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Der Sportverein Dedensen von 1909 e.V. feiert sein 100-jähriges Bestehen

Die Entwicklung in einem 350-Einwohner-Dorf wie Dedensen hin zum Sport hat sicherlich schon früher begonnen, aber die offizielle Gründung zu einem Sportverein ließ lange auf sich warten. Gründe gab es einige: dazu gehörte die konservative Grundeinstellung des dörflichen Lebens, geprägt von Landwirtschaft und Arbeit. Sie änderte sich im Laufe der Jahre erst durch außerörtliche Einwirkungen. An Sport war lange Zeit in der Dorfgemeinschaft nicht zu denken, denn die Meinung, daß Arbeit die Manneskraft fördere, herrschte überall vor. Obwohl das Königreich Hannover viel von dem politischen Zusammenleben mit Großbritannien im 19. Jahrhundert übernahm, einem Land, das dem Sport schon früh ein breites Spektrum einräumte, wurde die besondere Bedeutung der Vorteile des Sports hier schlicht und einfach nicht erkannt. In Hannover gründete sich der erste fußballspielende Verein Eintracht, doch mit dem heutigen Spiel nicht zu vergleichen, eher mit Rugby. Erst nach und nach entwickelte sich der Sport im Königreich Hannover.

Sport war damals nur Turnen, andere sportliche Aktivitäten wurden lediglich von einem geringen Kreis elitärer Verbindungen ausgeführt. Man denke nur an die schlagenden studentischen Verbindungen, die Fechten und Reiten zu ihrem Freizeitvergnügen machten. In den Dörfern hatten als Vereine allenfalls Gesangvereine und Kriegervereine ein Dasein. Doch die allgemeine Begeisterung, die der sogenannte Turnvater Friedrich Ludwig Jahn in Preußen mit dem Turnen auslöste, erreichte auch das hannoversche Land. Friedrich Ludwig Jahn war jedoch aus heutiger Sicht ein durch und durch deutschnationaler Freidenker, der des öfteren mit der damaligen Obrigkeit in Konflikt geriet, deshalb verurteilt wurde und in Kerkerhaft einsaß.

Was war Turnen eigentlich?

Am Anfang stand in Preußen als grundsätzliche Zielsetzung die körperliche Fitness der jungen Männer. Sie sollten für kriegerische Kampfhandlungen – es handelte sich zu diesem Zeitpunkt um die napoleonischen Besetzungen in Deutschland und deren Befreiung – vorbereitet werden. 1811 schuf Friedrich Ludwig Jahn den ersten Turnplatz in Deutschland auf der Hasenheide bei Berlin. Hier standen Turngeräte, die GutsMuths erfunden und geschaffen hat. Dieser war auch verantwortlich für viele Impulse, die Jahn in die Tat umsetzte. Von Jahn stammen auch die vier „F“, die folgendes beinhalten: „Frisch ans Werk, fromm im Glauben an die Gemeinnützigkeit und Wertbeständigkeit des Schaffens, fröhlich untereinander und frei und offen in allem Handeln.“ Jahn war ein eingefleischter Deutschnationalist, der auf fremdenfeindliche Einflüsse außerordentlich schroff reagierte. So stammt von ihm folgende Äußerung: „... die Kleinstaaterei verhindert Deutschlands Größe auf dem Erdenrund. Wer seinen Kindern die französische Sprache lehren läßt, ist ein Irrender, wer dahin beharrt, sündigt gegen den heiligen Geist. Wer aber seinen Töchtern französisch lehren läßt, ist das ebenso gut, als wenn er ihnen Hurerei lehren läßt. Polen, Franzosen, Pfaffen, Junker und Juden sind Deutschlands Unglück“. Dies sind 1810 die Worte des Turnvaters Jahn, außergewöhnlich starker Tobak, den wir heute Gott sei Dank so nicht mehr stehen lassen. Er würde heute als Antisemit ob dieser Äußerungen verurteilt werden.

