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Männer machen Dreck

Kennen Sie das auch? Man macht an seinem freien Tag schnell noch eben das Haus „schön“, jedenfalls so, wie man eben meint, das es sein müsste, d. h. kurz mit dem Staubsauger über die schlimmsten Bereiche, Geschirr ordentlich aufräumen, die Zeitungen noch schnell zusammenlegen und dann ab zu - was auch immer man machen möchte, um den Tag zu genießen. Für viele ist es das Shoppen. Bei mir ist es der Saunabesuch. Nichts ist entspannender, nichts verhilft mir besser, ausgeruht und wohlwollend nach Hause zurückzukehren.
So auch letzte Woche. Nachdem meine Männer das Haus verlassen hatten, flitzte ich für das Nötigste durch das Haus, packte in Windeseile meine Sachen und eilte zum Schwimmbad. Meine Männer hatten mir den ganzen Tag frei gegeben, und so ließ ich mich mit einem wohligen Seufzer auf der hölzernen Bank in der finnischen Sauna nieder. Nach dreieinhalb Stunden war ich durch und durch locker, entspannt und schläfrig. Als ich nach Hause kam, in Erwartung eines glücklichen Empfangs meiner Lieben, schließlich hatten sie eine lange Zeit meine fürsorgliche Obhut entbehrt, wurde ich enttäuscht. Draußen standen zwei Paar Kinderschuh, eines davon bekannt, eins eher weniger. Beide waren gefüllt mit mehreren Schaufeln Sand, so dass es mir unwahrscheinlich erschien, dass die Füße und der Sand gemeinsam ausreichend Platz in den Schuhen hatten. Feuchte Fußtapsen mit Sandauflagerungen zogen sich zunächst durch den Flur in die Küche, wo zwei Gläser auf der Ablage neben dem Kühlschrank halbgefüllt in einem Flüssigkeitsring klebten. Von dort zogen die Spuren weiter zur Treppe, wo sie sich auf dem Stufenteppich verloren. Ich ging nach oben und öffnete die Tür zum Zimmer meines achtjährigen Sohnes. „Hallo, ich bin wieder da!“, worauf der beste Freund meines Sohnes wenigstens ein Hallo zurückmurmelte, während mein Sohn gar nicht aufblickte. Enttäuscht über diese Gleichgültigkeit führte mein Weg mich nun durch das Wohnzimmer, wo wahllos Zeitungsseiten aufgeschlagen auf dem Tisch lagen, daneben eine angebissene Scheibe doppelter Toast mit Käse und Salami, die Krümel verstreut über Zeitung und Tisch. Die Bürotür meines Mannes war halb offen, so dass ich auch hier meinen Kopf in den Raum streckte und auf meine fröhliches „Da bin ich wieder!“ ein kurzes Winken als Entgegnung bekam, gefolgt von den Worten „Ich muss noch eben etwas schreiben!“ Meine Hochstimmung setzte zum Sinkflug an. Ich ging zurück in die Küche und machte mir einen Tee. Dabei fiel mir das Kaffeepulver neben der Kaffeemaschine auf, das sich in den Ritzen am Übergang zum Spülbecken befand. Als ich versuchte, es mit dem Fingernagel herauszuputzen, schnitt ich mich am Metall. Ich griff das Geschirrhandtuch, um es um den Finger zu wickeln und das Blut nicht in der Küche zu verteilen, verharrte jedoch in der Bewegung, als ich das einst blütendweiße Tuch erblickte, auf dem sich die Spuren von Schokolade, Apfelsaft und anderen undefinierbaren Materialien befanden, unschwer als Folge einer Reinigungsaktion meines Sohnes zu erkennen. Ich entschied mich dann also doch für das saubere, saugfähige Küchenpapier, drückte es auf die Einschnittstelle und verzog mich mit meinem Tee frustriert ins Wohnzimmer. Ich gebe zu, dass trotz fehlendem Zusammenhang der Schnitt den Ärger über die Verunreinigungen erheblich gesteigert hatte. Ich saß also da mit meinem eingewickelten Finger und meiner Teetasse und sinnierte darüber, wie ich meine Vorstellung von Sauberkeit und Ordnung auf meine Männer übertragen könnte, weil ich keine Lust hatte, nun meine morgendliche Reinigungs- und Aufräumaktion zu wiederholen. Alles in mir schrie danach, dem Frust freien Lauf zu lassen, Türen aufzureißen und meinem jeweiligen Kontrahenden seine Fehlleistungen zu verdeutlichen. Ich versuchte jedoch mit aller Macht, diesen Impuls nicht nachzugeben. Zahlreiche Erfahrungen auf diesem Gebiet hatten mich gelehrt, dass der jeweilig Mir-Gegenüber mich lediglich aus staunenden Augen anstarren wird, bis meine Vorhaltungen ein Maß erreicht hatten, der zum Widerspruch und damit unausweichlich zum Streit führten. Ich nahm mehrere Schlucke Tee und versuchte mich durch langsames Rückwärtszählen zu beruhigen.
Dabei musste ich an meine Vermieterin in meiner Studienzeit denken: Frau Hartmann war bereits über 80 Jahre alt und hatte sich durch die Zimmervermietung eine Steigerung ihrer sozialen Kontakte versprochen. Ich gebe zu, dass sie in dieser Hinsicht nicht allzu viel von mir hatte. Aber einmal im Monat trafen wir uns, ich überbrachte die Miete und sie forderte mich auf, in ihrer guten Stube Platz zu nehmen. So erzählte ich ihr dann etwas von meinem Studium, meinem Heimatort oder meinem Hund, und sie erzählte mir aus ihrem Leben. Bei einer solchen Begegnung fiel mein Blick auf das Schwarzweißfoto ihres Mannes. Sie nahm es in die Hand und seufzte „Er war ja so ein schöner Mann. Immer so gepflegt und so gut gekleidet. Nun ist er schon seit 15 Jahren tot.“ Auf meine Frage, ob sie ihn noch immer sehr vermisse, nickte sie langsam und sagte: „Aber jetzt habe ich nicht mehr so viel Arbeit. Das merkt man doch sehr. Männer machen eben Dreck.“ Erstaunt über dieses Pauschalurteil schaute ich sie an. Aber sie erzählte weiter aus ihrem Leben, ohne dass sie mein Erstaunen registrierte. Für sie schien es sich um ein unumstößliches Gesetz zu handeln, so wie Dinge nun einmal auf die Erde fallen und nicht schweben. Es macht ja auch keinen Sinn, ein vom Tisch gefallenes auf dem Fußboden klebendes Honigbrot zu schimpfen. Die Gesetzmäßigkeit der Erdanziehung hatte ich gelernt zu akzeptieren.
Ob es mir irgendwann gelingt, auch ohne zu hadern mit dem Hartmannschen Gesetz „Männer machen Dreck“ zu leben?
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