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Viel Natürlichkeit im Wisentgehege bei Springe (Fotos Christel Wolter)

Ein Ausflug ins Wisentgehege ist zu allen Jahreszeiten spannend und interressant.
 
Nicht weit von Hannover entfernt. Am Kleinen Deister bei Springe.
 
Die Wildschweinpopulationen haben in Deutschland dramatisch zugenommen. Die natürlichen Feinde fehlen.
Springe: Wiesentgehege | Für die Deutschen spielte der Wald schon immer eine bedeutende Rolle. Eng verwoben war er mit der Romantik. Wald bedeutete Einsamkeit, Natürlichkeit, Unberührtheit. In den Wäldern durfte die Natur wirklich Natur sein. Heute ist das anders. Natürliche Wälder gibt es in Deutschland so gut wie gar nicht mehr. Forstwälder beherrschen die Landschaft. Leider oft monotone Fichten- und Kiefernwälder. Und nur die allerwenigsten Bäume dürfen in deutschen Wäldern noch alt werden. Doch gerade diese sind es, die einen so wertvollen Lebensraum für alle möglichen Tierarten bieten. Von der Fledermaus über den Specht bis zu gefährdeten Käferarten.
Zur Zeit der Römer war Deutschland noch fast vollkommen bewaldet. Nur die zahlreichen Moore, besonders in Norddeutschland, aber auch in Bayern, ließen freie Flächen zu. Doch zwischen dem 6. und dem 9. Jahrhundert wurde das anders. Die Bevölkerung nahm zu. Immer mehr Dörfer wurden angelegt. Immer mehr Wald wurde gerodet. Oft erkennt man es heute noch an dem Namen vieler Orte, die mit …rode enden. Einen zweiten Kahlschlag gab es zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert. Dörfer vergrößerten sich, neue Feldflächen wurden angelegt. So blieben etwa noch 26 Prozent Deutschlands von Wald bedeckt. Heute sind es immerhin knapp über die 30 Prozent. Doch von Natürlichkeit oder sogar Urwald kann nur in kleinen Inseln die Rede sein. So zum Beispiel in den Deutschen Alpen, im Bayrischen Wald oder im Harz. Dort hat sich noch ein natürlicher Wald erhalten oder ist zumindest wieder im Entstehen.
Und mit der Rodung der Wälder und der immer geringer werdenden Natürlichkeit sind damit auch die heimischen Tierarten verschwunden und durch den Menschen ausgerottet worden. Zunächst war es der Auerochse, von dem die letzten Exemplare vor etwa 400 Jahren aus polnischen Wäldern verschwanden. (Allerdings könnte er, ebenso wie der Mammut und andere Tierarten auch, durch Gen-Forscher schon in naher Zukunft wieder zum Leben erweckt werden.) Der letzte Bär im Harz wurde Ende des 17. Jahrhunderts erlegt. In Bayern hat er sich noch etwas länger gehalten. Doch natürlich müssen wir dabei auch an Bruno denken, der sich nach Deutschland verirrt hatte und der 2006 abgeschossen wurde. Das hätte nun wirklich nicht sein müssen.
Wolf und Luchs überlebten in deutschen Wäldern immerhin bis ins 19. Jahrhundert. Doch dann mussten auch diese dem Menschen Platz machen und wurden ausgerottet.
Und dann gibt es da noch ein großes Wildrind, das in kleinen Gruppen von etwa 20 Tieren in Wäldern lebt und das der kompletten weltweiten Ausrottung nur um Haaresbreite entgangen ist. Das ist der Wisent. Er ist ein Vetter des nordamerikanischen Bison, der einst in Herden zu Hundertausenden in den weiten Prärien graste. Ganze 56 Wisente hatten nach dem 1. Weltkrieg überlebt. Heute hat sich der Bestand auf immerhin wieder 5000 Tiere erhöht. Und diese stammen alle von nur 12 Wisenten ab, die in Zoos und Tierparks überlebt haben. Ein weiteres Trauerspiel wäre es auch gewesen, wenn dieses europäische Großrind dem Auerochsen gefolgt wäre.
In unserer heutigen Zeit und erst seit vielleicht ein bis zwei Jahrzehnten, hat sich die Einstellung des Menschen zur Natur wieder verändert. Es wird umgedacht. Wälder werden zwar weiterhin Nutzwälder bleiben. Doch sie sollen trotzdem natürlicher werden. Bäume sollen wieder dort wachsen dürfen, wo sie von Natur aus ihren Standort haben. So werden in Zukunft die großen Nadelwälder wohl weitgehendst verschwinden, die normalerweise nur in den höheren Lagen der Mittelgebirge oder der Alpen vorkommen und durch Mischwälder ersetzt werden. Und immer mehr Tiere werden in unseren Wäldern wieder heimisch, die der Mensch bei uns ausgerottet hatte. Das ist sehr erfreulich. So leben wieder diverse Wolfsrudel auf deutschem Boden, vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar. Hauptsächlich in Ostdeutschland. Aber auch auf dem Truppenübungsplatz in Munster ist inzwischen eine Wolfsfamilie heimisch geworden. Die gezüchteten und in die Natur freigelassenen Luchse im Harz und anderswo vermehren sich. Für Wildkatzen werden grüne Korridore geschaffen, die Naturschutzgebiete miteinander verbinden. Der Biber ist bei uns von selbst wiedergekommen. An der Alten Leine haben sich in den letzten Jahren mehrere Biberfamilien angesiedelt, die die Landschaft zu ihrem Vorteil verändern und die für Pflanzen und Tiere neue Lebensräume schaffen.