Vor 140 Jahren – das Königreich Hannover war inzwischen aufgelöst und von Preußen annektiert – wurde in einem Schreiben vom 28. Mai 1869 folgendes an die Schulräte der Inspektion Wunstorf mitgeteilt: „Der Unterricht im Turnen, der schon seit längeren Jahren in den alten Provinzen Preußens mit Erfolg eingeführt, ist bei uns etwas Neues und wird, wie jede neue Einrichtung, einer Empfehlung bedürfen. Im höheren Auftrage spreche ich mich denn über den Turnunterricht, der den Knaben der Volksschule ertheilt werden soll, aus. Es fehlt auf dem Lande in der Regel den Knaben in sofern nicht an körperlicher Ausbildung, als dieselben schon früh zu ländlichen Arbeiten herangezogen werden; indes lehrt die Erfahrung, welche man in den älteren Provinzen Preußens gemacht hat, daß trotzdem ein Segen im Turnen ist. Der Körper erhält durch das Turnen Gewandtheit, und da doch in manchen Jahreszeiten die Arbeit ruht, auch Kraft und Stärke. Zugleich ist es die beste Vorübung für den militärischen Stand, dazu ja jeder Gesunde herangezogen wird. Daß nun, wenn der Leib geübt, gekräftigt und gewandt wird, auch der Seele dadurch mehr Selbstständigkeit und Muth gegeben wird, ist wohl bei der genauen Verbindung zwischen Geist und Leib nicht zu bezweifeln, und so bitte ich denn die sämlichen Schulvorstände der Inspektion Wunstorf, den Turnunterricht befördern zu wollen. In Gemeinden, wo ältere Lehrer stehen, wird es schwerlich mit dem Unterricht nicht eingehen, indeß wo junge Lehrer sind, da kann der Unterricht nach dem bei Herz & Brohn erschienen neuem Leitfaden für den Turnunterricht in preußischen Landschaften eingerichtet werden. ... Ich fordere die Schulvorstände auf, in den nächsten vier Wochen ... den Turnunterricht zu befördern. Isenberg“.

Ein Protokoll des Kirchenvorstandes der Dedenser Kirchengemeinde berichtet am 27. Juli 1869, daß man sich nach Kräften für den Turnunterricht an der hiesigen Schule einsetzen will. Es muß zur allgemeinen Kenntnis noch hinzugefügt werden, dass zu diesem Zeitpunkt die Kirche für den Schulbereich – in Dedensen war dafür der Pastor zuständig – die Aufsicht inne hatte.

Junge Leute waren es schließlich, die den Turngedanken auch in Dedensen in die Tat umsetzen wollten. Sie waren im Zeitalter der Industriealisierung in auswärtigen Städten mit diesem Gedankengut vertraut gemacht. Doch die konservativen Widerstände mußten erst gebrochen werden. Und dieser Vorgang hatte, wie in anderen Dörfern, auch in Dedensen Gültigkeit. 1909 gründete sich der Männerturnverein Dedensen. Er war anfangs nur den Männern und Jungens vorbehalten. Frauen hatten nichts mit dem Turnen zu tun. Die Entwicklung nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg brachte aber einen immer größer werdenden Einfluß der Frauen. Und so blieb es nicht aus, daß im Frühjahr 1926 erstmals eine Turnerinnenabteilung ins Leben gerufen wurde. Die vereinsmäßig betriebene Turnerei blieb im sogenannten 3. Reich bis zur Auflösung der Vereine bestehen, während der Kriegszeit ruhte der Turnbetrieb völlig.

Mit Genehmigung der britischen Besatzungsmacht wurde schon 1946 mit dem sportlichen Leben im Verein begonnen. Für die Gewährleistung des Sportbetriebs waren noch viele Probleme zu lösen. Der Gastwirt Heinrich Heimberg zeigte großes Verständnis mit den Turnern und stellte seinen Saal als Trainingsmöglichkeit zur Verfügung, obwohl anfangs Turngeräte nur spärlich vorhanden waren. Im nun Turnverein Dedensen genannten Verein bildeten sich neue Sparten wie Tischtennis, Leichtathletik und der immer populärer werdende Fußball. Im Jahre 1963 wurde ein Areal als Sportplatz freigegeben und 1965 die jetzige Bezirkssportanlage dem Verein übergeben. Zum dritten Male änderte der Verein seinen Namen. Der selbstständige Fußballclub Dedensen, der sich vor Jahren vom Verein gelöst hatte, kehrte in den Verein zurück. Der Verein nennt sich seither „Sportverein Dedensen von 1909 e.V.“


Wilfried Sasse
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