
„Nun“, fragte der Wirt, „wie sieht es draußen aus?“ „Es ist fürchterlich“, antwortete der späte Gast. „Der Sturm lässt nicht nach. Außerdem ist es durch das Schneetreiben so finster, dass man kaum die Hand vor Augen erkennen kann. Wir sind um das Haus herum gegangen und haben geprüft, ob die Fensterläden noch richtig eingehakt sind. Es ist alles in Ordnung.“
Er rieb sich die Hände, denn in der kurzen Zeit waren sie draußen völlig durchgefroren und setzte sich wieder an seinen Platz. Auch der Zottlige setzte sich hinzu. „Wenn es so weiter schneit“, sagte dieser zu seinen Reisegefährten gewandt, „sitzen wir morgen hier fest. Der Weg ist schon jetzt völlig zugeschneit. Wir müssten uns in Thale ein Pferdefuhrwerk mit einem Schlitten besorgen, um überhaupt nach Quedlinburg gelangen zu können.“
„Nun erzählt aber weiter“, meldete sich der Kleine mit dem hageren Gesicht zu Wort. Der späte Gast nahm einen kräftigen Zug aus seinem Becher, stopfte seine Pfeife neu, zündete sie an und fuhr dann fort.

„Also schritt ich weiter durch das Bodetal, von Angst erfasst. Ihr kennt es ja wohl fast alle und wisst, wie wild und unwegsam diese Strecke ist. Der schmale Pfad führt fortwährend am Berghang hinauf und dann wieder zum Fluss hinunter. Riesige Bäume waren umgestürzt und machten mir das Weiterkommen in der Dunkelheit recht schwer. Manchmal war das Tal so eng, dass der Weg keinen Platz mehr fand. Durch Holzverstrebungen wurde er dann an den Felswänden direkt über dem gurgelnden Wasser des Flusses entlang geführt, auf denen einem schwindlig werden kann. Dieses alles machte mich nicht gerade sicherer. Im Gegenteil, meine Furcht nahm noch mehr zu. Glücklicherweise kam nun der Mond über den Gewitterklippen zum Vorschein, die sich hoch oben am Hang wie schwarze Riesen auftürmten. So konnte ich den Weg besser erkennen. Dieser machte jetzt eine starke Krümmung nach rechts, denn Ihr wisst, wie sich die Bode in großen Schleifen durch die Schlucht windet.
Ein paar Schritte ging ich noch, dann gabelte sich der Weg. Ich stutze, denn diesen Weg hatte ich von damals, als ich mit dem Vater unterwegs war, nicht in Erinnerung. Er kam wohl von den Rabensteinen herab. Wer mag ihn angelegt haben?, fragte ich mich. Ich schaute den schmalen, am Hang steil ansteigenden Weg hinauf. Doch der verlor sich zwischen Krüppelgeäst in der Dunkelheit. Gerade wollte ich mich wieder abwenden, um weiter zu gehen. Da kam aus diesem Dunkel eine Gestalt auf mich zu. Ich erschrak fürchterlich und stand da wie erstarrt. Am ganzen Leibe zitterte ich und war unfähig auch nur einen Schritt zu tun oder gar zu flüchten. Direkt vor mir blieb die dunkle Gestalt stehen. Nur schwach beleuchtete das fahle Mondlicht deren Gesicht. Doch das reichte aus, dass es mir noch unheimlicher wurde als zuvor. Es war ein altes Weib, fast so groß wie ich, aber weit vornüber gebeugt. Ihr graues, strähniges Haar quoll unter einem Tuch hervor, das sie sich um den Kopf gebunden hatte. Sie trug einen langen Rock, der bis zum Boden reichte und auf dem Rücken eine Kiepe.
