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Elstern sind auch nur Menschen

Heute hatte ich die Gelegenheit, einmal mit Muße ein Elsterpaar zu beobachten, das damit begonnen hatte, ein Nest zu bauen oder ein Altnest zu sanieren. Genau kann ich das nicht sagen, da ich nicht weiß, ob der unordentliche Zweighaufen oben in dem Ahorn bereits vorhanden war oder nicht. Auf jeden Fall zupften sie gemeinsam eifrig kleine Äste und Zweige zurecht und warfen sich, wie es mir schien, einverständige Blicke zu. Dann zog sich aber das Männchen mehr und mehr zurück, beobachtete schließlich nur von einem benachbarten Ast das Treiben seiner Frau, um kurze Zeit später davonzufliegen und von mir in der nächsten Stunde nicht mehr gesehen zu werden.
Die Situation erinnerte mich sehr an gemeinsame Kelleraufräumaktionen mit meinem Mann. Zunächst wird hochmotiviert alles zwecks Aussortierens aus Regalen, Kisten etc. ausgeräumt. Dabei ist mein Mann ganz vorn, während ich eher zurückhaltend versuche, das Chaos um mich herum klein zu halten. Doch dann, wenn man beginnt, einzelne Teile endgültig der Verwertung zuzuführen, andere Teile säuberlich sortiert wieder zu verstauen, erlischt die anfängliche Euphorie zusehends. Es beginnt damit, dass mein Mann ein wenig zur Seite tritt und mir bei meinen Tätigkeiten eine Weile zusieht, begleitet von einigen sorgsam ausgewählten Ratschlägen, wie z. B.: „Du, den alten Grill können wir noch gut als Ersatzgrill behalten, aber wir sollten ihn doch ganz nach hinten an die Wand stellen. Er nimmt ja doch viel Platz weg.“ Hierbei achte man auf das sorgfältig eingeflochtene Wort „wir“, das ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt und die Anwesenden in einen gemeinsamen wichtigen Entscheidungsprozess einschließt. Sollte ich dann dies enge Verbundenheit durch ein: „Den haben wir jetzt schon fünf Jahre nicht mehr gebraucht, der kommt weg“ zerstören, sehe ich an der gerunzelten Stirn meines Mannes, dass seine Gefühle tief verletzt sind und ein jäher Abbruch der Gemeinschaftsaktion kurz bevor steht. Natürlich endet es nicht direkt z. B. mit den Worten „Mach Deinen Sch... doch allein!“. Dies wäre zu offensichtlich, zumal er weiß, dass ich weiß, dass ein schnelles Ende der unbeliebten Tätigkeit von ihm durchaus gewünscht ist, er also nach jedem Strohhalm greifen würde, der ein Verlassen des Kellers rechtfertigt. Eher endet es damit, dass er aufspringt und mich mit erstaunlichen Vorschlägen überrascht, wie: „Du, für das Regal hole ich mal eben eine Schraube. Dafür muss ich aber zum Baumarkt, ich habe nämlich keine passende.“ Sprach‘s und verschwand … für die nächsten 2 bis 3 Stunden.
Mir geht es dann so wie der Elsterfrau, ich werkele weiter, emsig, alleingelassen, aber mit einem festen Ziel vor Augen und innigem Verständnis für meinen Mann.

Die Elster zupfte ebenfalls noch eine geraume Zeit an ihrem Nestprojekt, schwang sich dann aber in die Lüfte und verschwand für kurze Zeit, um mit einem zugegeben sehr außergewöhnlichem Zweig wiederzukommen. Außergewöhnlich insofern, dass er wirklich krumm und schief mit den verschiedensten Abzweigungen in sich war. Fleißig begann die Vogelfrau nun dieses Objekt in ihrer zukünftigen Behausung zu arrangieren. Ich sah, wie sie es hin und her zog, mal dort hineinsteckte, dann wieder herauszog, andere Zweige zur Seite zupfte, um den neuen an verschiedenen Stellen zu platzieren. Dies ging so über eine gute Viertelstunde, bis ich sah, dass sie den Ast wieder ganz aus dem Nestgebilde herauszog und einfach fallen ließ. Dann stieß sie sich erneut von dem Baum ab und flog davon, ohne dem vorher doch so viel Zeit gewidmetem Zweig noch eines Blickes zu würdigen.
An dieser Stelle beneidete ich die Vogeldame, da ich auch hier wieder Parallelen zu meinem eigenen Leben erkennen musste. Wahrscheinlich kennen sie das auch. Man geht mal zu Ikea oder ähnliche Läden, die einem helfen, das traute Heim anheimelnd zu dekorieren. Man schlendert an den Regalen entlang, ohne zu wissen, was man eigentlich sucht, und dann steht es da. Man muss es einfach haben, die Farbe ist perfekt, die Form schlicht und elegant. Also wird es sofort käuflich erworben, auch wenn es ein paar Euro teurer ist als man eingeplant hatte. Zuhause angekommen sucht man nach dem perfekten Platz für das neu erworbene Objekt. Man arrangiert hin und her und stellt dabei fest: Na, ganz so toll ist es doch nicht. Dann bekommt man vielleicht noch einen wenig aufbauenden Kommentar von seinem Liebsten: „Na, was hast Du denn da Schönes gekauft? Und was macht man damit?“ Und schon steigt in einem die Verzweiflung und Wut. Schließlich hat man ja eben selbst eingesehen, dass das Ding eigentlich zu nichts taugt, außerdem nirgendswo richtig hin passt, geschweige denn, dass es eine Bereicherung für das traute Heim darstellt. Da ist der Punkt, wo ich die Elster beneide, aber ich kann das Ding nicht einfach von einem Baum bzw. aus dem Fenster werfen, dafür war es viel zu teuer. Also bringe ich es in den Keller, stelle es achtlos in ein Regal, um dann bei der nächsten Aufräumaktion mit meinem Mann erneute Parallelen zur Tierwelt zu finden.
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