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Radiojodtherapie bekämpft Schilddrüsenerkrankungen

(Foto: Klinikum Ingolstadt)
Radioaktive Strahlung wird meist mit Krieg und Katastrophen in Verbindung gebracht. Dabei kann sie auch sehr heilsam wirken: Besonders in der Therapie von Schilddrüsenerkrankungen bietet sie ein ebenso einfaches wie elegantes Verfahren: die Radiojodtherapie.

In Deutschland und den Alpenländern gibt es eine Krankheit, die ihren Ursprung in der Eiszeit hat. Denn dabei handelt es sich um die Folgen einer Mangelerscheinung, die mit den Eiszeiten in der Erdgeschichte auf dem europäischen Kontinent zu tun hat: Jodmangel und in seiner Folge Schilddrüsenerkrankungen. Im Verlauf der Eiszeit wurden die leicht löslichen Jodverbindungen mit dem Schmelzwasser aus Böden und Gesteinen ausgewaschen und in die Meere transportiert. Seitdem haben die pflanzlichen Lebensmittel sowie Tierfutter in Deutschland und den Alpenländern, aber auch Dänemark und den Niederlanden einen im Vergleich stark reduzierten Jodgehalt. Jod aber ist ein lebenswichtiges Spurenelement, das vor allem für die Funktion der Schilddrüse und die Versorgung des Körpers mit Schilddrüsenhormonen wichtig ist.

Die Schilddrüse ist ein kleines Organ mit großer Wirkung. Sie sitzt vorne am Hals unmittelbar vor und neben dem Schildknorpel, einer Knorpelstruktur am Eingang der Luftröhre – daher ihr Name – und steuert durch Hormone den Stoffwechsel und die Entwicklung des menschlichen Körpers oder auch die Reizbarkeit unseres Nervenkostüms. Ist der Hormonhaushalt gestört, gerät der Mensch aus der Bahn. Schilddrüsenerkrankungen können je nach Typus und Art der Erkrankung zu Haarausfall, Störungen der Herzfunktion wie schnellem oder ungleichmäßigem Herzschlag, Verdauungsstörungen, Zittern, Kraftlosigkeit und vielen anderen Symptomen führen. Sie sind in Deutschland recht häufig – der Jodmangel lässt grüßen. Bei jedem dritten älteren Erwachsenen ist die Schilddrüse nach Schätzungen krankhaft vergrößert oder enthält Knoten, bei vielen funktioniert sie nach dem Gesundheitsbericht der Bundesregierung zu stark oder zu schwach.

Die Schilddrüse versucht, einen dauerhaften Jodmangel durch eine Vergrößerung zu kompensieren. Sie wächst zu einer unnatürlichen Größe und bildet einen „Kropf“ aus, den die Mediziner „Struma“ nennen. Besteht der Jodmangel über einen längeren Zeitraum, kann es auch zur Ausbildung von Knoten kommen, die als sogenannte „autonome Adenome“ unkontrolliert Schilddrüsenhormone bilden und so auch zu einer Schilddrüsenüberfunktion führen können. Neben diesen sogenannten „heißen“ Knoten, die aktiv und autonom viele Schilddrüsenhormone produzieren, gibt es auch die „kalten“ Knoten, die zwar nicht zu einer Schilddrüsenüberfunktion führen, dafür aber ein Risiko für Schilddrüsenkrebs mit sich bringen. Während die Schilddrüsenfunktionsstörungen zu Zeiten des Schweizer Chirurgen und Nobelpreisträgers Emil Kocher, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts intensiv mit der Schilddrüse und ihrer Funktion beschäftigte, noch als unheilbar galt, entdeckte man später, dass etwa Schilddrüsenunterfunktionen durch die Gabe von speziellen Hormonen erfolgreich behandelt werden können.


Einfache und elegante Methode

Heute verfügt die Medizin zusätzlich über eine bereits in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts erstmals entdeckte Therapiemöglichkeit, die sich radioaktive Strahlung zunutze macht: die Radiojodtherapie. Die nuklearmedizinische Methode ist ebenso elegant wie einfach. Sie macht sich eine besondere Eigenschaft der Schilddrüse zunutze beziehungsweise die enge Beziehung zwischen dem Spurenelement Jod und der wichtigen Drüse, die den Hormonhaushalt steuert. Egal wie man dem Körper Jod zuführt, es wandert immer in die „Schilddrüsenhormonzentrale“ des Körpers. Diese Eigenschaft in Verbindung mit dem nuklearmedizinischen „Tracerprinzip“, welches besagt, dass ein radioaktives Element im Körper exakt der gleichen „Spur“ folgt wie sein nicht-radioaktives Gegenstück, führt zu einer sehr effizienten Therapie von Schilddrüsenerkrankungen. Die Nuklearmediziner (zusammen mit Physikern und Radiochemikern) sind durch ihre Verfahren in der Lage, die gewünschten Stoffe mit radioaktiver Strahlung zu versehen und in den Körper zu leiten, um sie so gezielt gegen bösartige oder unerwünschte Zellen einzusetzen. Dieses Verfahren funktioniert besonders gut mit radioaktiv strahlendem Jod, wie dem Jod-Isotop 131, da es ausschließlich in der Schilddrüse gespeichert werden kann.