Ich wollte etwas sagen, doch ich bekam keinen Ton hervor. Meine Zunge lag wie festgeklebt im Hals. Mir war klar, dass dieses Wesen eine Hexe war. Wie gebannt schaute ich in ihre schwarzen, scharfen Augen, in denen das Mondlicht funkelte. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, wie wir uns so gegenüber standen. Schließlich sprach sie mich mit schriller Stimme an. „Was für ein Zufall, dass ich hier mitten in der Nacht und weitab von jeder menschliche Siedlung ein Kind antreffe. Wer bist du, und wohin willst du?“
Jetzt endlich fand ich die Worte wieder. So viel Angst ich auch hatte. Doch dass sie mich ein Kind nannte, das empörte mich sehr. „Ich bin der Sohn des Köhlers Hans Eichenstein, der hoch droben unter der Großen Harzhöhe lebt und will nach Thale.“ Dummerweise bereute ich sogleich, was ich da gesagt hatte. Denn nun wusste sie über meinen Weg und mein Vorhaben Bescheid. Dann fügte ich noch an, obwohl ich wusste, was für ein Wesen sie war: „Und wer seid Ihr, und was macht Ihr zu dieser späten Stunde im Wald?“ „Ich lebe in den Bergen. Oben an den Rabensteinen steht meine Hütte“, antwortete sie mit krächzender Fistelstimme. „Ich suche Kräuter, denn heute ist Vollmond. Da treibt der Saft bis in die Blattspitzen und das Kraut ist besonders wirksam.“ Natürlich war mir klar, dass es sich dabei nur um Zauberkräuter handeln konnte. „Da du nach Thale gehst, werde ich dich ein Stück Weges begleiten, denn auch ich will in diese Richtung“, fügte sie an. Das hatte ich befürchtet. Die Alte würde versuchen mich in ihre Klauen zu bekommen. Aber ich sah keinen Ausweg, ich hatte keine Wahl. So gingen wir dann los.

Immer weiter folgte der Pfad der Bode. Die Schlucht wurde jetzt noch schroffer. Steil ragten zu beiden Talseiten die Felswände wild empor, und immer tiefer nagte der Fluss sich in das Gestein hinein. Der Mond stand nun schon hoch am Himmel und ließ sein gleißendes Licht in den Wald und auf die glitzernden Fluten der Bode fallen. So konnte ich die Alte, die vor mir ging, gut erkennen. Weit nach vorn übergebeugt schritt sie mit der Kiepe auf dem Rücken in einem ordentlichen Tempo voran. Aber sie stolperte dabei niemals, kam niemals ins Straucheln.
Nun wurde es Zeit für mich zu überlegen, wie ich ihr entkommen könnte. Würde ich ihr davonlaufen, so würde sie mich sicherlich im Laufe zu Stein verhexen. Schon viele graue Steine mitten im Wald hatte ich gesehen, die Ähnlichkeit mit Menschengestalt hatten. Und bei uns in Stiege munkelte man, dass es sich dabei um verhexte Menschen handelte, die ihr Ziel bei Einbruch der Nacht noch nicht erreicht hatten.
Plötzlich erschrak ich aus meinen Gedanken. Die Alte drehte sich um und wollte mir einige Blätter reichen. „Iss dieses Kraut“, sagte sie. „Es wird dir frische Kräfte geben, so dass dir das Gehen leichter fallen wird.“
Jetzt wurde es ernst, und mir wurde wieder Angst und Bange. Sicherlich wollte sie mich mit diesen Blättern willenlos machen, damit ich ihr gehorchte. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und antwortete mit zitternder Stimme: „Nein Danke. Es ist gut gemeint von Euch. Aber ich bin noch gut bei Kräften.“ „Nun, wie du willst", wisperte sie und drehte sich wieder um.
Es wurde nun höchst gefährlich für mich. Schließlich musste ich nicht nur um mein eigenes Leben fürchten, denn es fiel mir auch wieder der Vater ein, den ich vor lauter Aufregung schon ganz vergessen hatte. Wenn ich keinen Arzt mehr holen konnte, dann würde er sicherlich sterben, und meine arme Mutter, die sowieso schon viel Leid hatte, müsste sich dann auch um mich noch grämen. Nie würde sie erfahren, was mit mir geschehen war. Sie könnte es nur erahnen, wenn sie an meine Worte dachte, ob ich denn nicht gleich nach Thale gehen solle. So langsam musste ich mir etwas einfallen lassen.
