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Alltag im Krankenhaus. Der Corona-Test. Bericht eines Patienten

Ich kam noch einmal am 14. Dezember 2020 Hals über Kopf in die Klinik, nachdem mein Urologe beim Ultraschall festgestellt hatte, dass eine Schwellung im Unterbauch, die ich vor langer Zeit bemerkt hatte, ein Abszess ist, der in die Blase gewandert ist.
Prognose: Der muss sofort operiert werden, weil es lebensgefährliche Komplikationen geben könnte.

Eine Tochter brachte mich zur Notaufnahme einer Recklinghäuser Klinik. Dort wurde zuerst ein Corona-Schnelltest gemacht.
Nach vielen Formalitäten wurde ich gründlich untersucht. Der behandelnde Arzt sagte, es sei höchste Zeit für eine erneute Operation, denn „es droht eine Blutvergiftung. Wir werden den Abszess herausschneiden.“

Am nächsten Tag erfolgte der Eingriff unter Vollnarkose. Als ich wieder bei vollem Bewusstsein war, sagte ich zu den Ärzt*innen im OP: „Wie, schon fertig? Davon habe nichts bemerkt. Ich habe die Narkose als halbwach erlebt, in einem Zustand, als ob ich schwebe.“

Ich kam auf ein Patientenzimmer im oberen Stockwerk. Dort war ich allein und bin am nächsten Tag fast zwei Stunden lang bei offenem Fenster am Rollator hin und hergelaufen, um mich zu entspannen.

Am 16. Dezember habe ich mir den Krimi „Kommissarin Heller: Panik“ angesehen. Der Film war noch nicht zu Ende, als ein Pfleger mir einen Zettel gab, auf den er geschrieben hatte: „Sie sind Corona-Positiv. Sie gehen auf eine andere Station. Sie werden gleich verlegt. Haben Sie keine Angst! Alles ist in Ordnung!“
Ich wollte wenigstens das Ende des Filmes nicht verpassen und habe weiter „geguckt“.
Dann kamen mir Zweifel an der Nachricht, denn alle Untersuchungswerte waren und sind normal: Blutdruck: 140 zu 70, Körpertemperatur um 36° C., Blutbild ohne Befund.

Verlegt wurde ich nicht, denn ich war bereits isoliert und in Quarantäne. Am nächsten Tag – wieder so ein unnötiger Aufwand – brachte man mich eine Etage höher in die Corona-Covid-Station.
Wie lange ich hierbleiben muss, konnte mir niemand sagen. Vier Wochen?
Die Station liegt ganz oben. Ein Zweibettzimmer. Noch bin ich allein.
Ich sitze oft am Fenster und schaue hinaus. Am Horizont ist der Wasserturm, in dessen Nähe wir wohnen.

In der Nacht wachte ich auf und sah, dass große Mengen Blut durch den Verband gesickert waren. Unterwäsche, Bettbezug, OP-Hemd waren nass.
Eine Krankenschwester, die Nachtdienst hatte, kam sofort, und legte mich trocken.

Übrigens, die meisten Menschen, die hier arbeiten, sind Migrant*innen aus arabischen Ländern, aus der Türkei, aus osteuropäischen Ländern wie Russland und Polen und aus Afrika.
Ich habe von ihnen viel Zuwendung erfahren.
Sie alle sprechen fließend deutsch und schreiben fast fehlerfrei. Besonders Shara, eine junge und liebenswerte Frau, hat eine außergewöhnlich schöne Handschrift.

Heute hat der mich behandelnde Arzt einen etwa 20 cm langen Tampon aus der OP-Wunde herausgezogen, die Wunde durchgespült und mit einer Pinzette einen neuen, mit Jod getränkten Tampon hineingestopft.
Die Wunde blutet nicht mehr. Sie ist trocken. Aber sie muss mehrmals gereinigt werden, damit keine neue Entzündung entsteht.

Heute, nach zwei Tagen, habe ich mich zum ersten Mal mit Hilfe einer Pflegerin vollständig waschen und die Unterwäsche wechseln können.
Das Kruzifix an der Wand hängt zu hoch. Ich hätte es sonst mit einer Corona-Maske zugedeckt.
Ich bin in einem katholischen Krankenhaus.

Endlich, am 19. Januar, die erlösende Nachricht: „Sie können nach Hause! Heute Mittag! Ihre Corona-Werte sind so gering, dass keine Gefahr besteht.“
Malteser brachten mich im Krankenwagen heim. Zuhause ist erstmal Quarantäne für meine Frau und mich.

Am 20. Januar liegt ein Brief vom Gesundheitsamt Recklinghausen im Kasten. Eine „Anordnung von Schutzmaßnahmen im Sinne des Infektionsgesetzes (…) Quarantäne (…) gemäß §§ 28 und 30 (…) bei Erkrankung mit Civid-19“.
Gegen mich „ergeht“ folgende „Ordnungsverfügung“: „Quarantäne ab dem 16.01.2021 bis auf Widerruf.“
„Für den Fall der Zuwiderhandlung“ wird mir „ein Zwangsgeld in Höhe von 5.000,- €“ angedroht.
„Für den Zeitraum ab 16.01.2021 bis auf Widerruf Quarantäne, d. h. im genannten Zeitraum darf die Wohnung von“ mir „nicht verlassen werden.“
„Im Rahmen der häuslichen Absonderung sollte keine Mülltrennung vorgenommen werden. Sowohl Verpackungsabfälle als auch Biomüll und Altpapier sollen über die Restmülltonne entsorgt werden, damit die Abfälle verbrannt werden.“ *
Die Mülltonnen sind heute Morgen wie üblich getrennt auf die Straße gestellt worden. Den Brief der Stadt RE haben wir erst später im Kasten entdeckt. Wer rechnet schon mit einem Posteinwurf um Mitternacht!
Am 21. Januar teilt auf Anfragen meiner Schwiegertochter das Gesundheitsamt mit, alle Einschränkungen seien zu unseren Gunsten aufgehoben! Das Chaos ist perfekt.
Heute Nachmittag kommt vom Bürgerbüro der Stadt ein Schreiben mit einer Einladung ins Impfzentrum Recklinghausen zur Impfung gegen das Corona-Virus!

* Anmerkung:

Dieses Beamtendeutsch stammt aus dem Mittelalter. Das ist die Sprache obrigkeitlicher Herrschaft.

26. 01. 2021

Heute endlich kam das Schreiben der Stadt RE, in dem mir in schönstem Beamtendeutsch mitgeteilt wird, dass bei mir mit Ablauf des 25.01.2021 „alle Kriterien vorliegen“, [um] mich „sowohl aus der Quarantäne als auch aus der Unterwerfung einer behördlichen Beobachtung im Zusammenhang einer zuvor nachgewiesenen Infektion mit dem Corona-Virus (Sars-CoV-2) entlassen zu können.
Vor diesem Hintergrund hebe ich meine Ordnungsverfügung […] vom 20. 01. 2021 mit Ablauf des 25. 01. 2021 vollumfänglich wieder auf […]
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1 Kommentar
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Christine Schwarzer aus Dessau | 23.01.2021 | 11:37  
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