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Rapunzel reloaded – herzerwärmendes Märchen, handfestes Gesellschaftsdrama

Potsdam: Bahnhofspassagen Potsdam | Mit „Rapunzel – Neu Verföhnt“ ist der Wald-Disney-Kulturindustrie tatsächlich ein neues Meisterwerk gelungen, ich sah es am vergangenen Freitag sowie am Sonntag, dem 12. Dezember in der UCI Kinowelt Potsdam.

Auch wenn Extremblondine Rapunzel in erster Linie wohl mehr durch ihr Haarwerk und ihre anfängliche anzüglich-naive Ängstlichkeit auffallen soll als durch ihre letztendliche Durchsetzungsfähigkeit und ihren Willen zum Umbruch; auch wenn das Animationsfilmstudio erneut alle Register zieht, wenn es um die Bedienung von sich kaum erfüllenden romantischen Klischees geht – wie schon bei „Aladdin“, „Arielle“ und „Mulan“ trifft eine Ausnahmeschönheit zu ihrer Befreiung aus einem Unfreiheitszustand auf ihren durch Charme und starke Unterkiefermuskulatur auffallenden Draufgänger, Retter oder Prinzen (studiVZ-Gruppe „Disney hat mir unrealistische Vorstellungen von Liebe vermittelt“ lässt grüßen) –; und auch wenn Psychoanalytiker Freud sich wohl kaum halten könnte, müsste er die samt-seilhaften Haare und den hohen knechtenden Gefängnisturm traumdeuterisch analysieren – trotz allem (oder gerade deswegen?) gelingt es dem Großstudio, ein gefühltes Dutzend Mal wohlige Gänsehaut zu produzieren, den Atem unbewusst abflachen und genau so unsteuerbar wieder beschleunigen zu lassen (vorausgesetzt, man lässt sich darauf ein). Die perfekte und vor allem menschliche 3D-Ausführung der Charaktere unterstützt den Effekt enorm.

Die vermeintliche Mutter warnt Rapunzel vor den „grausamen, egoistischen“ Bewohnern der Welt, vor Mördern, Krankheiten und sonstigem Übel. Dass sie selbst das eigentliche Übel ist, verschweigt sie natürlich – schließlich hält sie „Blondie“ nicht aus Altruismus im Turm, sondern aus purem Eigennutz, nämlich aufgrund des Jungbrunnen- und Heileffekts der jungen Frau, den sie nicht teilen möchte. Die floskelhaften Warnungen erfüllen sich nicht, im Gegenteil: Rapunzel erlebt bei ihrem ersten Schritt in der Freiheit einen sympathisch-schneidigen Dieb, der nur zum Verbrecher geworden ist, weil er sich bei der Annäherung an sein vorbildhaftes Kindheitsidol vom guten Weg abgekommen ist. Eher nebenbei bekehrt Rapunzel mit nur zwei einfachen Sätzen ein ganzes Verbrecherheer, welches als arbeitslose Industriereserve im Lokal „Zum Quietscheentchen“ sein trostloses Dasein fristet, sich aber mit Hilfe Rapunzels Gutmütigkeit schnell auf seine vielen schönen Träume besinnt (Konzertpianist werden, Innenarchitekt werden, kleine Einhornfiguren sammeln etc.), für die in der widersprüchlichen Gegenwart kein Platz ist. Die Laternenschar, die ihre königlichen Eltern jährlich in der Hoffnung auf ein Lebenszeichen ihrer entführten Tochter aufsteigen lassen, erlebt Rapunzel nicht als angebliche unerreichbare Sternenwolke, sondern als greifbares Zeichen einer Zeit, die ein Leben einläuten wird, welches sich grundsätzlich von dem Unrechts- und Exploitationsverhältnis, welches Rapunzel und die vielen anderen in Unfreiheit lebenden Ausgebeuteten bisher erleben mussten, unterscheidet.

Kurz vor dem Laternenspektakel fragt Rapunzel: „Was ist, wenn es nicht so ist, wie ich es mir erträumt habe? Oder wenn es doch so ist?“. Ihr zur Vernunft gekommener Befreier weiß die Antwort: „Dann wir es Zeit für einen neuen Traum“. Von welchem Traum hier die Rede ist, muss klar sein: Es geht um den Traum, in dem sich widerliche Klassenverhältnisse, ungerechte Besitzverteilungen und Fremdbestimmung in würdige, von Wohlstand, Glück und Erfüllung geprägte und damit erst wirklich freiheitliche Lebensumstände für alle Menschen umkehren. In dieser Zeit treten auch die beiden Oberhäupter der Staatsbürokratie, das besorgte Königspaar, nur noch als glückliche Eltern, nicht mehr als herrschende Verwaltungschefs auf. „Du hast dich in der Welt geirrt!“, wirft Rapunzel ihrer Peinigerin an den Kopf und deckt auf, dass es eine Alternative zur defizitären Gegenwart gibt. Diese Neuordnung ist nur mit Aufopferungsbereitschaft, guter Arbeit und der ständigen Hoffnung auf die Verwirklichung allumfassender Träume erreichbar. Die typische „Moral“ eben, die irgendwie in jedem (Walt Disney)-Film steckt, schließlich verkauft sie sich gut. Dass diese Botschaft allgegenwärtig geworden ist, beweist, dass Träume vom Umbruch „in“ sind. Um das immer wieder aufs Neue festzustellen, lohnt es sich, ins Kino zu gehen.
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