Als ich aus meiner Gedankenwelt wieder aufschaute und nach vorne blickte, traute ich meinen Augen kaum. Die Alte war fort. Das gibt’s doch nicht, dachte ich. Eben war sie doch noch da. Sollte sie mich verlassen haben? Verdutzt blieb ich stehen. Da legte sich mir von hinten eine Hand mit langen, knöchernen Fingern auf die Schulter. „Was ist, mein Junge, kannst du doch nicht mehr?“
Erschrocken fuhr ich herum und blickte in ein Paar stechender Augen. Das war Zauber, dass war Hexenwerk. Wie aus dem Nichts stand die Alte neben mir.
„Nein, ich kann noch sehr gut, will nur einen Augenblick verschnaufen“, hörte ich selber meine eigene zitternde Stimme sagen.
Ein starrer Blick traf mich aus ihren schwarzen, funkelnden Augen.
„Na, dann wollen wir jetzt aber weiter“ krächzte sie mich an und holte mit mächtigen Schritten aus. In unverändertem Tempo ging sie über Stock und Stein. Fast so, als ob sie schweben würde. Ich versuchte ihre Füße zu erkennen, ob diese überhaupt den Boden berührten. Doch ihr langer Rock verdeckte diese.

Inzwischen war wieder dunkles Gewölk über den Himmel gezogen, das den Mond verdeckte, so dass er nur manchmal zum Vorschein kam. Dadurch wurde es noch unheimlicher im Wald. Aber ich sah darin meine Chance, besser entkommen zu können.
Die Bode machte wieder eine lange Biegung. Bald müssten wir die großen Felsmassive der Rosstrappe und des Hexentanzplatzes erreichen, wo die Schlucht zwischen himmelhohen Felswänden besonders eng werden würde. So weit dürfte ich mit der Alten auf keinen Fall gehen. Dort würde sie sicherlich mit anderen Hexen oder gar mit dem Teufel zusammentreffen, und dann wäre mein Ende besiegelt. Das durfte nicht sein.
Plötzlich riss das dunkle Gewölk auf. Der Mond kam wieder zum Vorschein und warf sein gleißendes Licht auf den Waldboden.
„Ah“, krächzte die Alte. „Was sehen meine scharfen Augen da vorne am Fluss für schöne, seltene Kräuter.“
Schnellen Schrittes eilte sie zu der Stelle und beugte sich zum Boden hinunter. Sie hockte direkt über dem Flussufer, das an dieser Stelle einige Fuß nach unten zum Wasser hin abfiel und kehrte mir den Rücken zu. Da sah ich meine Chance gekommen und handelte ohne zu überlegen. Vorsichtige schlich ich mich an, tunlichst darauf bedacht, nicht auf einen knackenden Ast zu treten. Gerade wollt sich die Alte wieder aufrichten, da versetzte ich ihr einen kräftigen Stoß. Sie stieß einen unterdrückten Schrei aus und polterte dann den kurzen Abhang hinunter zum Fluss. Doch das bekam ich nicht mehr mit. Sofort sprang ich auf und rannte so schnell ich konnte und wie es die Dunkleheit zuließ, davon, dem Pfad in die Schlucht folgend.
Mir ist nur noch bewusst, dass die Hexe irgendetwas hinter mir her schrie. Aber ich bekam nicht mehr mit was es war. Ich hoffte nur, dass es sich dabei um keine Zauberformeln handeln würde.
Ich rannte und rannte, ohne auf irgendetwas zu achten. Zweige der verkrüppelten Bäume peitschten mir ins Gesicht. Aber ich spürte es kaum. Meine Gedanken waren wie gelähmt. Ich konnte nur noch an eins denken: so schnell wie möglich fort von diesem Ort und so weit wie möglich.
