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Kindheit mit Kirche

Wann? 28.08.2010

Wo? Kirche, Misburg DE
1947 - mit Kleid aus Fallschirmseide
Misburg: Kirche | Ich entstamme einer Mischehe; mein Vater ist katholisch, meine Mutter evangelisch. Für ihn und seine Kirche kommt nur eine katholische Trauung infrage. Meine Mutter darf evangelisch bleiben, aber beide müssen versprechen, ihre Kinder katholisch zu erziehen. Dieses Versprechen halten sie auch ein, mit kleinen Abweichungen.

Soweit ich zurück denken kann, müssen meine Schwester und ich jeden Sonntag sehr früh aufstehen, um rechtzeitig um 9 Uhr in St. Anna zum Kindergottesdienst zu sein. Wenn wir uns verspäten, wird schon mal öffentlich von der Kanzel für die, die zu spät kommen, gebetet. Peinlich.
Erst wenn die Kinder gegangen sind, beginnt der Hauptgottesdienst, so dass die Erwachsenen länger schlafen können, was wir als sehr ungerecht empfinden. Meine Eltern gehen nur Weihnachten und zu ganz besonderen Anlässen zur Kirche. Dafür müssen wir umso öfter, denn da gibt es außer Oster-, Pfingst- und Weihnachtsfeiern noch die Maiandachten, die Kommunions- und Firmungsgottesdienste sowie Fronleichnamsumzüge.

Nun naht bald meine Erste Heilige Kommunion, der ein strenger Unterricht vorausgeht, in dem ich unter anderem auch die Gewissenserforschung erlerne, die vor Beichte und Kommunion zu erfolgen hat. Im Katechismus, dem Lehrbuch, gibt es eine Liste der gängigen Sünden, die ich einen Tag vor der Beichte gewissenhaft durchgehe, meine Verfehlungen raus schreibe und auswendig lerne. Regelmäßig beginnt es mit "Ich habe genascht, ich habe gelogen, ich bin neidisch gewesen ....".
Mit Herzklopen und schlechtem Gewissen flüstere ich durch ein Gitter im Beichtstuhl unserem Kaplan meine Sünden ins Ohr. Er verzeiht mir, sagt, ich soll es nicht wieder tun und gibt mir als Buße in der Regel drei "Vaterunser" und drei "Gegrüßet seist du Maria" auf, die ich anschließend leise auf Knien bete. Danach, mit reinem Gewissen, verlasse ich die Kirche und bemühe mich, bis zum morgigen Sonntag sündenfrei zu bleiben.

Zunächst aber kommt im Jahre 1947, ich bin 10 Jahre alt, der große Tag, die "Erste Heilige Kommunion". Durch die Beichte am Samstag erleichtert, darf ich am "Weißen Sonntag" zum ersten Mal die Hostie im Munde zergehen lassen - ja nicht kauen oder mit den Zähnen berühren! - den Wein trinkt der Kaplan. Die Luft in der voll besetzten Kapelle ist von Weihrauch erfüllt, das Harmonium spielt, alle singen und sind gerührt. Uns ist sehr feierlich zu Mute. Wir Mädchen tragen weiße Kleidchen und große Kerzen in den Händen.

- Mein Kleid wurde aus reiner Seide, aus Fallschirmseide, genäht. Zum Glück war nämlich irgendwann ein Fallschirm im nahen Walde nieder gegangen, dessen Seide sich die Frauen gesichert haben. Für meine Schuhe verwendete der Schuster geweißtes Leinen mit braunen Lederkappen, wofür ihm meine Mutter Kartoffeln aus dem Garten gab. Die Kniestrümpfe waren selbst gestrickt und neigten zum Runterrutschen.
An die Feier danach habe ich keine Erinnerung, nur dass einen Tag später die Nachbarn zum Kaffeetrinken kamen.-

Die späteren Beichten werden immer peinlicher, weil zum Naschen, Lügen usw. noch "Begehen von Unschamhaftigkeiten - allein oder mit anderen" kommen. Als das "mit anderen" geschieht, höre ich mit dem Beichten und der Kommunion auf.

Noch im Jahre 1947 wird unsere Schule geteilt. Es gibt jetzt eine rein katholische und eine Gemeinschaftsschule in Misburg. In die letztere können alle, auch Katholiken, gehen. Jetzt treffen meine Eltern eine weise Entscheidung: "Im späteren Leben kann man sich auch nicht aussuchen, mit welchen Menschen und Konfessionen man zusammen arbeitet". Sie schicken meine Schwester und mich zu unserer großen Freude in die Gemeinschaftsschule. Ich darf nun mit meinen Freundinnen zusammen bleiben. Unser Kaplan ist damit gar nicht einverstanden, aber meine Eltern bleiben standhaft.
Das hat allerdings zur Folge, dass ich zum Religionsunterricht immer mit dem Fahrrad in die Katholische Schule fahren muss, die am anderen Ende des Ortes liegt.

Unser Lieblingslehrer, er unterrichtet Deutsch und Musik, ist zufällig auch katholisch. Meine Freundinnen, alle evangelisch, und ich singen gern in dem von ihm geleiteten Chor. Jetzt steht die Aufführung des Märchens "Sterntaler" an. Ich soll die Hauptrolle, das kleine Mädchen, spielen. Da ich ganz gut auswendig lerne, mit Betonung Gedichte aufsage, die Kleinste der Klasse und dünn bin, würde ich gut in die Rolle passen, meint er.
Er hat aber nicht mit dem Neid und der Missgunst einer evangelischen Mitschülerin und deren Mutter gerechnet. Die Schülerin sollte "nur" einen Engel spielen. Sie behaupten, ich habe die Rolle nur erhalten, weil ich, wie der Lehrer, katholisch bin.
Die Aufführung im Misburger Jugendheim wird ein Erfolg, doch der Lehrer muss anschließend die Gemeinschaftsschule verlassen. Er wechselt auf die Katholische Schule, und ich fühle mich schuldig. Wir haben ihn nicht vergessen.
Wenn die Mitschülerin und ihre Anhänger "Katholischer Bock" hinter mir her rufen, schreien meine Clique und ich "Evangelischer Bock" und "Dreimal um'n Kirchturm gewickeltes Bratpfannengespenst". Das ist ihre Strafe!

Einige Jahre später wurde übrigens der "Seelsorger", der uns Absolution erteilte und Bußen auferlegte, wegen Unschamhaftigkeiten mit weiblichen Schutzbefohlenen in ein einsames Heidedorf verbannt. Ja, die "heilige Kirche" bestraft ihre schmutzigen Hirten nicht eben streng.
Wir haben nie wieder von ihm gehört.
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5 Kommentare
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Hans-Christoph Nahrgang aus Kirchhain | 31.08.2010 | 20:18  
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Irmgard Richter-Brown aus Springe | 01.09.2010 | 12:26  
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Michael Wald aus Laatzen | 29.09.2010 | 22:31  
3.139
Irmgard Richter-Brown aus Springe | 30.09.2010 | 17:07  
40.615
Markus Christian Maiwald aus Augsburg | 01.10.2010 | 12:34  
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