Natürlich ist nicht jeder begeistert von diesen Veränderungen in der Natur. Aber Adler rauben nun mal keine Babys aus im Garten stehenden Kinderwagen, und Wölfe und Luchse gehen dem Menschen aus dem Weg. Selbst der Braunbär würde es tun.
Für die Natur ist diese Entwicklung von großem Vorteil. Es gibt in deutschen Wäldern einen Überschuss an Rot- und Schwarzwild. Und so haben Luchse und Wölfe gute Chancen, ihren Bedarf an Nahrung zu decken. Und wenn sie tatsächlich ab und zu ein Schaf reißen, so kann der Staat den Geschädigten den Schaden ersetzen, handelt es sich dabei doch nur um geringste Beträge.
Wer nun einmal mehr über diese Veränderungen vor Ort erfahren möchte, für den ist ein Besuch der Nationalparks im Harz oder wo auch immer empfehlenswert. Dort gibt es Rangerstationen die Wissenswertes vermitteln, und dort werden Führungen durch eine eindrucksvolle Natur angeboten.
Die erwähnten Tiere bekommt man dabei allerdings nicht zu Gesicht. Höchstens die Luchse in der Aufzuchtstation an den Rabenklippen bei Bad Harzburg. Doch ganz in der Nähe von Hannover, bei Springe am Kleinen Deister, gibt es das Wisentgehege. Und einen Besuch dieser sehr schönen Anlage kann ich ganz besonders empfehlen. Dort sieht man Braunbär, Wolf, Elch, Biber, Fischotter und natürlich den Wisent. Also alles die Tiere, die bei uns in Deutschland einmal gelebt haben oder inzwischen wieder heimisch werden. Natürlich auch die, die überdauert haben. So Hirsche und Wildschweine.
Das ganze Gehege weist einen natürlichen Charakter auf. Der Wald mit zum Teil alten Bäumen darf Wald sein. Umgestürzte Bäume dürfen liegen bleiben und bieten einen Lebensraum für Pilze und Insekten. Die einzelnen Gehege sind anders als in Zoos großflächig, und auch sie wirken natürlich. Man bekommt das Gefühl vermittelt, dass sich die Tiere darin auch wohlfühlen. Natürlich bräuchte ein Wolf noch mehr Auslauf, das ist klar. Aber einen Tierpark für Tiere dieser Art könnte man wohl kaum besser gestalten.
Besonders interessant sind natürlich die Wölfe. Ein Rudel wird von dem Wolfsforscher Vogelsang und dessen Frau aufgezogen. Die beiden leben und schlafen mit den Tieren. Sie sind die Leitwölfe des Rudels und werden dieses ein Leben lang begleiten und das Sozialverhalten der Tiere studieren, das wesentlich stärker ausgeprägt ist als das von Hunden, die durch Zucht völlig auf den Menschen fixiert sind.
Ebenfalls interessant ist die Greifvogelwarte. Natürlich erfährt man bei Vorführungen durch die Falkner ebenfalls viel Wissenswertes und kann die Adler, die bei uns ebenfalls immer heimischer werden, mit ihrer mächtigen Spannweite fliegen sehen.
Das alles und noch viel mehr kann man bei einem Tagesbesuch erleben. Und das lohnt sich für jeden, der an Natur interessiert ist. An den Bäumen bei einem Ausflug in den Wald, und an den Tieren bei einem Besuch im Wisentgehege. Denn die Natur ist ein wunderbarer Ausgleich zum Leben in der betriebsamen und oft hektischen Stadt. Und der Wald, in dem unsere Ururahnen einstmals gelebt haben, hatte gerade für uns Deutsche schon immer einen hohen Stellenwert. Wohl in kaum einem anderen Land wird so viel gewandert wie in Deutschland. Und man muss nur einmal Heinrich Heines Harzreise lesen, sich die Gemälde von Caspar David Friedrich oder Ludwig Richter anschauen, an die Märchen der Gebrüder Grimm denken oder auf dem Gebiet der Musik sich die Opern Der Freischütz von Carl Maria von Weber oder Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck anhören, dann erkennt man es ganz besonders. Überall dort wird der deutsche Wald in romantisch verklärter Weise dargestellt, so wie wir ihn uns erträumen. Und in manchen Gebieten gibt es ihn tatsächlich noch so. Also auf in diese wunderbare Natur.
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1 Kommentar
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 25.11.2012 | 22:59  
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