Einmal stürzte ich über eine Baumwurzel. Aber ich raffte mich sogleich wieder auf ohne zurückzuschauen. Mein Herz pochte wie wild und ich rang nach Luft. Aber ich sprang gleich wieder in großen Sätzen weiter. Erst nach einiger Zeit wurde ich langsamer. Auch wenn in meinem Körper ungeahnte Kräfte freigesetzt wurden, so musste ich doch langsamere Schritte machen. Ich konnte einfach nicht mehr. Schließlich blieb ich an einer Wegkrümmung stehen und wagte den Blick zurück. Nur ein Wispern der Blätter an den Bäumen war zu vernehmen, die leise vom Wind bewegt wurden. Sonst war es still. Erst jetzt konnte ich meine aufgewühlten Gedanken ordnen und richtig denken. Die Hexe war nicht tot. Das wusste ich. Sie hatte mir ja irgendetwas hinterher geschrien. Sicherlich würde sie mich verfolgen. Aber sie hatte ja keinen Besen dabei, das war mir aufgefallen. Doch wer weiß, was für Zauberkräfte ihr noch zur Verfügung standen. Bei diesen Überlegungen bekam ich wieder fürchterliche Angst und fing gleich wieder an zu laufen, so schnell es das unebene, steinige Gelände zuließ.
Doch nach einem kurzen Stück machte ich wiederum Halt. Vor mir tat sich eine Lücke zwischen den Bäumen auf und gab den Blick frei auf die Schlucht. Tief unten sah ich die Bode mit mächtiger Strömung durch die Klippen rauschen, und gar nicht weit entfernt erhoben sich die fast senkrechen und himmelhohen Felswände der Rosstrappe zur Linken und des Hexentanzplatzes zur Rechten. Nun musste ich besonders vorsichtig sein, denn wie jedermann wusste, ritten gerade in Vollmondnächten die Hexen zu den bizarren Klippen des Hexentanzplatzes hinauf. Nicht zu Unrecht hatte dieses Felsmassiv seinen Namen erhalten. Und wenn die mich bemerkten, war alles verloren. Allerdings konnte ich die Schlucht nicht überschauen, zu dicke Wolken hatten sich vor den Mond geschoben und verdunkelten dessen Gesicht, das mich sonst mit seinen großen Augen magisch anschaute. Im Mondschein hätte ich die Hexen sicherlich auf ihren Besen durch die Lüfte reiten sehen.
Noch einmal drehte ich mich um und schaute zurück. Doch kein verdächtiges Geräusch war zu vernehmen. Hatte die Hexe die Verfolgung aufgegeben? Oder verfolgte sie mich geräuschlos? Oder, und ich erschrak dabei, hörte ich doch aus der Ferne ein leises Sausen? Hatte sie etwa doch einen Besen aufgetrieben, den sie vielleicht irgendwo im Wald stehen gelassen hatte?
Ich rannte weiter, musste jedoch aufpassen, dass ich nicht stürzte. In einigen Spitzkehren führte der Pfad jetzt zur Bode hinunter. Ein altes rostiges Eisengeländer war am flussseitigen Wegrand zwischen Steinpfosten angebracht um zu verhindern, dass Wanderer in die Tiefe stürzten. Schweiß rann mir über die Stirn und brannte mir in den Augen. Die Felsgebilde zur Rechten, die aussahen wie grässliche Trollgesichter, sahen mich verwundert an. Immer neue Fratzen tauchten am Wegrand auf, und ich musste an ihnen vorbei. Sie staunten wohl darüber, dass mitten in der Nacht ein Mensch an ihnen vorüber lief. Und sie schickten mir ihre stummen Schreie hinterher.

An der nächsten Kehre wagte ich einen Blick zu den Felswänden hinauf. Was war das? Oben an der Rosstrappe flackerte ein rötlicher Schein. Mir war als sah ich schwarze Gestalten, die sich tanzend durch die Luft bewegten. Angsterfüllt sprang ich weiter. Sollte dort oben der Teufel zusammen mit dem unheilvollen Hexenvolk sein grässliches Spiel treiben? Oh, hoffentlich würde ich hier jemals durchkommen. Meine armen Eltern, meine armen Geschwister. Das Herz drohte mir in der Brust zu zerspringen.

Endlich kam ich zur Bode hinunter. Doch damit wurde es nur noch fürchterlicher. Neben mir donnerten die aufgewühlten Fluten durch die enge Schlucht und ließen dem Pfad kaum noch Raum. Da der Weg ebener war, kam ich jedoch wieder schneller voran.
