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Dekadenz – Arm und Reich in Deutschland 2017

Ein ganz normaler Werktag um etwa 14 Uhr. Ich bin kurz beim Tanken „hängen geblieben“ und klöne in der Groß-Tankstelle eine wenig mit der freundlichen Kassiererin. Ein moderner britischer Geländewagen fährt vor, der Fahrer, gepflegte, aber völlig normale Erscheinung, etwa Mitte 40, tankt nicht, sondern wendet sich nach kurzem Blick in das Getränkeregal der Tankstelle an die Verkäuferin und fragt nach seinem Lieblings-Wodka. Ich werde aufmerksam und denke: „Oh, mal wieder ein armer Alki, der seinen Flachmann jetzt ganz dringend braucht; das kenne ich ja nur zu gut aus meiner Jugendzeit auf dem Bau!“
Als die Kassiererin sagt: „Der ist ausverkauft; wir haben nur noch den teuren Wodka“, greift der Mann wortlos nach einem Einkaufskorb und stellt 2 große 0,7 Liter Flaschen des Wodkas hinein. Ich bin etwas irritiert, denn direkt gegenüber der Tankstelle (also wirklich direkt gegenüber), sind gleich 2 Lebensmittel-Geschäfte, bei denen um diese Stunde nicht eben sehr viele Kundenfahrzeuge parken. Das bizarre Spielchen geht aber noch weiter. Suchend packt der Mann weitere Lebensmittel in den Korb. Gespannt verharre ich noch ein wenig rechts von der Ladenkasse. Dann bezahlt er völlig gelassen einen exorbitanten Preis für seinen mutmaßlichen Wocheneinkauf in der Tankstelle. Er steigt völlig entspannt in sein Auto und fährt langsam davon.
Ich schaue die Verkäuferin an und frage ziemlich fassungslos:“Was bitte war denn das?“
„Das ist normal sagt sie, wir haben etliche solcher Kunden, über so etwas denke ich schon gar nicht mehr nach!“
Auf meinem Heimweg kommen mir Bilder aus einem Jugoslawien-Urlaub der frühen 1980er Jahre in den Sinn. Damals war das schöne, aber sozialistische Land ein Paradies für uns DM-Touristen; alles war extrem günstig! Da gab es aber einen Vorfall mit angetrunkenen Deutschen in einem Restaurant, die sich mit den nahezu wertlosen jugoslawischen Geldscheinen gegenseitig Feuer gaben. Der gedemütigte Wirt muss wohl die Miliz gerufen haben, denn die Angeber wurden umgehend festgenommen. Wir, mit unseren Freunden, diskutierten natürlich diesen peinlichen Vorfall und fanden es richtig, dass man dieses Verhalten bestraft.
Dann denke ich an andere Vorfälle, wo ich junge Leute an Bushaltestellen beobachtet habe, die 25-Cent-Pfandosen nicht achteten und sie auch nicht in den Papierkorb (direkt neben ihnen) warfen, sondern sie auf die Fahrbahn schleuderten und sich kaputt lachten, wenn Autos sie platt fuhren. Ich dachte dabei dann oft an meine Kindheit, wo ich mich über 50 Pfennige stets sehr gefreut hatte und mir dafür gern eine Eis gekauft habe!
Angesichts dessen, was ich da nun auf der Tankstelle erlebt habe, muss ich gestehen, dass ich noch immer fassungslos darüber bin, wie unsere Superreichen sich selbst hier in diesem (ehemals) unserem Lande verhalten, denn es gibt auch nicht ansatzweise eine logische Erklärung für solches Verhalten, außer dass man den Bezug zu Geld und seinem Wert komplett verloren hat! Letztlich versuchte ich mir sogar vorzustellen, ob ich mich ähnlich dekadent verhalten würde, wenn ich so reich wäre. Ich glaube ehrlich gesagt, wohl nicht.
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Wilhelm Heise aus Ilsede | 21.06.2017 | 07:27  
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