In vier Tagen um die Welt

Im Fort Wadi Rum der jordanischen Wüstenpolizei ...
 
Im Garten Gethsemane. Das Alter der Olivenbäume wird auf mindestens 2000 Jahre zurückdatiert. Sie sollen Jesus schon miterlebt haben ...

Mitte Dezember 2020. Corona. Das Wetter – grenzwertig. Abends um die Häuser laufen um frische Luft zu schnappen – nur widerwillig. Stattdessen Monopoly? Fehlanzeige! Halma, schon gar nicht. Eine Skatrunde geht nicht, da mindestens ein Kumpel der Corona-Verordnung zufolge zu viel gewesen wäre. Bauernskat mit zwei Kumpeln wäre erlaubt. Aber da kann man gleich Mau Mau spielen. Also, was tun?


Dann die zündende Idee: „Wollen wir Dias gucken?“ Meine bessere Hälfte überlegte nicht lange und stimmte zu. Meinen letzten „Dia-Vortrag“ über Australien hielt ich vor 13 Jahren im Golfclub. Seither verstaubten Dia-Magazine und Projektoren im Keller. Denn ich hatte mein Hobby auf Digital umgestellt. Digital ist ja so bequem. Nichts destotrotz: Eine analoge Zeitreise per Dias wäre doch toll.

Gedacht, gesagt, getan: Ich in den Keller, studiere die Label auf den inzwischen angestaubten Kodak-Magazinen und entscheide mich für die virtuelle Reise ins gelobte Land. Diese Reise organisierte 1982 ein Pastor aus Hamburg-Neugraben. An mehreren Abenden bereitete er uns auf die ökumenische Bedeutung unseres Ausflugs vor, der uns nach Jordanien, Israel und Ägypten führen sollte. Und in Ägypten war ich doch schon, als ich in den 60er Jahren zur See fuhr. Erinnerungen wurden wach. Das wäre doch ein guter Einstieg, dachte ich. Ich packe also 10 Magazine a‘ 100 Dias in eine große Tasche und trug sie in die Wohnung. Sodann schleppte ich den Projektor - ein schweres Profi-Gerät – nach oben und last not least folgte auf dem gleichen Weg die Leinwand.

Ich baute auf. Probelauf. Scharfstellung. Fernbedienung. Perfekt! Die Show konnte beginnen. Erste Bilder zeigten Luftaufnahmen vom Anflug auf Amman. Landung, Gepäckabfertigung und zack in den Bus und ab ins Hotel. Die nächsten Bilder entstanden beim Rundgang durch Amman. Gerade als es spannend wurde, verlor der Projektor seine Leuchtkraft, die Lampe war durchgebrannt.

Jetzt rächte sich mein Versäumnis: nämlich die Pflege meiner Projektionsausrüstung. Ersatzlampe? Fehlanzeige! Meinem gutgemeinten aber erfolglosen Einsatz folgten gute Ratschläge. „Warum gibst du die Dias nicht nach Hannover zum Scannen?“, ratschlagte meine bessere Hälfte, „In der HAZ stehen häufig einschlägige Angebote, dann könnten wir die Bilder doch auf dem Fernseher sehen!“ Was sie nicht wusste: Auf solch ein Angebot bin ich vor Jahren schon mal reingefallen. Ich gab erstklassige, scharfe Dias einer Irland-Reise hin und zurück bekam ich unscharfe und unter- bzw. überbelichtete, blaustichige JPEG-Dateien. Ich bedankte mich für den wohlmeinenden Rat und ganz leise fügte ich hinzu: „Never again!“

„Wir verschieben unseren Event um einige Tage“, kündigte ich an, „ich besorge eine neue Lampe bei meinem Fotohändler in Hannover.“ Also fuhr ich nach Hannover. Dort angekommen, stand ich vor einem vergitterten Eingang. Hinweis im Fenster: Wegen Corona geschlossen. So tat ich, was ich nur ungern tue, ich bestellte die Projektorlampe im Internet. Wenige Tage wurde sie angeliefert. Ich baute die Lampe sogleich ein. Die Show begann von neuem. Es passierte auf unserer virtuellen Fahrt zwischen Amman und Petra. Wir machten gerade Pit-Stopp an einem einheimischen Wochenmarkt, das Dia zeigte geschlachtete Schafe oder Ziegen, die in Folie gehüllt an einem Galgen in der Sonne hingen, als die Fördermechanik des Projektors ihren Geist aufgab. „Jetzt reicht’s“, fluchte ich.

Es war an der Zeit, neu zu denken mit der Folge, dass ich meinen inneren Widerstand und meine Vorbehalte gegen das Scannen aufgab. Mir war klar, dass Digital einfach einfacher sein müsste. Ich entschied, die Dias via Scanner in die Gegenwart zu transferieren. Also googelte ich die einschlägigen Märkte. Saturn bot wie viele Märkte einen an, der erstens sehr gute Beurteilungen von Käufern hatte und zweitens mit einer Speicherkarte arbeitete statt die Ergebnisse direkt auf den Rechner zu übertragen. Einen Tag vor Heiligabend bestellte ich den handlichen Scanner. Am nächsten Abend, noch vor der Bescherung, lieferte der DHL-Weihnachtsmann das Gerät. Auspacken, Bedienungshandbuch studieren und den Scanner ausprobieren, hatte nun Priorität.

Mein Dia-Lager war prall gefüllt. Der „Bilderbogen“ spannte sich von Jordanien über Israel nach Ägypten, Australien, Amerika, Kanada, Italien, Irland und Süd-England. Das erinnerte mich ein bisschen an Jules Vernes „Die Reise um die Erde in 80 Tagen (1873)“. Ich liebte dieses Buch und so darf es nicht verwundern, dass ich im Geiste in die Rolle des englischen Exzentrikers und Gentleman Phileas Fogg schlüpfte, der in einem Ballon zusammen mit seinem Diener Passepartout um die Erde reiste. Aber nein, ich war weder Fogg noch Passepartout, ich war Heilig Abend 2020 auf mich allein gestellt, ohne Ballon, nur mit meinen rund fünftausend Dias. Neben mir ein Pott Kaffee, vor mir der Scanner, rechts ein offenes Rundmagazin und der Dia-Schlitten. Die Scangeschwindigkeit war mit 2 Sekunden angegeben. Also: Frisch ans Werk.

Die vier Magazine mit Bildern der ökumenischen Reise ins gelobte Land kamen zuerst an die Reihe. Dia um Dia wanderte via Schlitten in den Scanner mit seinem 3,5"-Touchscreen-LCD-Display und der automatischen Farbkorrektur. Nach und nach stieg in mir die Spannung. Denn das Display zeigte mir in guter Qualität Orte, an denen ich mit meiner besseren Hälfte gewesen bin. Ich konnte nicht mehr aufhören, den Schlitten zu bestücken und in den Scanner zu schieben. Es war wie eine Sucht. Ich ritt quasi auf einer emotionalen Scan-Welle, die sich erst am vierten Tag nach Beginn wieder beruhigte, als ich das letzte Dia durch den Scanner geschoben hatte.
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4 Kommentare
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Thomas Ruszkowski aus Essen | 31.12.2020 | 16:55  
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Kurt Battermann aus Burgdorf | 31.12.2020 | 17:34  
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Werner Szramka aus Meinersen | 01.01.2021 | 16:11  
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Christel Löhle aus Wedemark | 10.03.2022 | 22:29  
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