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Chinesische Ärzte praktizieren im Klinikum Ingolstadt

Die Orthopädische Klinik im Klinikum Ingolstadt wurde von zwei chinesischen Ärzten besucht, die dort auch praktizierten.

Das Klinikum Ingolstadt gibt regelmäßig Praktikanten oder Hospitanten die Chance, Berufserfahrung zu sammeln und Einblicke in das größte Krankenhaus der Region zu bekommen. Derzeit sind am Klinikum allerdings zwei Praktikanten der besonderen Art zu Gast:

Sie sind Mitte 40, sprechen kein Wort Deutsch, sind bereits voll ausgebildete Ärzte und haben eine Anreise von vielen tausend Kilometern hinter sich. Die beiden heißen Lu Shenglin und Xiao Yinan und kommen aus der Volksrepublik China. Ihr Ziel: Von der medizinischen Versorgung im Klinikum Ingolstadt zu lernen, denn selbst behandeln dürfen sie in Deutschland nicht. Die beiden Ärzte aus dem Reich der Mitte sind zwar erfahrene Orthopäden, aber sie haben keine Arbeitserlaubnis in Deutschland. Darum geht es ihnen aber auch gar nicht: Sie wollen einfach nur zuschauen und lernen.

Shenglin und Yinan sind Teil einer größeren Gruppe von chinesischen Ärzten, die nach dem Willen der Volksrepublik nach Deutschland gekommen sind. Der Auftrag ist einfach: Die erfahrenen Ärzte sollen so viel beobachten, verstehen und dokumentieren, wie möglich. Sie sollen lernen, wie die Deutschen operieren und ihre medizinische Versorgung organisieren. „Die chinesische Ärzte und Ärztinnen brauchen mehr internationale Erfahrung, damit sie gut in China arbeiten können“, heißt es in einem Schreiben des „Deutsch-Chinesischen Technologie Austausch e.V.“ in Grevenbroich, der den Austausch mit dem Klinikum organisiert. Der Austausch wird von der chinesischen Regierung finanziert, berichtet Dawei Xiong von der Organisation in Grevenbroich.

Lu Shenglin und Xiao Yinan sind Orthopäden. Seit Ende November hospitieren sie in der Orthopädischen Klinik des Klinikums unter der Leitung von Prof. Dr. Axel Hillmann, um dem Direktor der Klinik und seinen ärztlichen Mitarbeitern über die Schulter zu schauen. Sie werden Diagnosen, Therapien und Operationen begleiten und die Organisation in der Klinik begutachten.

Die beiden Chinesen sind eher ruhige Zeitgenossen, stille Beobachter, wie Werner Büchl, der den Austausch von Seiten des Klinikums organisiert hat, nach den ersten Tagen aus der Orthopädischen Klinik gehört hat. Jeden Tag verbringen die beiden, die zu Hause nach den Angaben des „Vereins für Technologie Austausch“ angesehene Orthopäden mit viel Berufserfahrung sind, mehrere Stunden in den Operationssälen des Klinikums. Sie sind bescheiden und freundlich und sind sich auch als erfahrene Ärzte nicht zu schade, als „Hakenhalter“ bei Operationen zu arbeiten – eine Tätigkeit, die sonst eher von studentischen Hilfskräften ausgeführt wird. Selbst behandeln und operieren dürfen sie nicht, aber ihre deutschen Kollegen unterstützen – und genau beobachten, wie ihre Ingolstädter Kollegen die verschiedensten Eingriffe durchführen.

Beide sind erfahrene Ärzte und praktizieren seit vielen Jahren an einem Krankenhaus in der südchinesischen Industriestadt Nanning, der Provinzhauptstadt des Autonomen Gebietes Guangxi, die mit insgesamt rund sechseinhalb Millionen Einwohnern noch lange nicht zu den größten Städten des Riesenreiches zählt – in Deutschland kaum vorstellbare Dimensionen. Anschließend sollen sie zurückkehren und mit den Erfahrungen aus Deutschland die medizinische Versorgung in China verbessern – ähnlich, wie man es auch in Ingolstadt aus der Automobilindustrie kennt, wo ebenfalls immer wieder asiatische Delegationen zu Besuch waren und sind. Genau beobachten, nachmachen und schrittweise verbessern lautet auch in der Medizin die Devise.

Gerade erst hat China Deutschland als traditionelle Nummer drei unter Ländern mit der größten Wirtschaftsleistung verdrängt. Dennoch leben viele Chinesen in Armut und die medizinische Versorgung des Riesenreiches liegt für den Großteil der Bevölkerung weit unter dem mitteleuropäischen Standard. Das Land ist gespalten: Während sich unter den Superreichen dieser Welt auch immer mehr Millionäre und Milliardäre aus dem Reich der Mitte tummeln, lebt und arbeitet ein großer Teil der Bevölkerung des Landes mit seinem gewaltigen Produktionsvolumen bei winzigen Stundenlöhnen von oft nicht einmal einem Dollar unter teils schwierigsten Bedingungen. In jüngster Zeit aber hat die chinesische Staatsregierung verschiedene Programme aufgelegt, die die Umweltstandards verbessern, die Arbeiterrechte und die Arbeits- und Lebensbedingungen der breiten Bevölkerung verbessern sollen.

Die Olympischen Spiele in Peking, so sagt Dawei Xiong, sollen der Welt zeigen, wie modern und hoch entwickelt die Volksrepublik inzwischen ist. Das sportliche Großereignis im kommenden Jahr ist auch der offizielle Anlass des chinesischen Besuches in Ingolstadt. Man habe bei der Fußballweltmeisterschaft gesehen, wie gut die ärztliche Versorgung in Deutschland gewesen sei. Warum ausgerechnet Ärzte aus einer südchinesischen Provinz im Rahmen der Olympiade, die sich auf Peking konzentriert, tätig sein werden, wird auch auf Nachfrage nicht ganz klar. In China wolle man für die Olympiade eine möglichst perfekte medizinische Versorgung auf die Beine stellen – mehr lässt sich den vagen Worten Xiongs in gebrochenem Deutsch nicht entnehmen. Shenglin, Yinan und ihre Kollegen sollen „sehen, wie die Abläufe sind“, sagt Xiong, „und auch, wie man in Deutschland lebt“.

Insgesamt 36 Ärzte sind laut dem Vertreter des Vereins „Deutsch-Chinesischer Technologie Austausch“ in verschiedenen Kliniken in Düsseldorf, Hannover und anderswo in Deutschland auf höflicher „Beobachtungsmission“. Über das Internet sei ein Kollege auf das Klinikum Ingolstadt aufmerksam geworden, erklärt Dawei Xiong. Aber Ingolstadt sei auch in China durchaus bekannt, vor allem wegen Audi. Zwei Monate haben die beiden chinesischen Orthopäden die Abläufe in der Orthopädischen Klinik des Klinikums begleitet und beobachtet. Denn sie sollen so viel wie möglich an Eindrücken und Wissen aus den Behandlungszimmern und OP-Sälen des Klinikums mit nach China nehmen – Olympiade hin oder her.
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