Das Jod wird dabei im europäischen Ausland hergestellt, per Bahn und LKW nach Ingolstadt transportiert, auf der nuklearmedizinischen Station des Klinikums Ingolstadt im so genannten „Heißlabor“ portioniert und dann in Form einer Tablette oder als Flüssigkeit vom Patienten geschluckt oder getrunken. Es wandert über die Magenschleimhaut und die Blutbahn in die Schilddrüse und wird im Schilddrüsenfollikel, aber auch und vor allem in den „heißen“ Knoten der Schilddrüse gespeichert. Durch die radioaktive Beta-Strahlung, die von dem radioaktiv strahlenden Jod abgegeben wird, wird anschließend das unerwünschte Zellgewebe in der Umgebung bestrahlt, ihre DNA verändert und so eine Art „programmierter“ Zelltod eingeleitet. Die Wirkung der Strahlung ist dabei jeweils auf einen Umkreis von wenigen Millimetern begrenzt, während die weitere Umgebung und der restliche Körper nur durch die deutlich schwächere und weniger gefährliche Gamma-Strahlung erreicht werden. „Das Verfahren ist überaus sicher und hat sich seit seiner erstmaligen Anwendung vor mehr als 60 Jahren bewährt. In der sehr langen Nachbeobachtungszeit wurde bei den behandelten Patienten kein erhöhtes Krebsrisiko festgestellt. Zudem ist das Verfahren recht einfach: Die Patienten schlucken lediglich eine Tablette oder Flüssigkeit und spüren dabei in der Regel überhaupt nichts“, erklärt Cremerius.


Hohe Erfolgsquote

Dennoch stehe natürlich die Sicherheit sowohl der Patienten als auch ihrer Angehörigen und der Umwelt an erster Stelle. Auch wenn die Wirkung der Strahlung örtlich und zeitlich begrenzt ist – die Patienten bleiben im Rahmen der Radiojodtherapie im Schnitt vier bis fünf Tage im Krankenhaus, denn in Deutschland gilt eines der strengsten Strahlenschutzgesetze weltweit, welches die Durchführung genauestens regelt und so insbesondere die Angehörigen vor unnötiger Strahlung schützt. Rund 300 Patienten werden in der Ingolstädter Klinik pro Jahr mit nuklearmedizinischen Verfahren behandelt. Etwa zwei Drittel von ihnen kommen mit gutartigen Erkrankungen der Schilddrüse, meist Überfunktionen, etwa ein Drittel leidet an bösartigen Schilddrüsenerkrankungen, welche auf dem gleichen Weg behandelt werden können.

Obwohl heute das Problem des Jodmangels in der Nahrung schon weitgehend behoben ist, weil unserer Nahrung heute Jod künstlich zugefügt wird, leiden immer noch viele Menschen an Schilddrüsenerkrankungen – und werden es weiterhin tun. „Die Schilddrüsenkranken werden nicht weniger“, sagt Prof. Dr. Uwe Cremerius. „Denn im gleichen Maß, wie die durch den Jodmangel verursachten Autonomien der Schilddrüse abgenommen haben, nehmen andere, vom Jodmangel unabhängige Formen der Schilddrüsenüberfunktion wie die Basedow-Erkrankung und leider auch der Krebs der Schilddrüse derzeit zu. Insgesamt 60.000 bis 70.000 Menschen werden in Deutschland pro Jahr an rund 150 Einrichtungen deswegen mit nuklearmedizinischen Verfahren behandelt“, erklärt Cremerius, „und damit mit einem Verfahren, das ohne Operation auskommt und durch die besondere Eigenschaft der Schilddrüse, Jod zu speichern, besonders elegant ist.“ Die Erfolgsquote liege bei 90 bis 95 Prozent, so der Institutsdirektor.

„Die Strahlendosen sind relativ gering und bestrahlen nur ganz gezielt die Körperregion, die auch tatsächlich bestrahlt werden soll“, so Cremerius. Dabei gilt das Prinzip, dass jeweils nur so viel Strahlung eingesetzt wird, wie unbedingt nötig ist. Das Verfahren zeige auch, dass radioaktive Strahlung nicht grundsätzlich zu verdammen sei, sondern auch viele heilsame Chancen für die Medizin biete.

Daher ist Cremerius überzeugt davon, dass die Nuklearmedizin auch in Zukunft einen wichtigen Beitrag für die Medizin liefern wird. Während das heute als Ausgangssubstanz verwendete, natürlich vorkommende radioaktive Uran wohl schon in einigen Jahrzehnten zur Neige gehen könnte, gibt es auch die Möglichkeit, die wichtigsten Ausgangssubstanzen der Nuklearmediziner wie Jod und Technetium in Teilchenbeschleunigern auf anderem Wege herzustellen. Dieses Produktionsverfahren befindet sich heute bereits in der Erprobung und ist momentan noch nicht wirtschaftlich, bietet aber auch für die fernere Zukunft die Gewähr, dass nuklearmedizinische Techniken zur Heilung und Darstellung von Krankheiten dauerhaft eingesetzt werden können.


Zum Bild:

Prof. Dr. Uwe Cremerius, Direktor des Instituts für Nuklearmedizin, setzt im Klinikum Ingolstadt die Radiojodtherapie gegen Schilddrüsenerkrankungen ein.
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2 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 24.08.2009 | 15:35  
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Margit Klein aus Falkenstein/Vogtland | 11.11.2009 | 11:39  
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