Als der Mond für einen kurzen Moment hinter den Wolken hervor schaute, schickte er sein gleißendes Licht auf die wilde Strömung. Mein Gott, was war das? Ein verzerrtes Gesicht schaute mich aus den finsteren, gurgelnden Fluten an. War das Wirklichkeit, oder begann ich schon zu fantasieren? Nein, da war es wieder, und es rief mich mit schauriger Stimme an: "Komm zu mir, komm zu mir!" Das war der Riese Bodo, der dort auf dem Grunde des Bodekessels mit zerschmetterten Beinen lag. Er war einstmals bei der Verfolgung der Königstochter Brunhilde in die grausige Schlucht gestürzt, als er mit seinem Riesenross von der Rosstrappe zum Hexentanzplatz hinüber springen wollte.
Ich sah wie sich das Wasser verwirbelte und kräuselte. Gleich würde er mit seinen starken Armen nach mir greifen, mich packen und mich hinunterziehen auf den tiefen Grund. Da tauchten die knochigen Arme schon aus der schäumenden Gischt auf. Laut schrie ich auf und sprang in großen Sätzen weiter. Oh weh, oh weh. Die Bäume, die Bäume. Sie griffen nach mir. Böse blickten mich die Gesichter aus ihren verknorpelten Stämmen an. Die Zweige. Sie kamen herunter und wollten mich greifen. Da war es auch schon geschehen. Ein dicker Ast hatte mich gepackt und sich um meinen Hals gelegt. Ich röchelte, konnte mich jedoch wieder befreien. Weiter, weiter, immer nur weiter. Schwarze Schatten flogen um mich herum. Ich schrie so laut ich konnte: "Lasst mich laufen, was wollt ihr von mir, ich habe euch doch nichts getan." Ich verlor fast die Besinnung.

Heute weiß ich nicht mehr, was dann geschah. Jedenfalls sah ich plötzlich in der Ferne ein Licht. Ich taumelte mehr, als dass ich noch laufen konnte. Es war ein einzeln stehendes Haus, tatsächlich ein Haus. Ich war in Thale. Mit allerletzter Kraft schleppte ich mich die Stufen einer Holztreppe hinauf und hieb mit den Fäusten gegen die Tür. Dann verlor ich endgültig die Besinnung. Ich merkte nur noch, wie mich eine warme, angenehme Dunkelheit umfing. Dann war es still.“

An dieser Stell hörte der späte Gast mit seiner Erzählung auf. Ein erleichtertes Aufatmen war von überall her zu vernehmen. Sonst war es still. Nur das Feuer knisterte im Kamin, und von draußen war ein leises Heulen des Windes zu hören. Der Sturm hatte nachgelassen, was bis dahin keinem der Anwesenden aufgefallen war. Zu sehr hielt sie der Erzählung gefangen. Schließlich erhob der Wirt das Wort: „Damit wart Ihr also gerettet, so vermute ich. Oder verfolgten Euch die bösen Geister noch bis in den Ort, und was wurde aus Eurem Vater?“
„Nun“, antwortete der späte Gast. „Ich erwachte nach langem, tiefem Schlaf am nächsten Tag um die Mittagszeit. Ich lag in einem warmen, weichen Bett, das in einer einfachen holzverkleideten Kammer stand. Ich befand mich im Haus des Schustermeisters Holzknecht. Wie mir der alte Meister dann erzählte, hörte er tief in der Nacht ein Poltern an seiner Haustür. Seine Frau und er waren zu Tode erschrocken. Vorsichtig öffnete er oben die Fensterklappen und guckte hinunter. Da sah er mich auf der Treppe liegen. In Windeseile kam er zu mir hinunter und zog mich in die Diele. Schlimm habe ich ausgesehen, berichtete er mir. Wie tot lag ich da auf den Stufen. Nur noch leicht bewegte sich meine Brust. Doch ich atmete. Überall hatte ich Blut auf der zerrissenen Kleidung. Mein Gesicht war voller Schrammen, meine Hände waren zerschunden. Und an meinem rechten Oberschenkel hatte ich eine arge Verletzung. Die hatte ich mir wohl zugezogen, als ich über eine Baumwurzel gestolpert und auf die Steine aufgeschlagen war. Ich muss wohl einen jämmerlichen Anblick geboten haben.
