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Mosaik des Lebens

Judith vor der "Satteldüne" auf Amrum 1989
Bei einem Besuch der St. Nikolai Kirche kam mir der Aufruf „Setzten sie (sich) ein Denkmal“ in die Hände. Ein Denkmal? -- Meine verstorbene Tochter sollte hier ein Denkmal erhalten, denn die Nikolaikirche war u. a. an einer nicht alltäglichen Geschichte im Leben meiner Tochter stark beteiligt.

Judith 30.10.1975 - 01.05..2000
Wenn man nur eine Ecke eines Mosaikbildes betrachtet, können die Steinchen einer Farbe nicht viel aussagen. Erst das Zusammenspiel aller kleinen Teile ergeben ein Bild, oft ein Kunstwerk für sich.

Meine Tochter Judith hatte Mukoviszidose, eine genetisch bedingte und damit unheilbare Stoffwechselkrankheit, bei der allmählich sämtliche inneren Organe durch zähen Schleim zerstört werden. 1975, ihrem Geburtsjahr, lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 10 Jahren. Der Krankheitsverlauf nahm seit ihrem 10. Lebensjahr kritische Formen an, so dass ich mich verzweifelt an die damals führende Klinik in Rostock wandte.
Ein Mosaiksteinchen war eine Mutter, der ich in Rostock begegnete. Ihre Tochter durfte nach Belgien zur Kur ausreisen.
Ein kleines Wunder, denn außer Rentnern oder Privilegierte, durfte damals niemand aus der DDR ins westliche Ausland und in die BRD reisen. Kinder schon gar nicht.
Sie erklärte mir den Weg über alle Instanzen bis hin zum Ministerium für Staatssicherheit.

Ein weiteres Mosaiksteinchen war der Zufall, dass ich in Potsdam eine Zeitschrift in die Hände bekam, die von der Satteldüne auf Amrum (Kinderfachklinik für Mukoviszidose) berichtete.
Während einer Familienrüstzeit kam unser Pfarrer der St. Nikolaikirche auf die Idee, dass meine Tochter mit Hilfe der Kirche nach Amrum müsse. Allerdings hatte man bis jetzt nur Rentner, die die Grenze überschreiten durften, durch Kirchenspenden mit Kuren versorgen können. Für meine Tochter musste erst eine Reisegenehmigung her.
Das Mosaik des Lebens nahm Form an. Das Ziel war Amrum, den Weg durch den Behördendschungel hatte mir die Mutter in Rostock verraten.

Jetzt fehlte der Kontakt nach Amrum, um die Bedingungen, den Preis, den Platz usw. zu erfragen. Telefonate in den Westen gab es nicht. Man konnte angerufen werden, aber ohne Telefon zu Haus – keine Chance.

1987 machte ich die internationale Donautour (TID) mit. Wasserwandern per Muskelkraft. Als DDR Bürger durften wir in Bratislava einsetzen und Ungarn durchqueren. Hier trafen wir auf Herrn Kaiser aus Hamburg, ein Christ, bei dem Nächstenliebe und Solidarität stark ausgeprägt waren. Er wurde zum Vermittler zwischen der Fachklinik auf Amrum und mir.

Dann kam endlich die Botschaft: Die Klinik wollte meine Tochter 6 Wochen aufnehmen, die St. Nikolaikirche übernahm die Finanzen, nur ich hatte noch keinen Reisepass für meine 14 jährige Tochter. Es waren nervenaufreibende Bedingungen und Vorschriften über Vorschriften, die überwunden werden mussten.
Im Sommer 1989, Zwei Tage vor Kurbeginn konnte ich den Kinderreisepass abholen. Dank Einsatz von Kirchenvertretern im Hintergrund wurde er ausgestellt.
Ich selbst durfte die Grenze nicht überschreiten. Meine Mutter als Rentnerin hatte da eher Freiheiten. Sie brachte meine Tochter nach Amrum. Die Überfahrt mit der Fähre, die Übernachtungskosten für eine Nacht auf Amrum, sowie ein kleines Taschengeld spendierte unser Hamburger Freund.
Meine 14 jährige Tochter war so aufgeregt beim Start, dass sie fast ohne Abschied im Palast der Tränen, Kontrollpunkt der DDR-Grenzpolizei für DDR-Ausreisende in Berlin, verschwand. Meine Tochter war das dritte DDR Kind in der Satteldüne auf Amrum.
Ich war ausgegrenzt, kein Arztgespräch, keine wirkliche Vorstellung von der Therapie. Einmal in der Woche ein kurzer Anruf von meiner Tochter, die mit dem kleinen Taschengeld haushalten musste.
Sie stand vor vollen bunten Geschäften, wie sie in Kur und Urlauberorten besonders verlockend sind und zwischen West und Ost gravierende Unterschiede aufwiesen. Während die anderen Kinder fast jeden Wunsch erfüllt bekamen, denn kranken Kindern erfüllt man noch schneller Wünsche, sah sie zu und staunte.
Sie kam mit Fachwissen, guten und bitteren Erfahrungen nach Hause. Wieder in der DDR durfte sie nicht von Amrum erzählen. Einige Eltern und Lehrer wollten es nicht. Das hätte ein anderes Bild der BRD ergeben, nicht mit dem identisch, was gelehrt wurde.
Die Geschichte ihrer Rückkehr in die DDR kann mit einer Kriminalgeschichte konkurrieren.
Ich habe sie zur Erinnerung aufgeschrieben. Judith ist am 01.05.2000 gestorben. Ihre Kur auf Amrum war eine lebensverlängernde Maßnahme mit gleichzeitiger Verbesserung ihrer Lebensqualität.
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Nun ist es soweit:
Der Kolonnadendachrundgang der St. Nikolaikirche Potsdam wird eröffnet. Im Juni wird die Eröffnung mit einem ganztägigen Programm in und um die St. Nikolaikirche gefeiert.
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