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Stadtallendorf: Munitionswerke sind Kulturdenkmal

Aufbaugebäude, von der Niederkleiner Straße aus gesehen (16.08.2009)
 
Im Seitenflügel des Aufbaugebäudes befindet sich das Dokumentations- und Informationszentrum (16.08.2009)
Wer in Marburg an Baudenkmäler denkt, dem fallen zunächst die Elisabethkirche, das Landgrafenschloss, das Rathaus und die Oberstadt ein.
Die Tatsache, dass auch die im Bahnhofsviertel gelegene, moderne Hauptpost seit 2007 denkmalgeschützt und durch die Aufnahme in das "Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler" geadelt worden ist, war der Oberhessischen Presse bereits zwei Artikel wert und wird bei den Marburger Bürgern kontrovers diskutiert. Der massige und schmucklose Sichtbetonbau aus den Jahren 1973 bis 1976 will nicht so recht in die Vorstellung von einem Kulturdenkmal passen und wird sogar als Bausünde empfunden.

Die umfassende Neubearbeitung des Handbuchs der deutschen Kunstdenkmälder ("DEHIO-Handbuch") hat auch der Kernstadt Stadtallendorf zahlreiche „neue“ Baudenkmäler mit herausragender Bedeutung beschert, die mehrheitlich zur modernen Architektur zählen. In der alten Auflage des Handbuches waren nur die in der Altstadt gelegene barocke Pfarrkirche St. Katharina und die Mainzer Kellerei aufgeführt.

Der bemerkenswerteste Neueintrag ist die Aufnahme der Sprengstoffwerke der Dynamit-Nobel AG (DAG, Werk Allendorf), die in den Jahren 1938 bis 1943 errichtet worden sind. Unter den schutzwürdigen Objekten sind das Aufbaugebäude (ehem. Verwaltungsgebäude der DAG) und die ehemaligen Fabrikhallen als Stellvertreter für moderne Industriearchitektur gelistet. Gemeinhin werden mit diesen Anlagen die Themen Altlasten, Zwangsarbeit und Vernichtungskrieg, die Ansiedlung von Kriegsflüchtlingen und der Aufbau einer modernen Industriestadt verbunden. Nun hat eine Stadt mit ungewöhnlicher Geschichte auch außergewöhnliche Zeitzeugen für Architekturfreunde zu bieten.

Das Aufbaugebäude ist auch als Beispiel für eine gelungene Denkmalsanierung hervorzuheben. Das Gebäude ist bis in die siebziger Jahre von der Post genutzt worden. Mit dem Weggang der Post begann die Folgenutzung als Wohnheim und Kneipe. Infolge Vernachlässigung und zahlreicher Umbauten verwandelte sich das repräsentative Gebäude zu einem Schandfleck, dem der Abrissbagger drohte. Nach der Sanierung sind im dem Gebäude die Polizeiwache, Räumlichkeiten der Stadtverwaltung und das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) untergebracht. Schwerpunkte der Ausstellungen im DIZ sind die Geschichte der Allendorfer Sprengstoffwerke, bei der besonderes Augenmerk auf die Situation der Zwangsarbeiter/innen gelegt wird.

Von den landläufig als „Bunker“ bezeichneten Fabrikationshallen im DAG-Gelände sind noch zahlreiche Gebäude erhalten. Nur wenige Gebäude vermitteln einen Eindruck von dem ursprünglichen Zustand mit begrünten Dachanlagen und den bei zahlreichen Bauten vorhandenen Gleisanschlüssen. Vielfach erfordert es detektivischen Spürsinn, die durch moderne Um- und Aufbauten veränderten und an zeitgemäße Nutzungen angepassten Bunkeranlagen in den Gebäudekomplexen zu entdecken.
Das ehemalige Munitionswerk im WASAG-Gelände (Werk Herrenwald) und die zu den Allendorfer Sprengstoffwerken gehörenden Wohnsiedlungen wie die Haardt-Siedlung sind nicht im DEHIO-Handbuch aufgenommen worden, zeichnen sich aber durch zeit- und baugeschichtlich interessante Bauten und Anlagen aus.

Weitere, im DEHIO-Handbuch aufgenommene Baudenkmäler
Die am 14. Dezember 1952 eingeweihte Notkirche (Montagekirche vom Typ "Diasporakapelle") ist die erste evangelische Kirche in Stadtallendorf und gehört zu den frühen Zeugnissen der Stadtentwicklung nach dem zweiten Weltkrieg. Der ursprüngliche Holzbau mit kleinem Dachreiter ist durch Anbauten und die Nutzung als Gemeindeamt stark vergrößert worden.

Die sichtexponiert auf einer Anhöhe gelegene katholische Kirche St. Michael aus dem Jahr 1960 ist ein Saalbau in Stahlbetonweise mit freistehenden Turm. Die Kirche zählt zu den Vertretern der modernen Sakralarchitektur.

Die im Herrenwald zwischen Stadtallendorf und Neustadt gelegene Wallfahrtskapelle Mariabild stammt aus den Jahren 1893/94 und ist ein interessantes Ziel für Wanderungen und Radtouren. Die Kapelle ist bequem über den durch Stadtallendorf und Neustadt führenden Radfernweg R2 zu erreichen.

Quellen und Informationen
Dehio, Georg; 2008: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler – Hessen I, Regierungsbezirke Kassel und Gießen; München, Berlin
Hitzeroth, M; 2009: Postgebäude gilt als Baudenkmal, Oberhessische Presse vom 12.08.2009; Marburg
Ohne Autor, 2009: Auch Hessens Norden hat jetzt einen Dehio – Handbuch für Kunstdenkmäler erschienen¸ Oberhessische Presse vom 23.12.2008; Marburg

Dokumentations- und Informationszentrum Stadtallendorf: http://www.diz-stadtallendorf.de
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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.myheimat-Magazin Stadtallendorf | Erschienen am 02.09.2009
1 Kommentar
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Herbert Köller aus Stadtallendorf | 17.08.2009 | 08:39  
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