Die guten Leute legten mich in der kleinen Kammer auf das Bett und behandelten vorsichtig meine Wunden. Dann zogen sie mir ein Nachthemd an und deckten mich mit einem dicken Federbett zu. Aber sie sahen auch, dass ich nicht ernstlich verletzt war. Sie vermuteten, dass ich nur einen Schock bekommen hatte. Woher aber, dass konnten sie sich nicht erklären. Abwechselnd saßen sie die ganze Nacht an meinem Bett und hielten Wache. Fortwährend soll ich im Schlaf fantasiert und geredet haben. Immer dasselbe: lasst mich laufen, zurück ihr Hexen und meine armen Eltern. Als ich nach dem Erwachen wieder richtig zu mir gekommen war, erzählte ich ihnen, was vorgefallen war. Sofort machte sich der alte Meister Holzknecht auf den Weg und suchte den Arzt auf und erzählte ihm alles. Der sattelte alsbald sein Pferd und machte sich auf den weiten Weg zur Harzhöhe hinauf.“

Der späte Gast nahm seinen Becher, leerte ihn und setzte ihn wieder auf den Tisch.
„Und was war nun aus eurem Vater geworden?“, fragte der kleine Hagere dazwischen. „Noch am Abend des selbigen Tages kam der Arzt bei meinen Eltern in der Köhlerhütte an. Mein Vater war inzwischen wieder zu sich gekommen, wurde mir später berichtet. Aber er hatte hohes Fieber und starke Schmerzen. Der Arzt stellte fest, dass ihm ein Bein und wohl mehrere Rippen gebrochen waren. Außerdem hatte er wohl Blutungen im Inneren. Der Arzt behandelte ihn so gut als möglich. Es dauerte viele Wochen, ehe der Vater wieder auf den Beinen war. Aber er kam durch. Und meine Mutter pflegte ihn gut, und auch meine jüngeren Geschwister halfen nach Leibeskräften und packten überall mit an, wo es nötig war.
Ich blieb noch einige Tage im Hause des Meisters Holzknecht und seiner Frau. Dann fühlte ich mich wieder stark genug, und mein Onkel aus Stiege holte mich ab und brachte mich nach Hause.

Das war also die Geschichte meiner ersten Begegnung mit den Mächten des Waldes. Ich könnte Euch noch mehr erzählen, doch die Zeit ist schnell vorangerückt. Es ist schon weit nach Mitternacht. Der Sturm hat nachgelassen wie mir scheint. So können wir uns getrost und ohne Furcht in die Schlafkammern zurückziehen. „
Alle leerten ihre Becher und erhoben sich.
„Halt, eins will ich Euch noch sagen. Auch wenn Ihr nicht an Hexen oder Geister glaubt, so rate ich Euch, nicht darüber zu spotten. Vielleicht gibt es sie ja doch. Und wenn Ihr einmal gezwungenermaßen des Nachts im Wald unterwegs seid, dann schaut Euch die Felsen am Wegrand an. Auch Euch könnte ein solches Schicksal ereilen.“
Die meisten der Zuhörer nickten zustimmend. Dann rückten sie die Stühle an die Tische heran und stiegen die knarrenden Stufen der Holztreppe zu den Schlafkammern hinauf.

Während das Feuer im Kamin nun ruhig flackerte und der Wirt noch etwas aufräumte und die Kerzen löschte, ließ der Sturm draußen immer mehr nach, und unzählige Schneeflocken fielen lautlos zur Erde nieder und überzogen Berge und Täler mit einem weißen Tuch. Und aus dem Dunkel des Waldes spähten viele Augen in die Nacht hinein.
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2 Kommentare
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Romi Romberg aus Berlin | 04.12.2016 | 22:26  
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Kurt Wolter aus Hannover-Bemerode-Kirchrode-Wülferode | 05.12.2016 | 11:21  
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